Full text: Hessenland (7.1893)

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Der Anzug des jungen Mannes war nach 
dem neuesten Schnitt, aus braunem Sammet 
gefertigt. Spitzen von hohem Werthe zierten 
denselben am Jabot und vor den Händen. 
Unter diesen kostbaren Erbstücken der Familie 
Münikerode verbargen sich Busennadeln und 
Ringe von Diamanten. Zu den kurzen Bein 
kleidern trug der Baron weißseidene Strümpfe 
und Schuhe mit goldenen Schnallen. Von 
farbigem Golde war auch der Knopf des 
Spazierstöckchens, worauf er sich beim Gehen 
leicht stützte. 
Sie hatten das Thor durchschritten und sich 
abwärts zu der Brücke gewandt, durch deren 
Bogen die kleine Fulda in glitzernden Wellen 
der Vereinigung mit der großen Fulda zueilt. 
Verstärkt durch den Zufluß hastete der Strom 
an dem damaligen Residenzschloß vorüber, der 
Werra zu. 
Tankmar blieb stehen, um den Anblick in sich 
aufzunehmen, vor ihnen lagen die ausgedehnten, 
großartigen Orangeriegebäude, neben denen sich 
die Anlagen des Augartens mit seinen Seen, 
Wiesen, Waldpartien, Reit- und Fahrwegen 
ausbreiteten. 
„Hier brennt die Sonne," sagte Agnese, „lassen 
Sie uns heimkehren, Ohm." 
„Drunten im Marmorbad", gab er zur Ant 
wort, „muß es herrlich kühl sein, wir sind kaum 
einige hundert Schritt davon entfernt und wandeln 
gleich hier im Schatten der Allee." 
Der Eindruck, den die Schöpfung Monot's 
auf den schönheitsdurstigen Geist des Jünglings 
hervorrief, war unbeschreiblich. Nur aus Büchern 
kannte er die Beziehungen der griechischen Kunst 
zur Götterlehre, hier schienen die idealen Bilder 
seiner Phantasie Gestalt gewonnen zu haben; 
in keuscher Unnahbarkeit traten sie aus dem 
weißen Marmor der Wandbekleidung ringsum 
hervor. 
Ein Sonnenstrahl huschte durch die Spalte 
der Thür und fiel spielend auf den Scheitel des 
Kindes, welches etwas unmuthig auf der Treppe 
zum Bade inmitten des Raumes Platz genommen 
hatte. 
Tankmar schien, versunken in den Anblick der 
Bildwerke, die Gegenwart seiner Nichte ganz ver 
gessen zu haben, bis sie endlich das Schweigen 
brach, indem sie ihn mit weinerlicher Stimme an 
die Ausfahrt mahnte. „Auch Onkel Eckebrecht 
wird uns längst erwarten." 
„Du hast Recht, laß uns gehen", sagte der 
junge Mann, die lebenswarme Hand der Kleinen 
erfassend. „Sage mir. warum Du mich gewissen 
haft Ohm und Sie titulirst, während Du es 
bei Eckebrecht weder mit dem Einen noch mit 
dem Andern genau nimmst?" 
„Je nun, das kommt von selbst," antwortete 
das Kind, „vielleicht weil —" 
„Weil?" fragte er ungeduldig. 
„Ach, Sie sind doch der Aeltere." 
„Nun. das überschreitet das Jahr nicht viel; 
soll ich Dir's sagen? Kinder sind Egoisten, die 
Gesundheit und Frohsinn an Anderen mehr 
lieben, als die wohlgemeinten Ermahnungen 
Derer, die ihr Bestes erstreben. Jetzt komm, 
Dein Verlangen soll erfüllt werden." 
Schweigsam legte das Paar den Weg bis zur 
Wohnung des Geheimraths von Loßberg zurück. 
Man erwartete sie bereits, da der Wagen zur 
' Fahrt vor der Thür stand. 
Elisabeth, eine unmuthige Dreißigerin, drohte 
den Säumigen mit dem Finger, während schon 
Herr von Loßberg, als aufmerksamer Kavalier, 
Frau von Münikerode beim Einsteigen behülf- 
lich war. 
Agnesens Augen flogen von rechts nach links 
und füllten sich enttäuscht mit Thränen, einen 
letzten Blick warf sie in den Korridor, ach, da 
hinter der Thüre rührte sich's. „Entdeckt! ent 
deckt!" klang es wie Heller Jubel, und mit lachen 
dem Gesichte kam nun auch die frische Gestalt 
des Pagen zum Vorschein. 
Jetzt hatte Junker Eckebrecht die Hausjacke 
mit dem scharlachrothen, goldbetreßten Uniform 
rock vertauscht, die weißen Lederhosen waren an 
den Knieen mit Schnallen geschlossen, die laugen 
Beine staken in weißen Strümpfen. Dem hübschen 
Junker kleidete diese Tracht vortrefflich, der etwas 
kleinere Tankmar trat gegen ihn in den Hinter 
grund. 
Es war eine herrliche Fahrt die schattige Linden 
allee hinauf zum Weißenstein; wo die Anlagen 
beginnen, verließ die kleine Gesellschaft den be 
quemen, eleganten Wagen und wanderte zu Fuß 
zu dem Schlosse hinauf, durch dessen Thorbogen 
sich der wunderbare Anblick der spielenden Wasser 
künste bot, ganz wie selbige noch heute in gleicher 
Schönheit erhalten sind. 
Herr von Loßberg bot seiner Schwiegermutter 
bett Arm, um ihr den Anblick von einem höheren 
Standpunkte zu zeigen; ihnen voraus eilten 
Eckebrecht und Agnese. 
Tankmar schloß sich Elisabeth an. „Laß mich 
Deine Stütze sein, Schwester", sagte er mit einem 
Lächeln, welches mehr trübe als heiter erschien. 
„Wenn der Weg steiler wird, werde ich ohnehin 
nicht mit Euch Schritt halten können, ich armer 
Krüppel." 
„Das trifft sich gut," erwiderte Frau von 
Loßberg rasch, „daß auch ich die Anstrengung 
des Steigens scheue. Laß das rüstige Alter und 
die ausgelassene Jugend zur Höhe hinanklimmen, 
! wir bleiben in den Regionen der kleinen, wie
	        

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