Full text: Hessenland (7.1893)

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und er reichte ihr seine heiße Hand, „gute, 
brave Menschen." 
Die alte Frau schluchzte laut. Wie er 
selbstlos und genügsam war sein ganzes langes 
Leben, dachte sie, nichts für sich begehrte, nie 
geklagt, ach, und es war doch nur ein gefrorenes 
Glück, das ihm geworden, kalt und licbeleer. 
Und dann stand sie auf, um Herrin ihrer 
Stimmung zu werden, ordnete sein einfaches 
Abendbrot auf dem kleinen Tische, der vor'dem 
Sopha stand, schloß sorgsam im Schlafzimmer 
die Fenster und wischte dann mit der Hand die 
Thränen fort, die sich immer wieder von neuem 
in die Augen drängte». „Herr Professor, das 
Abendbrot," sagte sie sanft. 
Der Herr Professor hatte nichts gehört. Mit 
seltsam verzücktem Gesichte lag er im Sessel und 
um seine feinen Lippen spielte ein sanftes 
Lächeln. 
„Frau Schulte, ich will meine Reise nach 
München nicht bis zur nächsten Woche ver 
schieben, ich denke ich gehe morgen, ich fühle 
mich heute so aufgelegt dazu, wie schon lange 
nicht." 
„Aber wird es Sie nicht zu viel anstrengen, 
Herr Professor?" 
„Ich werde nur die Dinge ins Auge fassen, 
die mich speziell interessiren. Die Apparate zur 
Erzeugung des elektrischen Stromes, das Telephon, 
und vor allen Dingen die elektrische Beleuchtung, 
das Edisonlicht. Ich habe das Gas nie geliebt, 
seine Beleuchtung ist antikünstlerisch, verdirbt 
Tapete und Stuckatur, beeinflußt unsere 
Athmungswerkzeuge und mit ihnen unser Denk- 
und Urtheilsvermögen." 
„Wollen Sie nicht Ihre Abendmahlzeit ein 
nehmen, Herr Professor?" 
„Rücken Sie mir meinen Sessel, bitte, ein 
wenig auf die andere Seite, Frau Schulte, ich 
möchte den Mond sehen, so wie in längst ver 
gangenen Zeiten. 
Ich hatte Jahre lang nicht den Muth dazu, 
bis es stiller wurde in mir. Ich danke. Wanda 
liebte nicht den Mond, sie war ein Kind der 
Sonne, ihr schönstes, glänzendstes Kind. 
Aber wenn man leidet, wenn Alles todt ist in 
uns, Alles, Alles. — O sieh den Mond, Wanda, 
er bringt Friede — wie er so stille Furchen 
zieht — Friede, auch Dir ewiger Friede! 
Du weinst? Ich habe Dich nicht verlassen, 
auch dann nicht, als sie Dich Alle ließen auch 
dann nicht, ich liebte Dich, ich — ich." 
Und dann wurde es stille. 
Frau Schulte stand regungslos, mit bleichem 
Gesichte und gefalteten Händen. 
Oben am Firmamente glitt der Mond sanft 
durch das seine Gewölk und seine Strahlen 
wiegten sich müde auf den weichen Wellen des 
Wassers. 
Die Dünste waren verdampft und in der 
klaren Sommernacht zeichneten sich die Wipfel 
der Bäume phantastisch im träumenden Aether. 
Der Sturm war schlafen gegangen. 
Und in dem weiten alterthümlichen Gemache 
da schlief auch der alte Herr Professor den 
ewigen Schlaf. 
Aus Heimach und Fremde. 
Die 59. Jahresversammlung des Vereins 
für hessische Geschichte und Landeskunde 
fand am 24., 25. und 26. Juli zu Hofgeismar 
statt. Ueber den Verlauf derselben berichtet die 
»Hofgeismarer Zeitung": Von dem Komitee am 
Bahnhöfe empfangen, trafen bereits am Montag 
Nachmittag in Hofgeismar verschiedene, dem Ge- 
sammlvorstandc des Vereins für hessische Geschichte 
und Landeskunde angehörende Herren von Kassel, 
Hanau und Marburg daselbst ein, und traten alsbald 
zu einer Sitzung im Gasthofe „zum schwarzen Adler" 
zusammen. Nach Beendigung der Sitzung fand eine 
gesellige Vereinigung im großen Saale des genannten 
Hotels statt, zu welcher die Vereinsmitglieder und Fest- 
theilnehmer aus Hofgeismar zahlreich erschienen waren. 
Am darauf folgenden Morgen wurde von 8 bis 10 Uhr 
die Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten besichtigt, 
und gestaltete sich diese Besichtigung, welche im 
Beisein des Konservators vr. L. Bickell aus 
Marburg stattfand, zu einer recht interessanten 
und lehrreichen. Um 11 Uhr Vormittags ver 
sammelten sich sodann die Festtheilnehmer, deren 
Zahl durch die Ankunft neuer Gäste aus Kassel und 
der näheren Umgegend zu einer recht ansehnlichen 
angewachsen war, in der Aula des neuen Stadt- 
schulgebäudcs. Hier eröffnete der erste Vorsitzende 
des Vereins, Bibliothekar Dr. H. Brunner aus 
Kassel, die Hauptversammlung und ertheilte zunächst 
Herrn Bürgermeister Schirmer von Hofgeismar 
das Wort, welcher die Versammlung begrüßte und 
namens der Stadt von Herzen willkommen hieß. 
Der Vorsitzende dankte hierauf den Versammelten für 
das lebhafte Interesse, welches sie durch ihr zahl 
reiches Erscheinen kundgegeben hätten, und wünschte 
den heutigen Verhandlungen einen recht gedeihlichen 
Fortgang. Derselbe gab sodann bekannt, daß in der 
gestrigen Vorstandssitzung einstimmig der Beschluß 
gefaßt worden sei, den langjährigen Vorsitzenden, 
Major a. D. K. von Stamford, sowie den 
langjährigen Schriftführer, Kreisgerichtssekrctär a. D.
	        

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