Full text: Hessenland (7.1893)

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Superintendenten zu Marburg, Kassel, Alsfeld, 
Rotenburg, Darmstadt und St. Goar ernannt, 
deren jeder seinen Amtsbezirk hatte. Beim Ab 
gänge eines dieser Superintendenten mußten die 
Pfarrer seines Sprengels drei geeignete Personen 
vorschlagen, von denen die übrigen Superin 
tendenten entweder einen wählten und der 
Landesherr die Wahl bestätigte, oder aber der 
Landesherr ernannte einen anderen, wenn gegen 
den erwählten irgend welche erhebliche Ein 
wendungen gemacht werden konnten. Das Haupt 
geschäft der Superintendenten war die Visitation; 
sie hatten hierbei die Amtsführung, den Lebens 
wandel, die Lehre der Pfarrer, das Betragen 
der Kirchendiener, die wirthschaftlichen Ver 
hältnisse der Kirche, den Glauben, das Leben 
der Pfarrkinder zu untersuchen, überhaupt hatten 
sie Alles, nur Weniges ausgenommen zu thun, 
was den Bischöfen zur Zeit der Karolinger bei 
den Sendgerichten obgelegen hatte. An Stelle 
der Naturalverpflegung erhielten sie Geld. Statt 
der Synodalzeugen wählte die Gemeinde zwei 
oder drei Männer aus ihrer Mitte, die über 
den Pfarrer der Gemeinde, falls sich dieser etwas 
hatte zu Schulden kommen lassen, berichten 
mußten. Dem Superintendenten war es ge 
stattet in seinem Bezirke Personen zu bestellen, 
die ihm von der Lehre und dem Leben der 
Pfarrer von Zeit zu Zeit Nachricht zukomnien 
ließen. Die sechs Superintendenten hatten unter 
Zuziehung einiger Pfarrer jährlich Konvente zw 
halten und über Vortheilhafte Einrichtungen der 
Kirche zu berathen, ohne Genehmigung des 
Landesherrn durfte jedoch Neues nicht eingeführt 
noch beschlossen werden. In einer zu Marburg 
1539 gedruckten „Ordnung der christlichen Kirchen 
zucht für die Kirchen im Fürstenthum Hessen" 
wurde bestimmt, daß in jeder Kirche „Aelteste", 
die über das Verhalten der Pfarrer und Ge 
meindemitglieder Aufsicht zu führen hatten, be 
stellt würden. Ohne Erkenntniß der Superin 
tendenten durfte Niemand mit dem Kirchenbanne 
belegt werden, der damit Belegte hatte aber alle 
bürgerlichen Rechte. Am 21. Oktober 1566 
wurde die bereits erlassene Kirchenordnung 
wiederholt, neu bestätigt und folgende Verordnung 
hinzugefügt: „Von den sechs Superintendenten 
sollte der eine wie der andere die gleiche Gewalt 
haben, die neu anzunehmenden Prediger sollten 
nicht eher zum Predigeramt zugelassen werden, 
bevor sie nach Ablegung eines Examens für 
brauchbar befunden wären." In der Reformations 
ordnung vom 1. August 1572 wurde bestimmt, 
daß die Beschwerden gegen die Pfarrer entweder 
von den Superintendenten allein oder, wenn es 
wichtigere Sachen wären, von den geistlichen 
und weltlichen Räthen, von der General-Synode 
beziehungsweise vom Landesherrn selbst unter 
sucht und abgestellt werden sollten. 
In den Kirchen-Agendcn vom 20. Juli 1573 
wurde den Superintendenten eine ausführliche 
Instruktion ertheilt, wonach sie sich bei ihren 
Visitationen zu richten hatten. Landgraf Moritz 
empfahl durch die Konsistorialordnung vom 
10. Oktober 1610 den Superintendenten diese 
Visitationen nochmals. Außerdem setzte dieser 
Landgraf ein aus geistlichen und weltlichen 
Räthen zusammengesetztes beständiges Konsistorium 
ein, das zu bestimmten Zeiten eine Zusamnien- 
kunft aller Superintendenten anstellen und eine 
Ober- oder synodalische Visitation, um die 
Gleichheit in der Lehre und den Ceremonien 
beizubehalten, veranstalten sollte. Diesem Kon 
sistorium wurde die Aufsicht und die nothwendige 
Verfügung bei Bestellung der Pfarrer, die bisher 
den Superintendenten überlassen war, übertragen. 
Landgraf Wilhelm V. bestätigte durch die Pres- 
byterialordnung vom 7. April 1630 das Amt 
der Kirchenältesten. Am 1. Februar 1657 wurde 
durch Landgraf Wilhelm VI. eine erneuerte 
Presbyterialordnung und eine neue Kirchen 
ordnung erlassen, in welcher die alte weiter 
ausgebildet wurde. 
(Fortsetzung folgt.) 
rnst Kreörich Karlig, 
ein hessischer Forstmann. 
Von F. Iwenger. 
(Schluß.) 
^artig's Thätigkeit als Forstwirth war eine 
sehr umfangreiche. Das fürstlich oranische 
und das kurfürstlich hessische Forstwesen 
verdankt ihm eine ganze Reihe vortrefflicher Ein 
richtungen. Forstorganisation, Forsteinrichtung, 
Kulturwesen und forstliches Unterrichtswesen 
waren die Gegenstände, welchen er hauptsächlich 
sein Augenmerk zuwandte. Nachdem er sich von 
1803 ab zunächst vorzugsweise mit Grenzfest 
stellungsarbeiten beschäftigt hatte, entwarf er 
die neuen Forstorganisationspläne für die Fürsten- 
thümer Fulda und Corvey sowie für die Graf-
	        

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