Full text: Hessenland (7.1893)

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ie Knlwickelung öer geistlichen und weltlichen Herichts- 
barkeit Ln den fürstlich Kefsen-Kafsel'schbn Wanden. 
Von H. Metz. 
iFortsetzung.) 
I. 
Die Gerichtsbarkeit der Bischöfe in weltlichen 
Sachen. 
C M.vct Zeit der fränkischen Kaiser besaßen die 
W Bischöfe und Erzbischöfe noch keine ordentliche 
Cy Gerichtsbarkeit in weltlichen Dingen. Nach 
den Kapitularien gehörten nur die geistlichen 
Angelegenheiten vor die Bischöfe, die weltlichen 
hingegen wurden von den Grafen geschlichtet. 
Nach einem Gesetz aus dem oodox Tlieodosianus 
libr. I. de episcopali iudicio stand es jeder 
Prozeßpartei frei, es mochte diese nun Kläger 
oder Beklagter sein, vor Erlaß des Endurtheils, 
wenn die betreffende Klage bereils^bei Isenr 
weltlichen Richter anhängig gemacht worden war, 
weltliche Streitigkeiten, auch gegen des Anderen 
Willen, vor den Bischof zu bringen. Eine Be 
rufung gegen das bischöfliche Urtheil fand nicht 
statt. Auch in Wittwen- und Waisen-Angelegen- 
heiten hatten die Bischöfe die Befugniß zu richten 
unbeschadet der weltlichen Obrigkeit, die, wenn 
die Sache ihr übergeben wurde, hierin Recht zu 
sprechen hatte. Später aber, seit Papst Jnno- 
cenz III. wurde die Befugniß der Bischöfe dahin 
abgeändert, daß sie nur in geistlichen Angelegen 
heiten der Wittwen und Waisen Recht zu sprechen 
hatten, in weltlichen nur dann, wenn denselben 
von der ordentlichen Obrigkeit die Justiz versagt 
war. Ferner hatte die Geistlichkeit die lehns 
herrliche Gerichtsbarkeit über ihre Vasallen in 
Lehnssachen, ein Ausfluß der Lehnsherrlichkeit, 
über die Leibeigenen und Landsiedel, ein Ausfluß 
der Gutsherrlichkeit. Oft geschah es auch, daß 
die geistlichen Güter von den ordentlichen welt 
lichen Gerichten befreit wurden, es wurde dann 
die Gerichtsbarkeit auf solchen Gütern entweder 
durch besondere kaiserliche Gerichtshalter „advocati" 
ausgeübt oder ganz den geistlichen Herren über 
lassen, die dann eigene Advokaten und Gerichts 
halter bestellten. Die Bestellung vorgenannter 
Advokaten fand deshalb bei den geistlichen Gütern 
statt, weil der Grundsatz galt, die Geistlichkeit 
dürfe weltliche Gerichtsbarkeit nicht ausüben. 
Diese eben besprochene Jurisdiktion änderte sich 
aber nach der Zeit der Karolinger unter den 
sächsischen Kaisern bald. Aus politischen Gründen 
nämlich wurden von den sächsischen Kaisern, von 
Otto dem Großen an, den Bischöfen ganze 
Provinzen mit der vollen, also geistlichen wie 
weltlichen Gerichtsbarkeit zugewendet. Die 
Bischöfe suchten nunmehr die Advokaten — eines 
Theils, da ihnen diese, wie sich Kopp ausdrückt, 
„allzubeschwerlich" wurden, andern Theils, weil 
sie ihr Amt nicht mehr selbst, sondern durch 
Unteradvokaten „subadvocati" versehen ließen 
"^'Mbeseitigen oder-beschränkten ihre Thätigkeit, 
nur auf den Blutbann und auf gewisse damit 
verknüpfte Einkünfte und Nutzbarkeiten. Viel 
leicht wäre ihnen auch noch dieser Blutbann 
genommen worden, wenn es der Geistlichkeit nicht 
verboten gewesen wäre in einem Blutgericht zu 
sitzen. Da, wo die Advokaten beseitigt wurden, 
traten an deren Stelle weltliche Richter, denen 
seit dem 14. Jahrhundert auch die peinliche 
Gerichtsbarkeit übertragen wurde. 
Ein wesentlicher Theil der geistlichen Gerichts 
barkeit bestand nun in dem Rechte zu gewissen 
Zeiten den äußerlickien und innerlichen Zustand 
der Kirchen in den Diözesen zu untersuchen, die 
erforderlichen Anordnungen zu treffen und Geistliche 
und Laien, wenn sie den kirchlichen Ordnungen 
entgegen handelten, zu strafen. Diese Gerichte, 
die die Bischöfe selbst oder ihre Vertreter im 
Umherreisen von einer Pfarrerei zur andern 
abhielten, nannte man Sendgcrichte. Die 
Sendgerichte mußten jährlich einmal, durften auf 
Kosten der Bischöfe aber mehrmals abgehalten 
werden. Neben der bereits angegebenen Unter 
suchung über das Leben und die Führung der 
Geistlichen und Laien wurde bei den Sendgerichten 
auch der Stand der Kirchengeräthe, Gebäude, 
Güter und Einkünfte untersucht, also eine 
Visitation der Verwaltung vorgenoinmen. Bei
	        

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