Full text: Hessenland (7.1893)

226 
ordentlichen Kenntnisse im Griechischen und Lateinischen 
nicht nur die volle Anerkennung der Lehrer fanden, 
sondern geradezu das Staunen seiner Mitschüler 
erregten. August Roßbach lebte in Fulda sehr still 
und zurückgezogen; nur mit seinen Büchern beschäftigt, 
mied er vollständig die Vergnügungen der Gymnasiasten. 
Das stimmte nun freilich nicht mit den Gepflogenheiten 
seiner meist recht losen Studiengenossen, zu welchen 
letzteren sich zu bekennen, der Schreiber dieser Zeilen 
durchaus nicht ansteht. Aber weit entfernt ihn deshalb 
als einen philiströsen Stubenhocker zu betrachten, hatten 
wir ebenso große Achtung vorseinem gediegenen Charakter, 
seinem sittlichen Ernste, seinem offenen biederen Wesen, 
wie vor seinen Kenntnissen. — Zu Ostern 1844 bezog 
August Roßbach die Universität Leipzig, um Philologie 
zu studiren. Hier war es der berühmte Philologe 
Professor Gottfried Hermann, dem er sich vorzugsweise 
anschloß und dem er die dankbarste Verehrung zollte. 
Rach zwei Jahren vertauschte er die Universität 
Leipzig mit der hessischen Landes-Universität Marburg. 
Die Professoren Bergk, Caesar, Dietrich, Gildemeister, 
Rubino, von Sybel waren hier seine Lehrer Von 
dem Studentenleben hielt er sich fern, um so eifriger 
gab er sich seinen Studien hin. Nach glänzend 
bestandenem Fakultätsexamen wandte er sich 1848 
dem Schulfache zu. Er unterrichtete einige Zeit lang 
am Gymnasium zu Hanau. Doch genügte diese 
Beschäftigung dem strebsamen Gelehrten nicht. Er 
entschied sich nunmehr für die akademische Laufbahn 
und habilitirte sich 1852 als Privatdozent in Tübingen. 
Bereits nach zwei Jahren erhielt er dort eine 
außerordentliche Professur, und nach abermals zwei 
Jahren wurde er in seine jetzige Stellung als ordent 
licher Professor für klassische Philologie und Archä 
ologie an der Universität Breslau berufen. — Ueber 
seine wissenschaftliche Bedeutung und seine wissen 
schaftlichen Leistungen bringt die „Vossische Zeitung" 
einen eingehenden Artikel, dem wir folgende Stellen 
entnehmen: „Seinen wissenschaftlichen Ruf be 
gründete Roßbach mit seinen „Untersuchungen über 
die römische Ehe" , die 1653 erschienen. Er erwies 
damit nicht nur der Alterthumswissenschaft, sondern 
auch der Rechtskunde und der Kulturgeschichte einen 
überaus ersprießlichen Dienst. Ergänzt hat Roßbach 
seine „Untersuchungen" achtzehn Jahre später durch 
das archäologische Werk „Römische Hochzeits- und 
Ehedenkmäler.- Noch bedeutsamer als Roßbachs 
„Untersuchungen über die römische Ehe" sind seine 
Arbeiten zur griechischen Rhythmik und Metrik. 
Roßbach ging hierin Hand in Hand mit dem genialen 
Rudolf Westphal. Beider gemeinsames Werk erschien 
unter dem Titel „Metrik der griechischen Dramatiker 
und Lyriker nebst den begleitenden musischen Künsten" 
während der Jahre 1854 bis 1865. Das Werk, 
nach Boeckh die beste Darstellung der antiken Musik 
geschichte, war seiner Zeit epochemachend, und seine 
ganz hervorragende Bedeutung für die Dauer ist 
unbestritten. Aus Roßbachs Feder allein stammt 
der erste Band des Werkes, der die griechische Rhythmik 
behandelt, und gemeinsam mit Westphal schrieb Roß 
bach den dritten Theil „die griechische Metrik". 
Roßbachs „Griechische Rhythmik" stellt den zeitlich 
ersten Versuch dar, das antike System der Rhythmik 
in seinem ganzen Umfange unmittelbar aus den 
Quellen darzustellen, und zwar, was wichtig ist, 
unter strenger Fernhaltung der Anschauung der 
neueren Musik. In der „Griechischen Metrik" setzten 
sich Roßbach und Westphal das Ziel, einmal „die 
größtenteils verschollene Kunde der metrischen Stil 
arten und Strophengatlungen, deren sich die Dichter 
als fester Kunstformen bedienten, aus der erhaltenen 
Poetischen Literatur wieder hervorzuholen", sodann, 
„die Metrik als eine Wissenschaft der formalen 
poetischen Technik mit dem Inhalte der griechischen 
Dichterwerke und namentlich mit der Exegese der 
Dramen in den engsten Zusammenhang zu setzen." 
In nächster Beziehung zu der „Griechischen Metrik" 
stehen eine Reihe Breslauer Universitätsprogramme 
von Roßbach über Metriker und Einzelheiten aus 
der Metrik. Besonders zu vermerken sind noch 
Ausgaben von Werken des Catull und Tibull, die 
Roßbach zu danken sind. Roßbachs Wirkungskreis 
in Breslau ist sehr umfangreich. Verbunden mit 
seiner Professur der klassischen Philologie und Archä 
ologie ist die Direktion des altphilologischen und des 
archäologischen Seminars und des Instituts für 
Kirchenmusik. Rühmend verdient -noch der elegante 
Vortrag Roßbachs hervorgehoben zu werden, durch 
den er seine Zuhörer ungemein zu fesseln weiß. — 
Unserem hochgeschätzten hessischen Landsmanne und 
ehemaligen Studiengenossen bringen wir zu seinem 
70. Geburtstage noch nachträglich unseren herzlichsten 
Glückwunsch dar. 
- I. I- 
Am 16. August feierte Herr Pfarrer K. Ed. F ür e r 
sein ,25 jähriges Jubiläum als Geistlicher an der 
Brüderkirche und der Altstädter Kirchengemeinde zu 
Kassel. Zahlreich waren die Glückwünsche und 
Ehrungen, welche dem Jubilare aus diesem Anlasse 
von seinen Vorgesetzten, geistlichen Amtsbrüdern, 
Angehörigen seiner Kirchengemeinde und seinen 
Freunden dargebracht wurden. 
In diesen Tagen sind 50 Jahre verflossen, seit 
der begabte Tonkünstler Herr Frodsric Tivendell 
sich in Kassel niedergelassen hat. Tivendell, ein 
geborener Engländer, nahm, 14 Jahre alt, zunächst 
eine Organistenstelle an einer Kirche zu Liverpool an 
und siedelte einige Jahre später nach Kassel über, 
wo er seit 1843 weilt. Nachdem Tivendell auf dem 
damals gerade ins Leben gerufenen Konservatorium 
zu Leipzig unter dem Dreigestirn Schumann-Mendels 
sohn-Hauptmann, dann in Dresden unter Chr. Mayer
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.