Full text: Hessenland (7.1893)

243 
Inhalts. — Zu Anfang der achtziger Jahre zog er 
sich in das Privatleben zurück, wozu ihn hauptsächlich 
sein geschwächter Gesundheitszustand bestimmte. Ab 
wechselnd hielt er sich in Nizza, Ems und Wiesbaden 
auf. Nach einer langjährigen aufreibenden Wirk 
samkeit war ihm ein ruhiger und glücklicher Lebens 
abend beschieden. Ohne von einem besonderen Leiden 
heimgesucht zu sein, entschlief er sanft in dem hohen 
Alter von fast 85 Jahren. 
V. II. 
Nahezu 72 Jahre alt verstarb am 24. August zu 
Berlin der Geheime Justizrath Dr. K a r l Oetker. 
Gleich seinem ihm im Tode (1881) vorausgegangenen 
älteren Bruder Friedrich Oetker stand er zur Zeit 
der Verfassungskämpfe in Kurhessen in den vordersten 
Reihen der Opposition. Hatte er als Mitglied der 
kurhessischen Städtekammer der Partei der Gethaner 
angehört, so schloß er sich nach der Annexion als 
Mitglied des deutschen Reichstags und des preußischen 
Abgeordnetenhauses der Fraktion der National 
liberalen an. Seine parlamentarische Thätigkeit er 
streckte sich außerdem noch auf den hessischen Kommunal 
landtag und die städtischen Körperschaften Kassels. 
Dr. Karl Oetker zählte zu den beschäftigtsten Rechts 
anwälten der Residenzstadt Kassel, auch war er jahre 
lang Vorsitzender der Rechtsanwaltskammer im Bezirke 
des Oberlandesgcrichts Kassel. Geboren am 22. 
September 1822 zu Rehren in der Grafschaft 
Schaumburg, besuchte er das Gymnasium zu Rinteln, 
studirte von 1842 bis 1845 Rechtswissenschaft in 
Marburg und habilitirte sich, da ihm der Eintritt 
in /en juristischen Vorbereitungsdienst in Kurhessen 
abgeschlagen worden war, 1847 als Privatdozent in der 
juristischen Fakultät der Universität Göttingen. Das 
Jahr 1848 führte ihn nach Hessen zurück. Er 
wurde von dem Märzministerium Eberhard zum 
Obergerichtsanwalt in Kassel ernannt. Hier verblieb 
er, bis er 1886 nach seiner Wiederverheirathung mit 
Gräfin Bothmer seinen Wohnsitz nach Berlin ver 
legte, wo er am Kammergerichte als Anwalt thätig 
war. Vertrat er auch in politischer Beziehung im 
Allgemeinen die gleiche Richtung wie sein Bruder, 
so unterschied er sich doch von demselben dadurch, das 
er weniger streitbarer Natur wie dieser war und 
daß sich seine Thätigkeit mehr aus Vermittelung, denn 
auf Verschärfung der Gegensätze richtete. 
In dem am 25. August zu Fulda im 93. 
Lebensjahre und im 69. Jahre seines Priesterthums 
verstorbenen Dompfarrer Joseph Anton Schmitt 
hat die Diözese Fulda nicht nur ihren ältesten sondern 
auch einen ihrer würdigsten, angesehensten und be 
liebtesten Priester verloren. Die Trauer um den 
Dahingeschiedenen war daher auch eine allge 
meine und aufrichtige, konnte man doch sagen, 
daß der Verewigte keinen Feind besaß. Der 
Verblichene war geboren zu Fulda am 18. 
Dezember 1801, wurde zum Priester geweiht am 
18. Dezember 1821, wurde Kaplan zu Anzefahr am 
1. September 1825, Siadtkaplan zu Fulda am 14. 
März 1828, Pfarrer zu Hofbieber am 22. Oktober 
1832, Landdechant des Dekanats Margrethenhaun am 
16. Juni 1840, Dompfarrer zu Fulda am 26. 
Oktober 1851, Dechant der Pfarrreien in der Stadt 
Fulda am 14. Juni 1856; am 18. Dezember 
1874 feierte er sein goldenes und zehn Jahre später 
sein diamantenes Priesterjubiläum. Die Fuldaer Blätter 
widmen dem Dahingeschiedenen warme Nach 
rufe. „Rastlos thätig in der Seelsorge/ heiß 
es in der „Fuldaer Zeitung/ „ein Freund der 
Lehrer und der Kinder, ein unermüdlicher Wohlthäter 
der Armen, ein leuchtendes Vorbild seiner priesterlichen 
Mitbrüder, die oft und gern seinen Rath einholten, 
hat er bis tu die letzten Jahre seine starke Gesund 
heit zu segensreicher Thätigkeit mit festem Willen 
eingesetzt, bis er, gebrechen von der Last des höchsten 
Greisenalters, nur mehr im stillen Gebete für die 
allgemeinen Anliegen der Kirche und für seine geliebte 
Dompfarrei zu wirken vermochte. Von seiner liebens 
würdigen Demuth und Bescheidenheit, die er im 
ganzen Leben an den Tag legte, zeugt noch sein 
Testament, in dem er sich jede Leichenrede und 
jedweden äußeren Prunk bei seinem Begräbnisse ver 
beten und angeordnet hat, daß sein Leichenstein die 
einzige Inschrift tragen solle: Lieber Christ, bete 
für mich." Sein Andenken wird immerdar ein 
gesegnetes bleiben. R. i. p. — Es möge uns gestattet 
sein, hier darauf hinzuweisen, daß sich in dem Leben 
des Dompfarrers Joseph Anton Schmitt in so 
mancher Beziehung die Geschichte des Fuldaer Landes 
in diesem Jahrhundert abspiegelt. Während der 
kriegerischen Zeit zu Anfang desselben hat 
wohl kein deutsches Gebiet einen solchen Wandel in 
der Herrschaft erfahren, als das Fürstenthum Fulda. 
Innerhalb 14 Jahren, von 1802—1816, hat sechs 
mal der Besitz desselben gewechselt, bis es, wenigstens 
seinem größeren Bestandtheile nach an das Kurfürsten 
thum Hessen siel, um 1866 dem Königreiche Preußen 
einverleibt zu werden. Alle diese Wandlungen hat 
der Verblichene miterlebt. Geboren war er zur Zeit 
der geistlichen Herrschaft (1801) unter dem letzten 
Fürstbischof Adalbert III. von Harstall; seine Kinder 
jahre fielen in die Regentschaft des Prinzen von 
Oranien (1802—1806,) sowie in die Zeit des 
französischen Gouvernements (1806—1810); seine 
Schul- und Studienjahre begann der nun verewigte 
Priester unter der Regierung des Großherzogs von 
Frankfurt, des Fürst-Primas Karl von Dalberg 
(1810—1813) und setzte sie fort unter dem kaiserl. 
österr. Gouvernement (1813—1815) und dem könig 
lich preußischen Gouvernement (1615—1816), sowie
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.