Full text: Hessenland (7.1893)

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Bernbicke, Dalhofe, Gundesburen, Wichmauessen, 
Weisefelde, Benhesen, Wulvertshofen, Haltmuthen, 
Bursvelde, Harboldessen, Ukken, Hottenhofen, 
Aldenmunden, Ratten, Rattenhagen, Ginedardes- 
hagen, Altengeismar, wie eine Urkunde 1273 
berichtet. Auch die Herren des Jttergaues, 
welcher Gau verschiedene Cente in sich begriff, 
haben sicherlich ein Landgericht besessen. Diese 
Herren werden als Oberrichter, iuäiees oräi- 
narii, bezeichnet. 
In der Grafschaft Wetter befand sich ein 
Landgericht. Diese comitia war bedeutend, sie 
fing im Amte Frankenberg an und erstreckte sich 
durch die Grafschaft Wittgenstein bis nach 
Marburg. Größtentheils gehörte sie den Grafen 
von Battenberg. 
Zwischen Marburg und Gießen lag die oomitia 
Rucbeslo oder Reuschel. Auch die Grafen von 
Ziegenhain hatten ihr Landgericht. 
Ob die Gerichte an manchen anderen Orten 
Cent- oder Landgerichte gewesen sind, ist nicht 
mit Bestimmtheit zu entscheiden. 
Diese Gerichtsverfassung ist lange Zeit be 
stehen geblieben, bis allmälig die oberste Ge 
richtsbarkeit den fürstlichen Räthen und Re 
gierungen beigelegt wurde. 
Die allgemeinen Gerichte, die wir nunmehr 
zu betrachten haben, sind 1) die Centgerichte, 
2) die Stadtgerichte, 3) die Oberhöfe, 4) die 
Gerichtsbarkeit der Landgrafen. 
1. Die Centgerichte. 
Die bei einem Centgerichte beschäftigten 
Beamten waren der Centgraf, die Schöppen und 
der Frohnbote. 
Was nun die Centgrafen, auch Schultheißen, 
Amtmänner. „Amptlude" in einer Chronik vom 
Jahre 1357 genannt, anlangt, so waren die 
selben aus dem niederen Adel genommen. Es 
waren z. B. die Herren von Keseberg Centgrafen 
zu Geismar, die von Wolfershausen zu Kassel. 
Die Centgrafen erhielten ihre Gerichte von dem 
Herrn, dem dieselben gehörten auf Lebenslang 
zu Lehen. In späteren Zeiten fingen diese Ge 
richte an erblich zu werden. Bisweilen wurden 
die Centen dem Adel verpfändet oder versetzt, 
so gab z. B. der Erzbischof von Mainz im 
Jahre 1247 einige um Kassel herum gelegene 
denen von Wolfershausen zu Lehen, theils ver 
pfändete er ihnen dieselben. Dergleichen Ver 
äußerungen geschahen jedoch ohne der landgräf 
lichen obersten Gerichtsbarkeit Abbruch zu thun. 
Die Centgrafen sprachen das Urtheil nach dem 
Rath und dem Gutbefinden der Schöppen, deren 
es gewöhnlich zwölf oder elf waren, in welchem 
letzteren Falle der Richter oder Centgraf als 
der zwölfte Mann galt. Auch gab es Cent 
gerichte , bei denen mehr Schöppen waren, so 
hatte z. B. die Cent zu Frauenbreitungen nach 
einer Stelle der Chronik vom Jahre 1491, welche 
folgendermaßen lautet: „Ich Chuntz mit dem 
Daumen, Zentgraffe zu Frawen Breitlingen vnd 
mit ihme die vierzehn Zientschopffen ..." vierzehn 
Schöppen. Diese Beamte waren freie Leute. 
Die dritte Person beim Centgerichte war der 
Frohnbote, Büttel, bockeUus, ohne dessen An 
wesenheit kein Gericht gehalten werden konnte. 
Wenn er nicht aus dem Stande der freien 
Männer war, so mußte er doch wenigstens ein 
Freigelassener sein. Sowohl nach sächsischem als 
auch nach schwäbischem Rechte hatte er sein eigenes 
Frohnbotengericht, bei welchem er mit Zu 
ziehung einiger Schöppen die geringeren Streit 
sachen entschied. Sein Amt war also keineswegs 
ein so geringes, wie es seinem Namen nach den 
Anschein haben könnte. 
Diejenigen, denen die Centen zustanden, es 
sei nnn mit dem vollen Eigenthum oder lehen 
weise , zogen aus ihnen manchen Nutzen. So 
hatten sie das ins albergariae, Nachtfeld, 
Gastung, Atzung. Vermöge dieses Rechtes waren 
die Centpflichtigen schuldig ihren Centherrn 
oder dessen Beamten mit Pferden und Gefolge 
entweder auf bestimmte oder unbestimmte Zeit 
aufzunehmen und frei zu halten. Es rührte 
dies aus einem alten Brauch her, daß die 
königlichen Richter, wohin sie kamen, um Ge 
richt zu halten, von den Unterthanen unent 
geltlich bewirthet werden mußten. Die „Atzungs 
gerechtigkeit" war bisweilen getheilt, so in der 
Cent Ober-Aula zwischen Mainz und Ziegen 
hain. Zu dem Nutzen gehörten ferner die ein 
kommenden Geldstrafen sowie ein jährliches Ein 
kommen an Getreide. Nicht selten waren Hoheits 
rechte mit den Centen verbunden. Derartige 
Centen hießen oentenae sublimes oder terri 
toriales. 
Der Prozeß war einfach und soviel kürzer, je 
weniger man noch bestimmte Gesetze hatte. Man 
achtete, wo die natürliche Billigkeit nicht von 
selbst entschied, auf die vorhergehenden Sprüche 
des nämlichen oder eines anderen Gerichts in 
diesen und ähnlichen Fällen und so entstand eine 
Art von ungeschriebenem Landrecht. 
Gegen das 12. Jahrhundert erhielten die 
Centgerichte die Befugniß, über das Eigenthum 
unbeweglicher Güter zu erkennen. Auch erhielten 
einige den Blutbann, sowie das Recht über 
Leib und Leben, Freiheit oder Knechtschaft eines 
Menschen zu urtheilen. Sie erlangten demnach 
alle Gewalt, die in den älteren Zeiten den Land 
gerichten beigelegt war. 
Auch gab es Centen, bei denen die Gerichts 
barkeit getheilt war. Der eine Graf hatte die
	        

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