Full text: Hessenland (7.1893)

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schaft Dortmund. Im Zeitraum von 1818 bis 
1821 betrieb er die Vermessungen der Forste 
Leibolz, Haselstein, Sandberg, Thiergarten, 
Giesel, Kämmerzell, Bimbach, Nonnenrod, 
Fasanerie und Rommerz. Bon 1821 bis 1824 
hat er nicht weniger als 348 275 Kasseler Acker 
Staats- und Jnteressenforste eingerichtet. Von 
da ab überließ er die Betriebsregulirungsgeschäfte, 
wegen vorgerückten Lebensalters, den technischen 
Mitgliedern des wieder errichteten kurhessischen 
Oberforstkollegiums. 
Weniger glücklich war Hartig, wie Professor 
R. Heß in der „Allgemeinen Deutschen Biographie", 
B. 10, (Leipzig 1879) schreibt, mit seinen Maß 
nahmen auf waldbaulichem Gebiete. „Durch seinen 
Bruder mit dem von diesem erfundenen s. g. Hoch- 
waldkonservationshieb oder Georg Ludwig Hartig'- 
scher Betrieb bekannt geworden, suchte er diese Wirth 
schaftsform im Fuldaischen und Hessischen auch 
da einzubürgern, wo die Verhältnisse nicht dazu 
nöthigten, seit 1813 zumal in dem Forstreviere 
Flieden. Die Spuren dieses Fehlgriffes sind 
hier und da noch in vielen verachteten Buchen 
beständen und immer mehr gesunkener Bodenkraft, 
namentlich auf mageren trocknen Sandsteinböden 
wahrzunehmen. Sie würden noch sichtbarer sein, 
wenn die Praktiker, welche im richtigen Gefühl 
von diesem Hochwaldkonservationsbetrieb möglichst 
wenig hielten und denselben scherzhaft den „Hoch 
waldkonfusionshieb" nannten, den Hartig'schen 
Vorschriften genau nachgekommen wären. Zum 
Glück für den Wald handelten sie aber oft 
schnurstracks entgegen, indem sie an Stelle des im 
36—50 jährigen Holze angeordneten Stockschlages 
blos eine starke Durchforstung einlegten und 
hierdurch geschlossene Bestände und reiche Humus 
decke, mithin die Waldbodenkraft erhielten. — 
Auch die von Hartig im Großen getriebene 
Manie der Ausführung gemischter Kiefern- und 
Lärchenvollsaaten verdient, da beide Holzarten 
Lichtfreunde sind, sich daher zu ständigen 
Mischungen, nach heutigen Anschauungen, in der 
Regel nicht eignen, nur bedingte Anerkennung. 
„Die vorzüglichsten Reformen, welche unter 
Hartig's Direktion und unter den Auspicien des 
auch als Forstmann in den weitesten Kreisen 
bekannten Staatsministers von Witzleben in Kur 
hessen in das Leben traten, sind: die Einführung 
zweckmäßiger Betriebsvorschläge (1822), die 
Forststrafordnung (1822), die Holzhauer-In 
struktion (1824), die Einführung des Baumrodens 
(1825), die Verordnung von Holzversteigerungen 
(1834), das Streuregulativ (1839), das Regulativ 
für den Forstbetrieb in den Gemeindewaldungen 
(1840) rc. Es wurden durch alle diese lauter 
fundamentale Fragen betreffenden Einrichtungen 
eigentlich die ersten Bausteine für das kurhessische 
Staatsforstwesen gelegt und ein rationeller Forst 
betrieb angebahnt. 
„Auch als forstlicher Schriftsteller hat sich 
Ernst Friedrich Hartig einen geachteten Namen 
erworben. Er schrieb: „Die Forstbetriebs 
einrichtung nach staatswirthschaftlichen Grund 
sätzen" Kassel und Marburg 1826 (mit 21 
Tafeln); „Anweisung zur Aufstellung und Aus 
führung der jährlichen Forstwirthschaftspläne 
nach Maßgabe einer systematischen Forstbetriebs 
einrichtung" (mit 10 Tafeln), Gießen 1827; 
„Praktische Anleitung zum Baumroden, nach 
den neuesten Versuchen," Marburg 1827; „Prak 
tische Anleitung zum Vermessen und Chartiren 
der Forste, in Bezug auf Betriebsregulirung", 
mit 2 Kupsertafeln und Tabellen, Gießen 1828; 
„Lehrbuch der Teichwirthschaft und Verwaltung 
in Verbindung mit der Wiesen- und Ackerver 
besserung, nach den Anforderungen des rationellen 
Landwirthes abgefaßt, mit einer Steintafel und 
13 Tabellen, 1831". — Mit Ausnahme des zuletzt 
genannten Buches sind sämmtliche Werke aus 
dem Bedürfniß der Verwaltung hervorgegangen 
und speziel für diese berechnet. Man muß des 
halb bei ihrer Beurtheilung gerade diesen Maß 
stab anlegen. Hartig wollte weniger doktrinäre, 
wissenschaftliche Erörterungen, als vielmehr 
positive Anhaltspunkte für den praktischen Betrieb 
geben. Hieraus erklärt sich die meistens in 
Form kategorischer Jnstruktionsvorschriften ge 
kleidete und dem damaligen wissenschaftlichen 
Standpunkte des Forstpersonals angepaßte Schreib 
weise. Der Hauptvorzug seiner Werke liegt 
darin, daß sie auf eigenen Erfahrungen beruhen. 
Hartig schrieb z. B. seine „Forstbetriebseinrichtung 
(das Massenfachwerk betreffend) erst nachdem er 
nicht weniger als 65 Reviere zu forstlichem Nach 
haltsbetriebe eingerichtet hatte und sich auf eine 
32 jährige Erfahrung berufen konnte." So äußert 
sich der rühmlichst bekannte Professor der Forst 
wissenschaft in Gießen, Geheimer Hofrath vr. 
Richard Heß in dem angeführten Werke über 
Ernst Friedrich Hartig. 
Ganz besonders verdient noch Hartig's Für 
sorge für die wissenschaftliche Ausbildung des 
Forstpersonals hervorgehoben zu werden, die er 
nicht nur, wie bereits erwähnt, durch die Gründ 
ung der Forstlehranstalt in Fulda, sondern auch 
durch die Errichtung von Fostlesevereinen be 
kundete, wodurch dem Forstpersonale die wichtigsten 
forstlichen Zeitschriften und bedeutenderen Fach 
werke zugänglich gemacht wurden. 
War auch Ernst Friedrich Hartig seinem 
ältesten Bruder, dem berühmten Forstmann 
Georg Ludwig Hartig, Oberlandforstmeister und 
Staatsrath in Berlin (gestorben am 2. Februar 
1836) an geistiger Bedeutung untergeordnet, so
	        

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