Full text: Hessenland (7.1893)

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peinliche, der andere die Civilgerichisbarkeit. 
So z. B. hatte die Cent Ober-Aula die Civil- 
gerichtsbarkeit, der Blutbann hingegen gehörte 
dem Grasen von Ziegenhain. 
Zu gewissen Zeiten des Jahres hatten die 
Centeu ihre ungebotenen Dinge, zu denen sich 
alle Centpflichtigen einfinden mußten. So hatte 
in der Rorbach der Landesherr wegen der ihm 
zustehenden Peinlichkeit seine „drey vngebodin 
Ding vnd gerichte: Daz erste an dem Dienstage 
nach sente Walpurge tage: daz andir au deme 
Dynstage nach sente Michelstage. Daz drette 
an dem Denstage nach deme tzwelfften". Bei 
diesen Gerichtssitzungen wurde nur über Schuld 
und Schaden gerichtet. Diese ungebotenen Dinge 
bei den Centgerichten waren eine Frucht der 
jüngeren Zeiten. Derjenige, welcher bei den un 
gebotenen Dingen ausblieb, mußte eine bestimmte 
Strafe zahlen. Aus diesen Gerichten sind wahr 
scheinlich die späteren Rügegerichte in Hessen ent 
standen. 
Die Centgrafen aber gaben sich nicht mit allen 
Kleinigkeiten ab, sondern, wenn der Gegenstand 
der Klage nicht den Werth von fünf Schillingen 
hatte und sonst leicht zu entscheiden war, wurde 
die Klage von dem „Heimburgen Gerichte" ab 
gethan. Die Heimburgen wurden im Dorfe von 
den Bauern selbst gewählt, sie hatten nicht nur 
kleine Streitigkeiten zu schlichten, sondern auch 
für die Sicherheit und den Nutzen der ganzen 
Gemeinde zu sorgen. Auch hatten die Heim- 
burgen darauf zu achten, daß die herrschaftlichen 
Verordnungen im Dorfe genau befolgt wurden, 
wenn Rügbares vorkam, alsdann war es in ein 
Register einzutragen und die zu rügende Sache 
den Beamten alle Monate zur Bestrafung an 
zuzeigen. Später ist das Heimburgen Gericht 
abgekommen. 
2. Die Stadtgerichte. 
Unter der Gerichtsbarkeit der Centgerichte 
standen die Städte nicht, dieselben hatten viel 
mehr ihre eigenen Gerichte. Die Beamten bei 
einem Stadtgerichte waren der Schultheiß, advo- 
catus, der Bürgermeister, proconsul, die Raths- 
lcute, consules, scabini, der Gerichtsschreiber, 
scriptor, und endlich der Gerichtsdiener, bodellus. 
Bevor wir zum eigentlichen Verfahren bei den 
Stadtgerichten kommen, wollen wir uns erst mit 
diesen Beamten beschäftigen. 
Der Schultheiß, der immer vom Adel war, 
hatte das richterliche Amt in der Stadt zu ver 
walten, er war der Vorsitzende des Gerichts, die 
Rathsleute waren Beisitzer. 
Der Bürgermeister hatte sich hauptsächlich uni 
die Aufrechterhaltung des gemeinen Besten, der 
Rechte und Freiheiten der Städte zu kümmern. 
Hielt der Schultheiß das Gericht, so stellte der 
Bürgermeister wohl kaum etwas anderes als 
einen Schöppen vor. Seine Bestallung fand 
jährlich durch Wahl aus der Reihe der Schöppen 
statt. 
Die Schöppen gehörten meistens dem niederen 
Adel an, sie wurden alle Jahre gewählt. Ihre 
Zahl betrag bei großen Gerichten wenigstens 
zwölf, bei kleineren sechs oder vier Mann. Auf 
Geheiß des Schultheißen oder des Bürgermeisters 
mußten sie bei Gericht erscheinen, und wurde 
beim Ausbleiben eine Strafe von zehn Schillingen 
hessischer Währung über sie verhängt. 
Eine angesehene und wichtige Person beim 
Stadtgericht war ferner der Stadtschreiber. 
Endlich gehörte noch zum Stadtgericht der 
Gerichtsdiener; dem Bürgermeister und Rathe 
mußte er gehorsam sein und schwören, daß er 
nach bestem Wissen reden und handeln wolle. 
Die beim Gericht anhängigen Sachen wurden 
nun entweder unter Vorsitz des Schultheißen 
oder ohne ihn entschieden. Seine Anwesenheit 
war nöthig bei allen peinlichen Fällen, d. h. 
Kriminalsachen, soweit dieselben nicht der Er 
kenntniß des Laudesherrn vorbehalten blieben 
und bei allen Personalsachen gegen die Burg 
mannen. _ Rath und Bürgermeister hatten die 
Erkenntniß allein, wenn „gemeine" d. h. nicht 
adelige Bürger und Einwohner der Städte in 
bürgerlichen, sowohl Personal- als Nealsachen 
belangt wurden. 
Sachen, in denen weder der Schultheiß noch 
Bürgermeister und sein Rath erkennen konnten, 
waren in Kassel die Klagen gegen die adelige 
Dienerschaft bei Hofe, in allen Städten die 
Sachen der Burgmannen, wobei es auf ihr Leben, 
Ehre und ihre unbeweglichen Güter ankam, und 
in verschiedenen Städten die sogenannten orimina 
inaiora der gemeinen Bürger und Einwohner, 
als da sind Mord, Todtschlag und dergleichen. 
Ueber diese Sachen hatte sich der Landesherr die 
Erkenntniß vorbehalten, wie eine Urkunde aus 
dem Jahre 1317 berichtet: „Insuper in dicto 
nostro oppido non debemus personaliter iudicio 
praesidere nisi super recenti homicidio, sen 
stupro, vel in aliis casibus, quos forte noster 
officialis deficeret iudicare.“ Auch hatten die 
Städte ihre ungebotenen Dinge, bei denen nicht 
allein gerichtliche Handlungen vorgenommen und 
allerlei Rechtssachen ausgeführt und entsäiieden 
wurden, sondern hauptsächlich auch Alles, was 
gegen das gemeine Beste geschehen war, oder 
was einer dem andern zum Schaden gethan hatte, 
gerügt wurde. Da die Städte in erster Instanz 
ihre eigenen Gerichte, bei Appellationen aber
	        

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