Full text: Hessenland (7.1893)

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Hie Kekehrung Hessens zum Lhristenthume. 
Vorlrsg, gehalten in der Versammlung des Vereins für hessische Geschichte und Lgnöes- 
Kunöe ;u Rassel am ZI. Kklober 1882 von Hermann v. Dogues, Major s. D. 
(Fortsetzung.) 
# anz zufällig erfuhr rch einmal bei einem Be 
suche in Nieder-Zwehren, daß dort bis vor 
Kurzem ein Weg vom Dorfe nach der Süd 
spitze der Karlsaue, wo die idyllische Insel 
Siebenbergen liegt, geführt habe, der Bonifazius- 
Pfad geheißen, weil der heil. Bonifazius einst 
dieses Weges gezogen sei. Die Aecker, welche 
derselbe berührt habe, seien zehntfrei gewesen 
bis zur Ablösung des Jahres 1832. Der Weg 
sei zwar durch die Verkoppelung weggefallen, 
aber die Sache selbst stehe fest. Die Einsicht, die 
mir in die alten Kataster-Bücher und Karten 
von Nieder-Zwehren gütigst gestattet wurde, zeigte 
mir allerdings eine Anzahl zehntfreier Aecker 
genau in der mir bezeichneten Richtung dieses 
Weges. Weitere Nachforschungen führten mich 
auf das Dorf Balhorn im Kreise Wolshagen *). 
wo ebenfalls zehntfreie Aecker lagen und wo 
ebenso wie in Zwehren die Tradition heute noch 
ganz lebendig ist, daß die Aecker um deßwillen 
zehntfrei waren, weil der Fuß des Heiligen da 
rüber hingeschritten sei. Beiläufig bemerkt, giebt 
es auch bei Amöneburg, wie in Thüringen, solche 
zehntfreie Aecker, und ich nehme an, daß man 
bei weiteren Forschungen in alten Katastern solche 
auch noch an manchen anderen Orten finden 
würde. Kurz, es ist mir auf Grund dieser Tra 
ditionen, die ihre sehr greifbare, reale Grund 
lage in der Zehntfreiheit der Aecker haben, welche 
ja noch der ältere Theil der jetzigen Generation 
erlebt hat, höchst wahrscheinlich geworden, daß 
der heil. Bonifazius den Weg von Fritzlar nach 
Fällung der Donnereiche über Balhorn und, nach 
gefälliger Mittheilung des Herrn Pfarrers 
Braunhof zu Balhorn, auch über Altenstädt und 
Martinhagen und weiterhin über Nieder-Zwehren 
genommen hat.**) Ferner halte ich es gar nicht 
für unmöglich, daß Bonifazius in Nieder-Zwehren 
*) S. v. Pfister, Sagen und Aberglaube aus Hessen 
und Nassau, p. 138. 
**) Manche der das Dorf Nieder-Zwehren betreffenden 
interessanten Notizen habe ich der Güte des bisherigen 
Herrn Metropolitans Beß dortselbst zu verdanken. 
Halt gemacht hat, um an Stelle der heidnischen 
Opferstätte auf dem schon genannten Opper-Rain 
eine christliche Kultusstätte einzurichten. 
Können wir den Weg des heil. Bonifazius bis 
zur heutigen Aue verfolgen, so ergiebt sich seine 
weitere Marschroute, nachdem er die Fulda am 
Südausgauge der Aue oder, was wahrscheinlicher, 
am Packhofe unterhalb der hiesigen Fuldabrücke 
passirt haben mag, ganz von selbst, da weit 
und breit keine andere Straße über den Kaufunger 
Wald nach Thüringen führte, als die uralte 
Handelsstraße durch das Thal der Losse über 
Kaufungen und Helsa. 
Wo Bonifazius unterwegs Halt gemacht, um 
Götzenhaine oder Opferstätten zu zerstören und 
christliche Bethäuser zu erbauen und wo er ge 
predigt hat, darüber haben wir auch nicht die 
mindeste Kunde; daß er aber Beides gethan, 
das unterliegt sowohl nach der allgemeinen Sach 
lage, als auch nach den Berichten seiner Biographen 
keinem Zweifel, denn diese erzählen, daß Bomfa- 
zius an vielen Orten, auch in Hessen, die heid 
nischen Götzen gestürzt, Kirchen und Klöster, d. h. 
hölzerne Bethäuser und Zellen, errichtet und 
denselben Geistliche, aus der Zahl der ihn be 
gleitenden Mönche, — custodes, Wächter, nennt 
sie Willibald —, vorgesetzt habe. 
Auf Grund verschiedener Erwägungen vermuthe 
ich, daß Bonifazius unter anderen auch die heid 
nische Opferstätte auf dem Bilstein bei Helsa 
zerstörte und dort eine Kapelle errichtete, die 
wie Landau*) sagt, der heil. Jungfrau Maria 
geweiht gewesen sei, denn daß daselbst eine Ka 
pelle gestanden, ist gewiß, heißt doch heute noch 
diese Stelle im Volksmunde und auch auf den 
Wegweisern: „Bilstein-Kirche"; nur daß das 
Alter dieser Kapelle bis auf Bonifazius zurück 
reicht, ist allerdings lediglich meine eigene subjek 
tive und immerhin anfechtbare Schlußfolgerung 
aus einer Reihe von Anzeichen. 
Wir dürfen dem heil. Bonifazius auf seinem 
*) Beschreibung des Kurfürstenthums Hessen, p. 167.
	        

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