Full text: Hessenland (7.1893)

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der halb klein-, halb mittelstaatlichen Verhältnisse hätten 
auch ihn in die ärgsten Verlegenheiten gebracht. Da 
nach noch heute sich sehnen ist ebenso utopistische 
Rückwärtserei, als für die Zukunst — Bellamy's 
Phantasiern das Gegentheil bedeuten. Eine solche 
Reaktion aber, wie Hassenp/lug und Vilmar sie auf 
staatlichem und kirchlichem Gebiete gegen alle sieg 
reichen Ideen der Kulturentwicklung anstrebten, zerbrach 
den allzu stark gespannten Bogen, sodaß 1866 nur 
wenige die seit der Wiederherstellung vor 50 Jahren 
währenden Mißregierung der Kurfürsten mit Bedauern 
enden sahen, trotzdem Hessen vor dieser Zeit stets 
den Ruhm des seinen Fürsten getreuesten Volkes mit 
Recht gewahrt hatte. Wenn etwas den Uebergang 
in die Preußischen Verhältnisse leicht gemacht hatte, 
so ist es der Geiz Wilhelms I., die Maitressen- 
wirthschaft Wilhelms II., und die durch Hassenpflug 
zumeist irregeleitete Regierung Friedrich Wilhelms 
gewesen, die sich im nutzlosen Kampfe gegen die 
Rechte der Stände selbstmörderisch verzehrt hat. 
Wir können allen hessischen Landsleuten die 
klassische Darstellung dieser Zeiten und dieses unseligen 
Mannes durch die Meisterhand Sybels nur dringend 
empfehlen; hier konnten wir nur einen knappen Aus 
zug liefern. Aber auch aus ihm geht hoffentlich, 
wenn auch abgeschwächt, der Gedanke siegreich hervor, 
der mich beim ersten Lesen der Sybel'schen Hassen- 
pflug-Biographie unabweisbar überwältigte und den 
Lenau so schön am Schluß seiner »Albigenser- er 
tönen läßt: 
«Das Licht vom Himmel läßt sich nicht versprengen, 
Noch läßt der Sonnenaufgang sich verhängen 
Mit Purpurmänteln oder schwarzen Kutten; 
Den Albigensern folgen die Hussiten 
Und zahlen blutig heim, was jene litten; 
Nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten, 
Die dreißig Zahre, die Cevennenstreiter, 
Die Stürme der Bastille, und so weiter." 
Cassel, Anfangs Juli 1893. 
(Der Abdruck ist durch äußere Hindernisse sechs 
Wochen unliebsam verzögert worden.) 
Dr. Seetig. 
Um etwa igen Mißdeutungen vorzubeugen, 
hält es die Redaktion des „Hessenlandes- 
für geboten, obigem Aufsatze des Herrn Dr. Seelig 
einige Bemerkungen folgen zu lassen. — Eine neue 
Schrift des gefeierten Historikers Heinrich v. Sybel, 
den Dr. Seelig mit Recht den Altmeister Deutscher 
Geschichtsschreibung nennt, wird immer in Hessen 
Beachtung finden, zumal wenn sie hessische Verhält 
nisse behandelt. Durch den Kurprinzen-Mitregenten 
in der Mitte der 40er Jahre als ordentlicher Pro 
fessor der Geschichte von Bonn an die Universität 
Marburg berufen, hat Heinrich v. Sybel bis zu 
seiner Uebersiedelung nach München im Jahre 1856 
dort gewirkt und sich lebhaft an den politischen Be 
wegungen der vormärzlichen und nachmärzlichen Zeit 
beteiligt. Als Mitglied der kurhessischen Stände 
kammer in den Jahren 1848 und 1849 hatte er 
reichlich Gelegenheit, die kurhessischen Verhältnisse 
kennen zu lernen. Ein »Hesse- ist er aber nicht 
geworden und die Wurzeln seiner Anschauungsweise 
ruhten auf anderem Grunde und in anderem Boden. 
Er war zu jener Zeit ein Hauptvertreter des sog. 
Gothanerthums, und unschwer läßt sich diese Richtung 
auch in den politischen Schriften H. v. Sybel's er 
kennen. Kein Wunder, daß sich dieselbe auch in der 
Biographie Hans Daniel Hassenpflug's wiederfindet. 
Obgleich wir mit vielen Ausführungen Sybel's uns 
nicht einverstanden erklären können, so bekennen wir 
doch unumwunden, daß wir die Schrift mit großem 
Interesse gelesen haben, wir stehen auch gar nicht 
an, mit Herrn Dr. Seelig die Biographie als ein 
vortreffliches Kabinetsportrait zu bezeichnen, wenn 
wir uns auch nicht zu der Behauptung versteigen 
können, daß die Schrift das Bedeutendste sei, was 
bis jetzt über kurhessische Geschichte und besonders 
die letzte Zeit derselben geschrieben worden sei, und 
auch nicht die Biographie als ein historisch-monu 
mental-wahres Lebensbild zu bezeichnen vermögen. 
Was uns am meisten in der Schrift angesprochen 
hat, ist der vornehme Ton, der in derselben herrscht 
und selbst bei den schärfsten Anklagen gegen Hassen 
pflug und Vilmar vorhält, sowie die warme Aner 
kennung, welche Sybel trotz aller sonstigen Gegner 
schaft wenigstens den wissenschaftlichen Leistungen 
Vilmar's widerfahren läßt. Hier ist er wahrhaft 
objektiv, während man das sonst nicht immer von 
seiner Schilderung behaupten kann. — Herr 
Dr. Seelig war so freundlich, uns die obige Be 
sprechung der Sybel'schen Abhandlung über Hans 
Daniel Hassenpflug zum Abdrucke in unserer Zeit 
schrift zugehen zu lassen. Daß unsere Anschauungen 
in vielen Beziehungen mit den von Herrn Dr. Seelig 
in seinem Aufsatze entwickelten Ansichten nicht über 
einstimmen, brauchen wir wohl nicht des Näheren 
auszuführen. Wir hielten es aber trotzdem für an 
gezeigt, die Besprechung des Herrn Dr. Seelig ihrem 
vollen Wortlaute nach hier wiederzugeben, einmal, 
um den Vorwurf der Einseitigkeit zu vermeiden, 
dann aber auch, um die Leser unserer Zeitschrift, 
ohne selbstverständlich auch nur im geringsten ihrem 
eigenen Urtheile vorzugreifen, mit den Anschauungen 
bekannt zu machen, die heute noch über die Hassen- 
pflug'sche Periode in vielen Kreisen unseres engeren 
Vaterlandes Hessen bestehen. 
Die Redaktion. 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: F.Zwengerin Fulda, Druck und Verlag von Fried r. Scheel in Kassel
	        

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