Full text: Hessenland (7.1893)

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dramatischem Gebiete sich ein Aufstreben zu der 
Ruhmeshöhe echter Begeisterung kund that. 
Tankmar hatte kaum einer Vorstellung bei 
gewohnt , aber er kannte die Tragödien der 
Alten und verglich ihre Grundsätze in der ihm 
eigenen Gründlichkeit mit den Leistungen der 
Neuzeit. — 
Aurora mochte da nmnches erfahren, was 
ihren 17 Jahren bislang fremd blieb, sicher aber 
fesselte die interessante Persönlichkeit des jungen 
Erbherrn zu Welsen und Münikerode die Dame 
lebhafter, als seine Auseinandersetzungen es ver 
mochten. 
Im Eifer des Gesprächs hatten die Beiden sich 
von der übrigen Gesellschaft getrennt, wurden 
dessen jedoch erst inne, als der Kammerherr von 
Buttlar sie aufsuchte, um Fräulein von Wilden 
mitzutheilen: der Hof sei zum Aufbruch bereit, 
weshalb ihre Mutter der Säumigen ungeduldig 
harre. 
Nun traten alle Drei schleunig den Rückweg 
an, während dessen die beiden Herren noch einige 
Verabredungen wegen des in Aussicht genommenen 
Besuches der Galerie trafen. 
„Ach!" rief Aurora, von dem Gegenstände 
angeregt, „lassen Sie auch mich zugegen sein, 
Herr von Buttlar. Ich möchte den Kommen 
taren unseres größten Kunstmäcenen gleich wie 
Orakclsprüchen lauschen." 
Der also Geschmeichelte verneigte sich zu 
stimmend, somit durfte man „Auf Wiedersehen" 
sagen, als die graziöse, lichte Gestalt des Mädchens 
in die seidenen Polster des Wagens tauchte, der 
sie entführte. 
Elisabeth erwartete den Bruder mit fröhlicher 
Neckerei. „Wer hätte das gedacht, daß, da Du 
kaum die Nase in die Welt steckst, die Huld des 
Landgrafen Dich mit Erweisung seiner Gnade 
überschütten würde. Noch mehr, die gepriesenste 
Schönheit unseres Hofes würdigt Dich ihrer Be 
achtung, die sie sonst nur Auserwählten zu Theil 
werden läßt." 
„Das geschieht aus Mitleid", war Tankmar's 
kurze Erwiderung. 
„Du irrst," entgegnete Frau von Loßberg, 
„die Kreise, in denen wir hier leben, schätzen 
auch andere Vorzüge als diejenigen eines un 
tadeligen Körperbaues. Die Bildung des Geistes, 
welche Du Dir in der Muße des Krankenzimmers 
aneignetest und, durch Dein Gebrechen von manchen 
Erlustigungen junger Kavaliere zurückgehalten, 
in ernstem Studium fortsetztest, kommt hier zur 
Anerkennung. Viel herzerquickende Eindrücke, 
erhoffe ich, wirst Du von hier mit fort nehmen 
oder unserem Wunsche gemäß durch dieselben 
Dich dauernd hier fesseln lassen." 
„Dazu", erwiderte der Baron, „sind die 
Pflichten zu ernst, die auf meine schwachen 
Schultern gebürdet sind. Das Wohl und Wehe 
der Eigenbehörigen der Güter Welsen und 
Münikerode ist mir unterstellt, und es ist mein 
ernstes Streben, ihnen ein gerechter und weiser 
Herr zu sein." 
„Du hast doch an beiden Stellen die alten 
Inspektoren von des Vaters Zeiten her, denen 
Du Vertrauen schenken darfst." 
„Sie sind wohl treu, aber hängen ebenso an 
alten Mißbräuchen als an den guten Gewohn 
heiten. So viel übersehe ich schon jetzt, daß ich 
gründlich aufzuräumen habe, will ich dermaleinst, 
wenn Eckebrecht des Militärdienstes müde heim 
kehrt, ihm Münikerode als einträgliches Erbtheil 
übergeben." 
„Du denkst weit hinaus," lachte Elisabeth, 
„unser junger Springinsfeld muß sich die Sporen 
erst verdienen. Laß uns hier auf der Bank 
Platz nehmen, lange werden wir der Uuserigen 
nicht zu warten haben." 
In der That kamen bereits Agnese und Ecke 
brecht in lustigen Sprüngen den Bergpfad herab, 
während die Eltern bedächtig folgten. 
Der lauge rothe Junge haschte nach der Kleinen, 
die aber flüchtete mit glühenden Wangen in die 
Arme der Mutter. 
„Ah maman! wie das schön war!" rief sie, 
„Onkel Eckebrecht hat mich mitgenommen zum 
Herkules, bis oben zum Haupte sind wir hinan 
gestiegen. 
Dann waren wir in der Grotte bei den 
neckischen Wassergeistern, weißt Du, ehe man 
sich's versieht, kommt ein Sprühregen. Den 
Eckebrecht haben sie tüchtig angeführt, pudelnaß 
lief er hinaus." 
„Du bist wohl selbst ja so ein kleiner Sprudel- 
geist," sagte Tankmar, „komm erst zur Ruhe." 
Er wollte das Kind zu sich ziehen, aber es ent 
schlüpfte ihm wie eine Eidechse und saß flugs 
neben dem Pagen im Grase. 
„Gelt," fuhr er fort, „der Onkel ist Dir 
lieber als der Ohm?" 
„Ja", erwiderte Agnese, ihn voll mit den 
blauen Kinderaugen ansehend. „Onkel Ecke 
brecht ist immer vergnügt und zufrieden mit 
dem, was ich thue, wenn ich groß bin, heirathet 
er mich auch, nicht wahr, Eckebrecht?" 
„Ja, Du bist meine kleine Braut, und wir 
werden immer lustig sein. Jetzt steh auf, Deine 
Mutter ist schon den Andern entgegen gegangen, 
gleich sind sie hier. Hören sie uns so reden, giebt 
es eine Strafpredigt, wir kennen das."
	        

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