Full text: Hessenland (7.1893)

201 
„Da stand sie, hier in demselben Zimmer, 
mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und 
lächelte mich an. O dieses Lächeln ttiit den 
weißen Perlenzähnen und den rothen Lippen. 
Sofort regte sich etwas in mir, das mir ge 
bot, sie zu lieben. Ich war dagegen machtlos, 
dieses Etwas mußte mit meinem Dasein ver 
wachsen sein, denn es wich nicht mehr von mir 
— nie mehr. Alle Liebe, die sich bei Anderen 
ans Eltern, Geschwister und Freunde maßvoll 
Dertheilt, strömte rückhaltslos zu ihr. Ich wurde 
mir plötzlich meines Durstes bewußt — und ich 
trank die Liebe in endlosen, berauschenden 
Zügen." 
„Und sie? Wurden Sie denn auch von ihr 
geliebt?" fragte Frau Schulte tonlos. 
„O, wie liebte sie mich, wie liebte sie mich. 
Wie taumelte meine Seele, wenn ihre Augen 
trunken in die meinen sanken, wenn — 
Hat sie mir nicht unzählige Male geflüstert, 
daß sie mich liebe — nur mich allein? 
Aber das war alles doch kein Glück," fuhr 
er nach einer Weile seufzend fort, „kein stilles 
Glück. Ich mußte schweigen, sie wollte es und 
es waren so Viele, die sie begehrten — Viele. 
Sie tanzte mit Anderen und ich stand dabei 
und litt. Sie war nicht geschaffen für mich, 
Frau Schulte," sagte er, indem er seine Augen 
aufschlug und traurig zu der alten Dame hin 
über sah, „für sie war die Gesellschaft, der 
Glanz und Flitter — und ich — ich war doch 
nur ein unbeholfener Gelehrter, der nicht einmal 
zu tanzen verstand. Ich hätte sie nicht glücklich 
gemacht, gewiß nicht, sie war ein Kind der 
Sonne und des Lichtes — sie war — —" 
Er hielt plötzlich inne, als fühle er irgendwo 
einen Schmerz, er umfaßte krampfhaft mit der 
Hand die Lehne seines Sessels. 
„Und doch kam der Tag, wo ich sie in meinen 
Armen hielt. Der Föhn trieb durch die jungen 
Buchen dort an den Tristen, so wie heute, die 
Wolken wälzten sich schwer durcheinander, es 
krachte ein fürchterlicher Donner durch die Luft. 
Wir waren allein. Sie schmiegte sich, Trost 
und Schutz suchend, an meine Brust. O wie 
fest hielt ich sie umklammert! — Ahnte ich, daß 
ich sie lassen mußte? 
Was dann geschah? ich weiß es nicht. Ich 
weiß nur, daß ich sie einige Tage später wieder 
sah, an der Seite eines Anderen, dem sie lächelte, 
so wie sie mir gelächelt hatte." 
„O Gott!" stöhnte Frau Schulte, als fühle 
sie eigenen Schmerz. 
„Ich bin dann abgereist, eine wissenschaftliche 
Reise, die ich lauge projektirt, so sagte ich den 
Leuten, ich wollte mich nur bemühen, aus diesem 
Zusammensturz mehr zu retten, als das nackte 
Leben. Auch ihr — ihr, Frau Schulte, wollte 
ich meinen Anblick ersparen. Sie war eine so 
gute Tochter, sie brachte das Opfer." 
Er schloß die Augen und seine Lippen bewegten 
sich. „Lorenz, ich konnte nicht anders, Du 
wärest zu gut für mich gewesen, vergiß 
mich " 
„Ich habe Dich nicht vergessen, nie!" 
Die letzten Worte stieß er in Angst, wie von 
Visionen gefoltert, heraus, er wollte sich in die 
Höhe richten, sank aber ermattet in den Sessel 
zurück. 
»Ist ste glücklich geworden?" 
„Glücklich? Eine Zeit lang schien es so. Ich 
hörte dann lange nichts — und dann — hat 
eine verblendete Leidenschaft sie in die Ferne 
getrieben. 
Vor leiblichem Mangel konnte ich sie noch 
schützen, als Alle sie verlassen — aber was War 
ans ihrer Seele geworden? 
O du namenloses Leid! 
Milde, milde, Frau Schulte, das Ende hängt 
mit dem Anfang zusammen, sie hatte eine eitle 
Mutter und war so schön, so schön!" 
Frau Schuttes Augen hatten sich mit Thränen 
gefüllt. 
„Und Sie, verehrter Herr Professor." preßte 
sie gepeinigt heraus, „wie wurden Sie mit sich 
fertig? Gingen Sie nach Italien?" — 
„Nach Italien? In das Land der Poesie, 
der Kunst und der Sehnsucht? Was hätte ich 
Schiffbrüchiger da gesollt? Nein, nein, ich zog 
nach Norden in die kalte, reine Luft, die das 
Blut kühlt und zur Arbeit kräftigt. Wo die 
Natur Riesenwerke geschaffen und sich keine Muße 
gönnt, sehnsüchtig zu schwelgen unter ver 
schwenderischem Himmel. Arbeit, das war es, 
was ich bedurfte, Arbeit, unermüdliche Arbeit. 
Ich hatte mir bald meines Lebens Ziele gesteckt, 
keine weichen Sommernächte am rauschenden 
Waldesrand, keine Frühlingsstimmungen mit 
Lerchengeschmetter, in denen das Herz nach Glück 
begehrt und die Seele sich aufschwingen möchte 
zum wolkenlosen Aether. Das sind Irrlichter, 
die in Sümpfe und Abwege locken — nichts — 
nichts! Ich ging Schritt für Schritt, aber ich 
lernte meine Mission verstehen und segnete sie." 
„Sie haben so viel in sich, Herr Professor, 
Sie wußten sich zu helfen." 
„Es ist System in dem, was uns wiederfährt, 
und helfen müssen wir uns alle selbst, auch dazu 
giebt uns Gott die Kraft, wenn wir es ernstlich 
wollen. 
Ich habe viel Freuden gehabt in meinem 
Leben, viel Erfolg, mehr noch andere erreichen 
sehen. Gute Menschen gekannt, Frau Schulte,"
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.