Full text: Hessenland (7.1893)

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„O! Gewiß!" rief die Kleine, in die Hände 
klatschend, „wenn Onkel Eckebrecht mitfährt, 
wird es spaßig werden, er hat so lustige Ein 
fälle, daß man nicht aus dem Lachen heraus 
kommt." 
Agnetens Unmuth schien auf einmal verflogen, 
plaudernd schritt sie an der Seite des jungen 
Mannes vorwärts, nicht bemerkend, daß ein 
Zug von Schwermuth über die edelen Züge 
seines Antlitzes flog. 
(Fortsetzung solgt.) 
Mo blieb Dir Dein Seelenlonnettschein? 
Vom Konservatorium kam ich nach Haus 
Und kramte auch gleich meine Noten heraus. — 
Ich spielte zuerst eine große Sonate, 
Doch die fand bei Mütterchen Lob nicht noch 
Gnade: 
„Mein Fritz! Spiel' nicht so kraus und wild! — 
Ist das die Kunst, so Schmerzen stillt?" — 
Nun sucht' ich durch Tänze von Strauß zu ge 
fallen, 
Doch spärlichen Beifall nur fand ich nach allen ... 
„Spiele das Lied, das der Vater dich lehrte, 
Ehe Dein Sinn in die Fremde begehrte, 
Aber so einfach, so leis und so lind 
Wie Du cs konntest als lockiges Kind." — 
Zwar gab ich mir Mühe, und zart und fein 
Erklangen die Töne durch's Dachkämmerlein ... 
Das Mütterchen nickte bedenklich und sprach: 
„Den seltsam verschlungenen Weisen zunach, 
Die Du zuerst mich hören ließest 
Und als die besten Sachen mir Priesest, 
Gehst Du als Künstler durch's Leben wohl hin, 
Verflogen doch ist all Dein kindlicher Sinn. — 
Dem, der sich nur freut an dem Dufte der Rosen 
Und den Blumen im Walde vorübergeht, 
Erquickt Deines Spieles berauschendes Kosen, 
Aus dem es wie sündige Liebe weht . . ! — 
Vergebens doch lauscht Dir Deiu Mütterlein; 
Fritz! 
Wo blieb Dir Dein Seelensonnenschein?" 
Rauschenberg. Walentin Traudt. 
Aus alter und neuer Zeit. 
E b e r n b u r g und Landstuhl Es ist für den 
Freund der vaterländischen Geschichte von hohem 
Interesse aus eigner Auschauung die Stätten kennen 
zu lernen, wo die Ahnen des hessischen Fürstenhauses 
unvergängliche Lorbeeren gesammelt haben, beziehungs 
weise welche in der Geschichte derselben eine Rolle 
spielen. Dies veranlaßte jüngst den Schreiber dieses 
auf einer Fußreise, welche er mit zwei hessischen 
Freunden durch das schöne Nahethal unternahm, die 
zwei Sickingenschen Burgen, Ebernburg 
und Landstuhl zu besuchen, wo Philipp der 
Großmüthige an dem mächtigen Reichsritter 
Franz von Sickingen für die Beleidigung Rache 
nahm, die ihm dieser als einem noch Unmündigen in 
der Darmstädter Fehde zugefügt hatte. 
Die Ebernburg, unweit Münster am Stein 
auf hohem Bergkegel gelegen, einst das ,Bollwerk 
der Gerechtigkeit« genannt, giebt noch jetzt in ihren 
Trümmern eine Vorstellung ihrer früheren Festigkeit. 
In dem von starken Mauern und Thürmen umgebenen 
Schloßhof ist theilweise aus den Materialien des 
alten Burgbaues eine elegante Restauration errichtet, 
welche allsonntäglich die Badegäste von Kreuznach 
und Münster, sowie die Bewohner der Umgegend 
zum Besuch der eine herrliche Rundsicht bietenden 
Ebernburg einladet. Grade gegenüber erhebt sich der 
223 Meter hohe, senkrecht in die Nahe abfallende 
Rheingrafenstein und die noch 100 Meter höhere 
Gans, an deren Fuß in tiefem Thalkessel sich das 
liebliche Frauenbad Münster mit zahlreichen Gradier 
häusern lagert; nach Norden schließt der steil ab 
fallende Rothenstein, an dessen Fuß sich die Nahebahn 
hinzieht, die Aussicht; nach Süden schweift der Blick 
über das grüne Alsenzthal nach der auf waldiger 
Höhe gelegenen alten Baumburg und nach dem 
Donnersberg, dem höchsten Punkt der schönen Pfalz. 
Im Schloßhof sieht man an verschiedenen Stellen 
das Sickinger Wappen, die 5 Knödel; eine kleine 
Sammlung von bei dem Bau der Restauration im 
Schutt gefundenen Kugeln und Waffenstücken zeugt 
von den Stürmen, welche die Burg zur Zeit ihrer 
Blüthe ausgestanden hat. 
Auf der Ebernburg war es, wo auch Ulrich 
von Hutten, unser Landsmann, der humanistische 
Vorkämpfer der Reformation bei seinem Freund 
Franz von Sickingen eine Zufluchtstätte fand und 
zwei Jahre verweilte. Von hier aus entsandte er 
die auf der Burg selbst gedruckten Flugblätter, welche 
gegen die „Dunkelmänner" gerichtet waren und das 
christliche Volk deutscher Nation zum Kampf für die 
Geistes- und Glaubensfreiheit aufforderten. Es war 
daher ein äußerst passender Gedanke, den beiden 
Kampfgenossen, von denen der eine den Kampf mit 
dem Schwert, der andere mit der Feder führte, auf 
der Ebernburg ein gemeinsames Denkmal zu errichten. 
Am Abhange des Burgbergs auf einer in den 
Weinbergen zu diesem Zweck hergestellten Terrasse 
erhebt sich auf granitenem Sockel die Doppelstatue
	        

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