Full text: Hessenland (7.1893)

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Am 6. August starb zu Dresden nach schwerem 
Leiden im 68. Lebensjahre der königlich preußische 
Jngenieurhanptmann a. D. Louis Ferdinand 
Freiherrr von Eberstein. Der Verewigte 
gehörte einem sehr alten fränkischen Geschlechte an, 
dessen Stammburg sich auf dem „Tannenfels" an der 
Rhön, auch „Brander Kopf" genannt, östlich von der 
Milseburg gelegen, befand. Freiherr von Eberstein 
hat es sich angelegen sein lassen, die Geschichte des 
Geschlechtes derer von Eberstein zu erforschen und 
die Ergebnisse seiner eingehenden Studien in zahl 
reichen größeren Monographien niederzulegen. Noch 
vor wenigen Wochen erschien von ihm „Abriß der 
urkundlichen Geschichte des reichsritterlichen Geschlechtes 
Eberstein vom Eberstein auf der Rhön". Er war 
ein eifriges Mitglied des Vereins für hessische Ge 
schichte und Landeskunde, wie er denn auch noch 
vielen anderen historischen Vereinen als Mitglied, 
bezw. Ehrenmitglied angehörte. 
Literarische Mittheilungen. 
Hans Daniel Hassenpflug. 
So lautet der Ende Juni l. I. im ersten Hefte 
des 71. Bandes (Neue Folge 35) der historischen 
Zeitschrift auf Seite 48 bis 67 erschienene Aufsatz 
des Altmeisters Deutscher Geschichtsschreibung, Hein 
richs von Sybel. Zwar war der Rufnamen 
jenes in Hessen einst vielgeschmahten Mannes Ludwig 
und die vollständigen Vornamen lauteten: „Hans 
Daniel Ludwig Friedrich" nach dem Hanauer Tauf 
register, sein Geburtstag ist der 16. Februar 1794, 
aber man bevorzugte damals jenen etwas lächerlich 
klingenden Doppelnamen in Kurhessen. Es hieße nun 
Eulen nach Athen tragen, dieses meisterhafte Kabinets- 
stück Sybel'scher Biographie in genauerem Auszug 
wiedergeben zu wollen; hier muß es genügen, durch 
einzelne Lichtstrahlen aus jener glänzenden Leistung 
historischer Forschung und Darstellung weitere Kreise 
hessischer Landsleute auf Sybels Aufsatz hinzuweisen, 
denen sonst die historische Zeitschrift gar nicht oder 
erst später vor Augen kommt?) Es ist trotz des 
engen Raumes das bedeutendste in jeder Beziehung, 
was bis jetzt über kurhessische Geschichte und beson 
ders über die letzte Zeit geschrieben ist. 
Zugleich beginnt Sybel mit einem mannhaften Pro 
test gegen die geschichtliche Berechtigung der sogenann 
ten hessischen Rechtspartei durch Vorhalten des 
*) Der soeben, am 14. August in der Abend-Ausgabe 
begonnene, berechtigte Abdruck in der „Hessischen Morgen 
zeitung kann bei der, wie man allgemein hört und sieht, 
geringen Verbreitung des Blattes in Kassel und Kurhessen 
meine Ausführungen durchaus nicht unnöthig machen. Ich 
freue mich jedoch über die etwas erleichterte Zugänglichkeit 
des klassischen v. Sybel'schen Aussatzes für die hessische 
Leserwelt, der ein zusammenhängender Sonderabdruck in 
Heftform aus der „Historischen Zeitschrift" selbst weit mehr 
gefrommt hätte. j)r. Seelig. 
Spiegelbildes des hessischen Verfassungskampfes, in 
dem er selbst eine nicht unrühmliche Rolle spielt. 
Dann soll diese Biographie auf Grund neuen und 
bisher unzugänglichen Materials einen Exkurs zu 
Sybel's Geschichte der Begründung des Deutschen 
Reiches bilden, speziell zum Jahre 1850, wo Hassen 
pflug trotz der Kleinheit seines Staates Preußen 
nach Olmütz gebracht hat. 
Aus dem Burschenschafter Hassenpflug von 1812 bis 
1816 hatte sich in den Stürmen der Jahre 1830 und 
1831 ein Reaktionär reinsten Wassers entpuppt, 
der bei den glänzenden, juristischen Gaben und der 
starken Energie des strebsamen Hassenpflugs dem 
Kurprinzen-Mitregent 1832 nach Wiederholds Tode 
die geeigenste Persönlichkeit schien, ihm die drückenden 
Fesseln der kurhessischen Verfassung zu erleichtern 
oder gar abstreifbar zu machen. Fünf Jahre lang 
bis 1837 dauerte dies „Streben, jede Selbstständig 
keit des Landtags und der Gemeinden, der Beamten 
und der Bürger mit allen Mitteln des Rechtes und 
der Rechtsverdrehung, der Korruption und der bru 
talen Gewalt, zu biegen oder zu brechen". Aber 
die Nemesis ereilte ihn ob einer kleinen Hartnäckig 
keit gegen seinen Herrn beim Ansetzen eines Ter 
mins für den Verkauf von Pferden: die im Zorn 
über „Hassenpflugs Dummheit und Flegelei" öffent 
lich gefallenen Schimpfreden zwangen ihn zur 
Niederlegung seiner Stellung, die ihm „bei seinem 
Volke den Titel „Der Hessen Haß und 
Fluch" einbrachte." 
Er mußte „vermögenslos, wie er war", im Aus 
lande Stellung suchen, die ihm der streng monarchisch 
gesinnte Friedrich Wilhelm III. in Preußen jedoch 
verweigerte, sodaß er nach kurzer „Unterkunft im 
Dienste des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen' 
einige Jahre den ärgerlichen, arbeits- und dornen 
vollen Posten als Zivil-Gouverneur von Luxemburg 
annahm, bis ihn der Thronwechsel des Jahres 1840 
erlöste. 
König Friedrich Wilhelm IV. dachte anders als 
sein Vater und noch 1840 wurde Hassenpflug 
Obertribunalsrath in Berlin, nach dem Preußischen 
Staatsanzeiger „wegen seiner Verdienste um den 
Preußischen Staat". Dies bezog Wippermann 1880 
im Bd. XI. der Allgemeinen Deutschen Biographie 
Seite 5 auf preußenfreundliche Vorgänge in Luxem 
burg, während Sybel, S. 52, allein dem einst der 
Kurfürstin Auguste, einer preußischen Prinzessin, 
gegen ihren Gemahl, Wilhelm II., geleisteten Bei 
stand anführt. 1844 war Hassenpflug Mitglied 
des preußischen Staatsraths und persönlicher Freund 
der mächtigen „späteren Führer der Kreuzzeitungs 
Partei" , während er mit seinen gleichfalls nach 
Berlin berufenen früheren Freunden und Schwägern, 
den Brüdern Grimm, gründlich zerfallen war, nach 
dem Tode ihrer Schwester Lotte, wie der 10 Jahre 
nach dem Tode 1843 auf dem alten Kasseler Fried-
	        

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