Full text: Hessenland (7.1893)

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die sich schwerfällig in der feuchten Atmosphäre 
wiegten und sagte dann, indem er Frau Schulte 
galant den mit buntem Zeug bezogenen Lehnsessel 
hinschob, gedankenvoll: 
„Es ist das heute eine eigenthüniliche Atmo 
sphäre und ein phantastisches Wolkengejage, Frau 
Schulte, so wie wir es nur selten in unserer 
nordischen Zone sehen, und das hat ein ganzes 
Heer von Erinnerungen in mir wach gerufen. 
Erinnerungen, die lange geschlafen haben," setzte 
er seufzend hinzu. 
Erinnerungen? — Also hatte der alte Herr 
doch eine Geschichte? dachte Frau Schulte, und 
der sanfte Ausdruck seines Gesichtes war — nein, 
nein, nichts vom Ebben und Fluthen sturm- 
gepeitschter Wellen, wie bei anderen Menschen, 
unterbrach sie ihre Gedanken, während sich ihre 
Augen in die edlen Linien seiner Züge gruben, 
die maßvoll und harmonisch aus der Hand des 
Bildners hervorgegangen sein mußten. Wohl 
düstere Erinnerungen, die der drückende Föhn in 
seiner Seele zusammentrieb; aber maßvoll und 
edel mußte er auch im Schmerze gewesen sein, 
davon war sie überzeugt. 
„Merkwürdig," fuhr der alte Herr fort, 
während er seine Pfeife von der Wand nahm, 
sie an seiner Zündmaschine, die er nach eigener 
Konstruktion hatte verfertigen lassen und trotz 
allen Neuerungen beibehalten, anzündete, „merk 
würdig, die heutige Atmosphäre und Wolken 
gestaltung habe ich in den 45 Jahren nur noch 
ein einziges Mal erlebt — und zwar an einem 
Tage, den ich als den glücklichsten meines Lebens 
bezeichnet habe." 
Er trat noch einmal in den Erker, sah einige 
Augenblicke hinaus in die sich durch den sinkenden 
Dunst immer mehr verdunkelnde Landschaft und 
nahm dann auf dem alten Ledersessel Platz, den 
er gegenüber von dem schob, auf welchem Frau 
Schulte saß. Ueber seinem Gesichte lag ein 
seelischer Glanz, der ihn seltsam verjüngte, es 
war als lauschte er, sanft verklärt, längst ver 
klungenen Melodien, und als vibrire es noch 
einmal in den Saiten seiner Brust von ver 
gangenem Glück und Leid. Frau Schulte störte 
ihn nicht. Der alte Herr Professor mit dem sie 
nach sturmvoll durchkämpfte! Jugend, seit 35 
Jahren so still zusammenlebte, war für sie 
immer der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit 
gewesen. Sein stilles, selbstloses Wirken mit der 
anspruchslosen Art, die für sich Nichts und Alles 
für andere wollte, war so identisch mit seiner 
Person, daß sie bei ihm nie an Erlebnisse 
gedacht, wie bei anderen Menschen. 
Erst heute — jetzt auf einmal dämmerte die 
Ahnung in ihr, daß das doch nicht immer so 
gewesen. 
Konnte denn kein — kein einziges Menschen 
leben ohne Kampf sein?! 
„Ach, das war eine glückliche, unvergessene 
Stunde." sagte der alte Herr auf einmal, nachdem 
er einen langen Zug aus seiner Pfeife gethan 
und träumend hinüber in die Ferne sah, wo 
ein jähes Leuchten die Wolken auf einmal aus 
einanderriß — „gerade so blitzte es auf und 
das fahle Licht fiel auf ein junges Angesicht." 
Ein dumpfer Donner in der Ferne macht 
seine Rede stocken und dann fuhr er, beiuahe 
in Verzückung mehr zu sich selbst, als zu Frau 
Schulte gewandt, fort: „So donnerte es 
damals — und dann sank dieses Angesicht 
Schutz suchend an meine Brust!" 
„£>, ich hatte sie geliebt von der ersten Stunde 
an — plötzlich und ohne Schranken — fast mit 
der Gewaltthätigkeit eines Naturgesetzes — und 
nun, da ich sie in meinen Armen fühlte, ihre 
weiche, warme Gestalt, die kühlen Locken um 
meine Stirn flutheten -*• da war es, als wäre 
aus mir armen Menschen plötzlich Gott selbst 
geworden, — ein wonnenseliger Taumel ergriff 
mich — ein namenloses, unbegreifliches Etwas — 
ich wollte sprechen — ich konnte nicht, alle 
meine Empfindungsfähigkeit hatte sich konzentrirt 
in dieses eine unfaßbare, verschwenderische 
Glück! — — 
Und dann, als sie sich aus meinen Armen 
riß, ihre Locken schüttelte und in ihrer blendend 
weißen Schönheit lächelnd vor mir stand, als 
sei nichts geschehen — da — was war denn 
da? — gebot sie mir da nicht Schweigen — 
ewiges Schweigen, während sie ihre Lippen wieder 
und wieder auf die meinen preßte, und es mir 
war, als wollte sie mir die Seele aus der 
Brust trinken?" — 
Die Pfeife war aus des Professors Händen 
leise zu Boden geglitten, er bemerkte es nicht, 
auch Frau Schulte blieb regnungslos. 
„Erst viele Stunden nachher," fuhr er fort, 
„in der Nacht, nachdem ich wie ein Visionär da 
oben in dem Zimmer auf und nieder gegangen, 
war der Taumel nach und nach gewichen und 
das Bewußtsein, daß es kein Traum gewesen, 
sich wie goldene Frühlingsfluthen durch meine 
Seele ergoß, erst da konnte ich Gott danken für 
seine unermeßliche Gnade. 
Es war ja genug des Glückes für ein ganzes, 
langes Menschensein." — — 
„Und ihre Braut?" fragte Frau Schulte nach 
langer Pause schüchtern, während welcher der 
alte Herr seine Pfeife wieder aufgenommen, sie 
abermals an der Zündmaschine angezündet hatte 
und sich dann wieder auf dem Sessel nieder 
gelassen.
	        

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