Full text: Hessenland (7.1893)

238 
hm und 
Erzählung von <£. von DinKlsge-Esmpe. 
I. 
jsm Jahre des Heils 1769, an einem herrlichen 
» Sommer-Sonntage, lehnte Eckebrecht von 
' Münikerode, Zögling des Landgräflich Hessi 
schen Pagenhauses zu Kassel, nachlässig in der 
Brüstung des geöffneten Fensters eines weiten 
Jemaches. 
Der sonst von zahlreichen Gestalten belebte 
Raum machte augenblicklich einen verödeten 
Eindruck. Das hübsche Gesicht des jugendlichen 
Kavaliers zeigte das Spiegelbild der Langeweile, 
welche er empfand; denn auch die Anlagen und 
Straßen, die sich ihm als Augenweide boten, 
lagen vereinsamt in der nachmittäglichen Sonnen- 
gluth da. 
Plötzlich fühlte der gedankenlos in's Blaue 
starrende Jüngling einen kleinen Ruck an seinem 
Zöpfchen, welches vorschriftsmäßig die gepuderte 
Frisur abschloß. Unwirsch wandte er das Haupt, 
um den unberufenen Ueberfall zu rügen, aber 
alsbald erhellten sich die Züge des „langen Jungen", 
indem er in das lachende Gesicht eines Mädchens 
schaute. Die Kleine mochte etwa neun Jahre 
zählen, ihre Wangen glühten von dem raschen 
Gang durch die Sonne, und vor Erregung über 
die wohlgelungeue kühne That. 
„Gelt?" sagte sie seelenfroh, „Du hast mich 
nicht gehört, mon oncle, ich bin wie ein Mäuschen 
heran geschlichen." 
„In der That", erwiderte er treuherzig, „Du 
hast mich völlig überrumpelt, aber Dich kleines 
Fräulein durfte ich auch am wenigsten hier er 
warten, wo alles Weibliche streng verpönt ist." 
Nun wurde, Agnete von Loßberg, so hieß 
das Kind, doch ein wenig verlegen; schmollend 
brachte sie die Worte hervor: „Ich wußte es ja, 
daß Du allein wärest, wenn Du aber ungalant 
bist, so will ich gehen und den schönen Kuchen 
wieder mitnehmen, den ich für Dich gebracht habe." 
Dabei öffnete sie den Deckel eines Körbchens, 
deni der angenehme Duft frischen Backwerks ent 
quoll. „Es that mir zu leid," fuhr das Kind 
fort, „daß du hier allein im Arrest saßest, und 
von all den guten Sachen, die zu Ehren des 
Besuches von Großmama und Ohm Tankmar 
aufgetischt wurden, nicht die Spur zu schmecken 
bekamst." 
„Na Kleine", begütigte er die Grollende, „laß 
uns Frieden schließen, es war nicht so böse ge 
meint. Für die nächste Stunde garantiere ich 
vollständige Sicherheit, setze Dich zu mir und 
erzähle, wie sie zu Hause über mich abgeurtheilt 
haben. Mittlerweile bekämpfe ich mein Miß 
geschick durch Vertilgung Deiner Leckerbissen." 
„Ja", sagte das Kind, mit Aufbietung aller 
seiner Würde, „Großmama hat doch auch Recht, 
wenn sie sich darüber betrübt, daß Du niemals 
vernünftig wirst und strafwürdige Thorheiten 
nicht einmal während ihres Hierseins unterlassen 
kannst. Was hat es denn eigentlich wieder ge 
geben?" 
„Gar nichts", entgegnete der Befragte, ein 
Stück des vortrefflichen Kuchens in den Mund 
schiebend.,, So gut wie gar nichts. Ich kreidete 
dem Zeichenlehrer einen Eselskopf auf den Rücken. 
Ich sage Dir famos getroffen; aber anstatt mein 
Talent anzuerkennen, meldet mich der zweibeinige 
Esel zum Hausarrest. Es ist scheußlich fatal!" 
Plötzlich unterbrach der Junker seine Eßlust, 
richtete' die Augen forschend auf das Mädchen 
und stellte ihm die Frage: „Agnete gab Deine 
Mutter Dir den Kuchen für mich?" 
Die Kleine wurde dunkelroth und ihre Augen 
füllten sich mit Thränen; stockend gab sie zur 
Antwort: „Mama dachte wohl nur nicht daran, 
darum verbarg ich mein erstes Stück und bat 
dann noch um ein zweites, welches ich auch er 
hielt, obwohl Ohm Tankmar äußerte: Viele 
Süßigkeiten sind unzuträglich für Kinder." Dann 
nannte mich der Ohm „Trotzkopf" als ich es 
nicht sogleich aufaß, aber seine Meinung über 
mich ist mir ganz gleichgültig, wenn Du, Onkel 
Eckebrecht, Dich nur ein wenig darüber freust." 
Sie sah mit glänzenden Augen zu ihm auf, 
er strich mit der großen wohlgeformten Hand 
über ihren Scheitel. 
„Du bist das beste kleine Ding Agnete, hast 
mir ja auch versprochen mein Brüutchen zu sein, 
aber weißt Du was, eine Heuchlerin darfst Du 
mir zu Liebe doch nicht werden. Liegt mir 
selbst auch nicht viel an Bruder Tankmars 
Urtheil, so sollst Du Dich keinenfalls seinen 
Mißdeutungen aussetzen, versprich es mir." 
„Unter einer Bedingung", entgegnete sie mit 
schelmischem Lachen. „Wenn Du künftig keine 
Esclsköpfe auf den Rücken des Lehrers malen 
willst." Sie hielt ihm ihre kleine Hand hin, in 
die er lachend einschlug. „Apropos", setzte der 
Page die Unterhaltung fort, „wie gefüllt Dir 
Tankmar?" 
Das Kind wandte rasch den Kopf nach dem 
Sprecher, um seinen Gesichtsausdruck zu erspähen, 
dann stand sie behende auf den Füßen und machte 
in komischer Weise die Bewegung des Hinkens 
nach, indem sie bemerkte: „Natürlich muß dabei
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.