Full text: Hessenland (7.1893)

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nicht kargte. Sie hatte sich am 23. November 1780 
mit dem damaligen Assessor John Philipp Engelhard 
verheirathet und ist am 29. September 1831 zu 
Blankenburg am Harz gestorben. Bon ihr wird 
gesagt: Ihre Dichterader schlug später nur für Ge 
legenheitsgedichte, in denen sie alle Festlich- 
lichkeiten und Ereignisse in Kassel sinnig begrüßte 
und besang. Wer einmal durch Gelegenheitsgedichte 
bekannt geworden ist, muß, oft in Anspruch genommen, 
die Ader springen lassen. Ist die Genannte die Ver 
fasserin des Hymnus, so hat sie sich mit Geschick in 
die Denk- und Sprachweise der Auftraggeber, die 
etwas recht Schönes, Prunkendes, einen Panegyrikus, 
begehrten, zu versetzen gewußt. Der poetische Aus 
druck ist gesucht und schwülstig. Geschmacklose Leute 
bewundern solchen hochtrabenden, uns aber ämüsiren- 
den Stil. 
Vorangestellt ist das Bild einer Harfenspielerin. 
Der Gottheit Liebling sind die Fürsten, 
Die voll Gerechtigkeit, voll zarter Milde 
Die Völker weiden, wie auf Salems Auen 
Die Herden einst der edle Sohn Jsais. 
Ihm reichte für den sanften Hirtenstab 
Den goldnen Szepter dar Israels Volk, 
Für welches unter Deinem Szepter nun 
Des stillen Wohles Kranz, o Wilhelm! blüht. 
Erhabner Vater Deiner biedern Chatten, 
An dessen Blick auch wir mit heil'ger Liebe, 
Mit fester Treue, froh Dich segnend, hangen, 
Erhabner Vater! Dank ertöne Dir! 
Du leitest mächtig, voll Gerechtigkeit, 
Voll zarter Milde sie zum Ziel des Glücks, 
Die biedern Völker, die Dich, Vater, ehren. — 
Ein höh'rer Glanz umstrahlt nun Deinen Scheitel, 
Und Friede gießt herab sein reiches Füllhorn, 
Und laut in Deinen frohen Gauen schallet 
Aus Hütten, Tempeln und Palästen Jauchzen! 
Auch ihn vernimm, den Psalm der Enkel Abrams. 
Vernimm ihn jetzt im neuen Diadem! 
Verdient umstrahlt es Dich, denn gern umfasset 
Dein helles Auge das, was gut und wahr, 
Was schön und edel ist, und immer wird 
Wie Säulen her um Deinen Thron es stehen 
Was gut und schön, und wahr und edel ist. — 
Israels Gott! Du Herrscher aller Herrscher! 
Der Himmel Meister und des düstern Abgrunds! 
Du, der den Seraph schuf, und lenkt die Sonnen 
Und jedem Würmchen zeichnet vor die Bahn, 
Die's in der Welten nie gemess'nem Raume 
Durchwandeln soll! Es lebt, beginnt die Bahn, 
Stirbt, lebt wieder, stirbt, und lebet ewig! 
Erhör', Unendlicher, das Fleh'n der Harfen, 
Das hier zu Deinem ewig festen Throne, 
Vor dem sich Seraph, Würmchen, Sonnen beugen, 
Dein treues Volk für feinen Herrscher sendet! 
Für seinen Herrscher und für's fernste Wohl 
Von seinem täglich blüthenreichern Stamme! 
In seinem milden Schatten knie'n noch einst 
Jsrals Enkel, wann, o süßer Trost! 
Am müden Abend dieser kleinen Erde 
Auf Deinen Wink, der ewig höh're Wunder 
Dem Blick enthüllt, die räthselvollen Thränen 
Der Frommen sich in Engelszährcn wandeln! 
(Wer giebt einen Kommentar zu diesen letzten 
Zeilen?) Des Lobes war es mehr als zu viel. 
Marburg, den 2. August 1893. 
Aus Heimach und Fremde. 
Das Grabmal des Kurfürsten Friedrich 
Wilhelm auf dem alten Friedhofe zu Kassel war, 
wie in den Vorjahren, so auch diesmal am 20. August, 
dem Geburtstage des Fürsten, reichlich mit Kränzen 
und Blumen geschmückt, welche die Prinzen und 
Prinzessinnen der-fürstlich Hanauischen Familie, der 
Landgraf Alexis von Hessen-Philippsthal-Barchfeld 
und sonstige, dem Kurhause verwandte hohe Persön 
lichkeiten, sowie Mitglieder der hessischen Ritterschaft 
und Angehörige der Kasseler Bürgerschaft, der Verein 
der „Althessen" in Kassel, und die Klubs der , Jung 
hessen" in Marburg, Melsungen und Jmmenhausen 
hatten niederlegen lassen. Die Kränze zierten roth 
weiße Schleifen, die zum Theil 'besondere Widmungs 
inschriften trugen. Das Grab war während des ganzen 
Tages, lebhaft besucht. 
Am 26. August feierte der Geheime Regierungs 
rath Professor Dr. August Roßbach zu Bres 
lau seinen 70. Geburtstag. Da wir in dem 
Jubilare, dem hervorragenden Altphilologen und 
Archäologen, welchem die Wissenschaft viele aus 
gezeichnete Werke verdankt, einen hessischen Landsmann 
verehren, so erachten wir es für unsere Pflicht, dieser 
Feier in unserer Zeitschrift besonders zu gedenken 
und dabei kurz den Lebensgang des verdienstvollen 
Gelehrten zu schildern. Georg August Wilhelm 
Roßbach ist am 26. August 1823 zu Schmal- 
kalben als Sohn des Rektors und Schulinspektors 
Johann Georg Roßbach geboren. Von seinem Vater, 
einem tüchtigen Philologen, auf das Sorgfältigste 
unterrichtet, trat er wohl vorbereitet 1840 in die Sekunda 
des Gymnasiums zu Fulda ein, an welchem in jener 
Zeit sämmtliche Unterrichtszweige durch vortreffliche 
Lehrer vertreten waren. Wir wollen hier nur die 
Direktoren Dr. Nikolaus Buch, und Dr. E. F. I. 
Donker, die Gymnasiallehrer Dr. Friedrich sFranke, 
Karl Schwach, Franz Dingelstedt, Dr. Alexander 
Müller, die Mathematiker Professor B. Arnd und 
Dr. W. Gies anführen. August Roßbach war ein 
sehr begabter und fleißiger Schüler, dessen außer
	        

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