Full text: Hessenland (7.1893)

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Hof errichtete Grabstein monumental durch seine 
Inschrift, die den Mann der Verstorbenen geradezu 
ausschließt, beweist. 1846 wurde Hassenpflug Prä 
sident des Oberappellaiionsgerichtes von Ncuvor- 
Pommern in Greifswald und »stählte sich so völlig 
wohl in seinem purpurgeschmückten Präsidentensessel", 
daß er im Herbst 1849 auf eine kurfürstliche An 
frage um erneute Annahme des hessischen Ministeriums 
gegen die verhaßten Liberalen „eine kurze Ablehnung 
zurückgehen" ließ. 
Da brachte ein kleines Ereigniß einen Umschwung 
hervor; denn Hassenpflug wurde der Veruntreuung 
von elf Thalern angeklagt, der »Rechnungsfälschuüg 
und rechtlosen Aneignung öffentlicher Gelder". All 
der Haß, den seine herrschsüchtige Art in den drei 
Jahren sich in reichem Maße auch hier zu erwerben 
gewußt hatte, kam schadenfroh zur Erscheinung. 
Zwar beschritt Hassenpflug den Rechtsweg in allen 
Instanzen, gewann auch zuletzt, aber doch brannte 
ihm der Pommersche Boden unter den Füßen. Dennoch 
wußte er trotzdem bei dem Kurfürsten, der durch 
Major von Haynau von Neuem verhandeln ließ, 
die günstigsten Bedingungen für sich herauszuschlagen, 
zumal er der bündigsten Zusagen des österreichischen 
und russischen Gesandten eben so sicher war, wie der 
preußischen Krcuzzeitungspartei und des legitimen, 
romantisch-reaktionären Königs selbst. 
»Um den Hergang vollständig zu charakterisiren, 
ist noch die Bemerkung hinzuzufügen, daß weder die 
preußischen noch die hessischen Minister die geringste 
Notiz davon erhielten". Kurfürst Friedrich Wilhelm 
liebte es ja, hinter ihrem Rücken zu handeln und 
König Friedrich Wilhelm IV. erkannte in Hassenpflug 
den Parteigänger Oesterreichs nicht. 
Endlich willigte Major von Haynau ein, daß 
»der Kurfürst Hassenpflug auf Lebenszeit das volle 
Ministergehalt garantiere, d. h. im Falle der Ent 
lassung ihm aus der fürstlichen Privatschatulle die 
gesetzliche Pension bis zu jenem Betrage erhöhen 
würde. Er wußte, daß der Kurfürst, um einer 
solchen Zahlung zu entgehen, alles thun würde, ihn 
im Amte zu erhalten." 
Doch fand sich in Cassel kein Finanzminister und 
so verzögerte sich seine Ernennung zum Minister 
präsidenten bis zum 18. Februar 1850; höchst 
ergötzlich zu lesen und geradezu wie in einer Ironie 
des Schicksals schreibt Friedrich Wilhelm IV. eigen 
händig die Entlassungs-Urkunde und am 22. Fe 
bruar trat Hassenpflug „zur höchsten Aufregung des 
ganzen Landes sein neues Amt an. Mein Er 
scheinen, schrieb er selbst, wirkt hier wie eine 
spanische Fliege auf offener Wunde". Wir über 
gehen nun das nebenher laufende Satyrspiel des 
Fälschungsprozesses, über den Sybel, S. 57, ein 
gehend berichtet, und ebenso das meisterhaft kurz 
skizzirte Vorgehen Hasfenpflugs am Bundestag gegen 
die Union und in Hessen gegen die Verfassung, bis 
endlich die Steuerverweigerung erfolgte. Da wurde 
es dem Kurfürsten aber ängstlich und Hassenpflug 
scheute nicht vor dem letzten Mittel zurück »einer 
lügenhaften Meldung" einer allgemeinen Meuterei, 
um den Kurfürsten zur Flucht aus Kassel zu veran 
lassen. In der Frühe des 13. September 1850 
ging die fluchtähnliche Abreise des Kurfürsten nach 
Hannover vor sich, begleitet von v. Haynau, v. Baum 
bach und Vilmar, einem Vertrauten Hassenpflugs, 
der selbst direkt nach Frankfurt geeilt war. Hier 
wäre beinah der Kurfürst andern Sinnes geworden: 
Ernst August weigerte jede Hülfe und rief in seinem 
„deutsch-englischen Kauderwelsch: das Hassenpflug 
muß fort, das Hassenpflug muß fort." Der ver 
lassene Kurfürst wollte zu seinem Vetter nach Berlin; 
damit wäre die Union erhalten geblieben und Kur 
hessen auf die preußische Seite gezogen. »Da trat 
Vilmar dazwischen, ein geistreicher und leiden 
schaftlicher Parteimann, von großer Gestalt, düsterem 
Blick und unbedingter Selbstsicherheit. Mit fort 
reißender Kraft beschwor er den Kurfürsten, der 
heiligen Sache der Monarchie, des Bundes, des 
Glaubens nicht untreu zu werden, erinnerte ihn mit 
energischer Kürze an die Vortheile des bisherigen 
Weges und bedrohte ihn bei unfürstlicher Feigheit 
mit Gottes Zorn und Verwerfung. Genug, er 
übermeisterte ihn ..... ." Das Weitere streift 
Sybel nur im Fluge: am 8. November die Schlacht 
bei Bronzell mit dem blessirten Schimmel, die Straf- 
baiern — Olmütz — Sprengung der Union und 
WiedevaufleVen des' seligen Bundestags; es steht ja. 
ausführlich in seiner. Geschichte der Begründung des 
deutschen Reiches zu lesen, ebenso wie die Aufhebung 
der Kurhessischen Verfassung von 1831 (S. 60 
oben, leider in 1851 verdruckt!), an deren Stelle Hassen 
pflug eine neue, eben von 1851 ausarbeitete, »welche 
den Landtag auf ein machtloses Minimum ständischer 
Rechte beschränkte." Hassenpflug schien auf der 
Höhe des Erfolges zu stehen, da aber erfolgte der 
Umschwung, den Sybel bis in's Einzelne meister 
haft klarlegt. 
Mittel- und Kleinstaaten waren über die kür- 
hessische Mißwirthschaft wenig erbaut, selbst die nach 
der 1851er Verfassung berufenen Stände zeigten 
sich schwierig, Preußen war in Olmütz tödtlich be 
leidigt und durch Zollvereinsschwierigkeiten noch wüthen 
der auf Hassenpflug geworden. Alles dies berührt Sybel. 
nur obenhin, ebenso wie die Prügelszene am 8. No 
vember 1853. Aber das Ende vom Liede war, daß 
Hassenpflugs Verfassung vom Bunde nicht endgiltig 
angenommen wurde, sondern neue Verhandlungen 
mit den Ständen zu beginnen hatten. 
Nun sollte der herrschsüchtige Mann auch noch 
seine letzte Stütze, den Wiener Hof, durch die euro 
päischen Wirren des Krimkriegs verlieren und ganz 
haltlos werden, als »Kurhessen, seit 1849 der 
hitzigste Vasall und Lieblingsschützling Oester
	        

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