Full text: Hessenland (7.1893)

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„Meine Braut? Was habe ich gesagt, was 
sprach ich?" 
Er fuhr mit seiner flachen Hand über die 
hohe, ernste Stirn, als suche er nach Verständniß 
für sich selbst. 
„Haben auch begrabene Erinnerungen ihre 
Geisterstunden und steigen mit vermoderten Ge 
wändern aus ihren Gräbern um uns zu äffen? 
Meine Braut? Sie war nicht kokett, gewiß 
nicht. Was Ihnen die Leute auch sagen mochten, 
Frau Schulte. Ich habe sie alle geflohen diese 
Leute, die sie anschwärzen wollten, ihr ihre Reize 
mißgönnten, ich wollte es nicht hören — gar 
nicht. 
O, sie war schön und ich trank ihre Schönheit 
in langen, durstigen Zügen. 
Meine Braut? Es ist das eine Geschichte 
die wie alle, einen Anfang hatte, aber kein 
Ende, nie! Auch dann nicht, als sie in Schmach 
und Schande " 
Er seufzte schwer auf, legte seinen Kopf gegen 
die Lehne des Stuhles und schloß einen Augen 
blick lang die Augen. 
„Sie haben sich getäuscht," hauchten seine 
Lippen, „sie war gut — ihre Seele blieb rein, 
trotz Allem — ich habe es immer geglaubt, 
Wanda, ich mußte es glauben. Du warst gut — 
o, ich wäre ohne diesen Glauben ein elender 
Mensch geworden." 
Er legte die Hände vor sein Gesicht und ein 
paar Augenblicke lang blieb es still und regungslos 
im Zimmer. «Schluß solgt.) 
Zwei Sterne. y 
Wenn die Sonne fortgezogen, 
Eingekehret ist die Nacht, 
Wenn am dunklen Himmelszelte 
Nicht ein einzig Sternchen wacht, 
Glänzen mir zwei helle Sterne 
Aus der Holden Angesicht, 
Dringend in des Herzens Tiefe — 
Ach, wie tief, o frage nicht! 
Und in seligem Entzücken 
Schau' ich diese Sternchen au: 
Sind sie doch die einzig Lieben, 
Die so nah ich sehen kann. — 
Gold'ne Sternchen, hoch da droben, 
Leuchtet ihr auch heute nicht, 
Fand ich doch bei ihr zwei Sterne 
In der Augen strahlend Licht. 
Hart ZSever. 
Die Sklavt«. 
Hinwankend durch der Wüste öden Sand 
Die Ketten klirrend an den wunden Füßen 
Lechzend vor Durst und jammernd nach dem Glück 
So wird sie endlos, ziellos wandern müssen. 
Da Plötzlich zuckt es grell am Horizont 
Noch einmal öffnen sich die müden Augen 
Und trunk'nen Blickes sieht aus ros'ger Glut 
Ein wundersames Märchenland sie tauchen 
Auf goldenen Kuppeln spielt der Sonne Licht 
Vom Palmenhain ertönen süße Lieder 
Berauschend duftet rings die Blüthenpracht 
Vorn Felsen sprudelt klar die Quelle nieder. 
Mein Glück, mein Stern, sie ruft es jubelnd aus, 
Doch nimmer wird sie sich zur Freiheit retten, 
Das Trugbild schwindet hin im Nebelmeer 
Und laut und lauter klirren ihre Ketten. 
H. Vrnilii. 
Aus Heimath und Fremde. 
| Die diesjährige Hauptversammlung des 
Vereins für hessische Geschichte u n d 
> Landeskunde findet vom 24. bis 26. Juli in 
Hofgeismar statt. Das Programm ist wie folgt 
festgestellt: Am 24. Juli: Vorfeier, Empfang und 
Abends Vereinigung im „Schwarzen Adler." — 
Am 25. Juli: 8 Uhr Besichtigung der Stadt: 10 
Uhr Frühstück in Wilm's Garten; 11 Uhr Haupt 
versammlung in der Aula der Stadtschule. Vortrag 
des Oberlehrers Pf aff über.- „Das Nieder 
fürstenthum Hessen im Jahre 1637." Um 3 Uhr 
Festessen im „Deutschen Kaiser/ — Am 26. Juli: 
7 % Uhr Ausflug zu Wagen nach Beberbeck und 
Sababurg. Vortrag des Apothekers Sander über: 
„Sababurg/ — Der Preis der Festkarte beträgt 
mit Gedeck (ohne Wein) 5 Mark, ohne Gedeck 3 
Mark. Anmeldungen zur Theilnahme sind bis 
spätestens den 22. Juli, Abends 6 Uhr, an Bürger 
meister Schirmer zu Hofgeismar zu richten. 
Unserer gefeierten hessischen Schrifstellerin Sophie 
Junghans, z. Z. in Gotha, ist vom Herzog 
Ernst von Sachsen - Koburg - Gotha die silberne 
Medaille„ für Kunst und Wissenschaft am grün 
silbernen Bande verliehen worden.
	        

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