Full text: Hessenland (7.1893)

227 
und Fr. Wieck weiter studirt und in Kassel unter 
Otto Kraushaar seine theoretischen Kenntnisse noch 
befestigt hatte, unternahm er Konzertreisen mit den 
ersten Künstlern Europas. So konzertirte er im 
Verein mit Charles Gounod, Julius Stockhausen, 
Clara Schumann, Joseph Joachim und dem sog. 
Trillerkönig Willmers in London und gab mit Thal 
berg in zahlreichen englischen Städten Konzerte. 
Von den berühmtesten Sängerinnen war Tivendell 
als feinfühliger Begleiter sehr geschätzt und gesucht. 
Durch besonders anerkennende Worte zeichnete Jenny 
Lind den begabten Klavierspieler in Dresden in 
einer Gesellschaft aus, in der sich Männer wie 
Gutzkow, Devrient u. A. befanden. Hauptsächlich 
aber ist den Musikfreunden das Zusammenspiel 
Tivendells mit Bott und Altmeister Spohr unvergeßlich. 
Welche Hochachtung der berühmte Geigenkünstler vor 
Tivendell halte, geht aus folgenden Zeilen hervor, 
die Briefen entnommen sind, welche Spohr an 
Hauptmann schrieb. Die betreffende Stelle aus dem 
ersten Schreiben vom 2. December 1843 lautet: 
,Jn dem Konzert des Willmann spielte ich mit 
Tivendell und Knoop mein zweites Trio und war 
erstaunt mit welcher Vollendung ersterer die Klavier 
partie vortrug. Dieser junge Mann wird bei seiner 
Rückkehr in England Aufsehen erregen, denn ich 
glaube nicht, daß es einen englischen Klavierspieler 
giebt, der es ihm gleich thut." In dem anderen 
Brief vom 5. Juni 1849 heißt es: »Am'Pfingst- 
tage gaben wir ein Konzert im Theater, was ziemlich 
zahlreich besucht war. Tivendell spielte mein neues 
Klavierquintett und eine Fantasie von Thalberg 
ganz meisterhaft". Unter Tivendells veröffent 
lichten Kompositionen, welche sämmtlich den durch 
gebildeten Musiker bekunden, ragen vor allem seine 
vortrefflichen „Etüden" hervor. Jnteressiren dürfte 
es auch, daß Tivendell die Kinder des letzten Kur 
fürsten von Hessen, Prinzessin Marie und Prinz 
Wilhelm, im Klavierspiel unterrichte! hat. Viele 
hundert Kasselaner und zahlreiche Ausländer haben 
den vorzüglichen Unterricht des trefflichen Mannes 
genossen und sind gewiß darin einig, daß es ihrem 
Lehrer immer darum zu thun gewesen ist, seine 
Schüler nur mit dem Edelsten und Besten in der 
Musik vertraut zu machen. Und auch Diejenigen, 
welche augenblicklich noch von Tivendell unterrichtet 
werden, rühmen den außergewöhnlich guten Geschmack 
und die sonstigen vortrefflichen Eigenschaften des 
Tonkünstlers, die ihn zu einem der begabtesten 
Klavierlehrer nicht nur Kassels, sondern Deutschlands 
gemacht haben. Trotz seiner 68 Jahre ist der 
Jubilar noch geistig frisch .und sehr thätig. Wir 
wollen darum von Herzen wünschen, daß es Herrn 
Tivendell vergönnt sei, noch viele Jahre lang der 
alte, wackere Förderer guter Musik in Kassel bleiben 
zu können. I. 
Am Sonnabend den 19. August wurde im Schau 
spielhause zu Frankfurt a. M. .Der Räuber", 
Volksstück von Elisabeth Mentzel, aufgeführt. — 
Bei vollbesetztem Hause ging dasselbe in Szene und 
der Erfolg war ein glänzender. Das Stück knüpft 
an die Tage von Schillert Aufenthalt in Frankfurt 
an. Am 17. September 1782, schreibt die ^Frank 
furter Zeitung" , flüchtete Friedrich Schiller als 
23 jähriger Zögling der Hohen Karlsschule mit seinem 
jüngeren Freunde, dem Musiker Andreas Streicher, 
aus Stuttgart zum Mannheimer Intendanten v. 
Dalberg, der bereits seine „Räuber" mit großem 
Erfolg aufgeführt hatte. In Mannheim erfuhr 
Schiller Enttäuschung auf Enttäuschung; er wagte 
nicht, dort zu bleiben, da der Herzog Karl feine 
Bitte um straffreie Rückkehr unbeantwortet gelassen, 
und ging mit dem treuen Streicher und auf dessen 
Kosten zunächst nach Sachsenhausen. Volk hier 
bat er Dalberg um 300 fl. Vorschuß, indem er ihm 
in drei bis vier Wochen sein neues Trauerspiel, den 
„Fiesko", ankündigte. Dalberg lehnte ab. „Da 
stand der Dichter an der Sachsenhäuser Brücke", sagt 
Goedeke, „und blickte die reichen großen Wohnungen 
und die lebendigen Menschen schmerzlich an, die alle 
ohne Theilnahme an ihm vorübergingen. Sie kannten 
ihn nicht, und der einzige Helfer, der ihn kannte, der 
ihn moralisch zu der Flucht verführt hatte, Dalberg, 
stieß die hilfeflehende Hand zurück. Die düsteren 
Tage von Sachsenhausen und Oggersheim wären ohne 
Streicher und seine Theilnahme noch düsterer ge 
worden.^ Diese Episode hat unsere gefeierte Dichterin 
und Schriftstellerin E l i s a b e t h M e n tz e l in Frank 
furt a. M., der wir außer den bekannten vortefflichen hes 
sischen Dorfgeschichten auch das gediegene Werk ^Ge 
schichte der Schauspielkunst in Frankfurt a. M." ver 
danken, zu dem vieraktigen Volksstücke „Der Räuber" 
verwerthet, und die Intendanz hat einen glücklichen Griff 
gethan, als sie dasselbe zur Aufführung im Frankfurter 
Schauspielhause bestimmte. — Wir geben nachstehend 
den Bericht wieder, der uns über das Lustspiel selbst 
und dessen Aufführung gütigst zugesandt worden ist: 
»Der Räuber", Volksstück von E. Mentzel, 
zum ersten Male im Frankfurter Schauspielhause 
aufgeführt am Samstag, den 19. August. 
Eine schwierige Aufgabe hat die durch ihre hessischen 
Dorfgeschichten rühmlichst bekannte Verfasserin in 
diesem packenden, reizvollen Dialektstücke gelöst: 
Deutsche Litteraturgeschichte mit urwüchsigem Sachsen 
häuser „Aepfelwein" zu einem Lustspiel ganz eigener 
Art zu verschmelzen, die auf der einen Seite werth 
volle Archivforschungen geschickt verwendet, auf der 
anderen so harmlos-drollige, Jedermann verständliche 
Volkstypen auf die Bühne bringt, daß schon durch 
diese Charaktere das dauernde Interesse an dem 
Ganzen erhalten bleibt. 
Von dem Inhalt sei nur herausgenommen, wie
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.