Full text: Hessenland (7.1893)

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man dann schwer eine Grenze finden würde. 
Wußte man in Kassel doch schon, daß eine 
Annektirung Hannovers im Werke war, und 
wurde in Folge dessen der Landgraf auch für 
sein Land besorgt. Die geistlichen Staaten be 
trachtete man dagegen als völlig vogelfrei; als 
Grund zu dieser Auffassung wurde angegeben, 
daß die Autorität der geistlichen Herren gänzlich 
verschwunden sei und deren Länder der repu 
blikanischen Staatsform entgegen gingen, die 
von den Franzosen begünstigt würde. Um aber 
die Ausbreitung republikanischer Ideen zu ver 
hindern , müßten die benachbarten weltlichen 
Fürsten diese Gebiete baldigst in Besitz nehmen. 
Da Landgraf Wilhelm IX. die Annahme dieser 
Vorschläge in Berlin für wahrscheinlich hielt, so 
sandte er Truppen nach Vacha, Hersfeld und in 
den oberen Theil der Grafschaft Hanau nach 
Schwarzenfels, um eventuell von verschiedenen 
Seiten in das Fuldaische Land einzurücken und 
dasselbe zu besetzen. 
Indessen gefielen diese Vorschläge weder dem 
Könige Friedrich Wilhelm III. noch dessen 
Ministerium. Einmal mochte man in Berlin 
einsehen, daß es unmöglich sei, viele ganz kleine 
weltliche Fürsten und Herren zu erhalten — 
ganz abgesehen von der beabsichtigten Erwer 
bung Hannovers —, dann aber auch erschien 
das schroffe Vorgehen gegen die geistlichen 
Staaten zu odiös. 
Auch diese Verhandlungen führten daher zu 
keinen! Abschlüsse und der Landgraf hatte weiter 
nichts erreicht, als das Bewußtsein, in Preußen 
und Frankreich zwei gute Freunde bei dem 
Rastadter Kongresse zu besitzen. Die über 
schwänglichen Hoffnungen, mit denen man sich 
lange in Betreff der Entschädigungsfrage in 
Kassel getragen hatte und welche bei reichlicheren 
Spenden von Geld an den richtigen Stellen in 
Paris wohl auch der Hauptsache nach sich hätten 
verwirklichen lassen, mußte man freilich auf 
geben. 
Nichts destoweniger siel die Entschädigung 
an Land und Leuten für Hessen nicht ganz 
schlecht aus. Der Landgraf hatte zwar die 
Stadt St. Goar und einige Dörfer mit im Ganzen 
6000 Einwohnern verloren, dafür wurden ihm aber 
die vier Mainzischen Aemter Amoeneburg, 
Fritzlar, Neustadt und Naumburg, sowie die 
freie Reichsstadt Gelnhausen mit im Ganzen 
5 Städten, 23 Dörfern und etwa 14,000 Seelen 
zugesprochen, die er denn auch in späterer Zeit 
durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 
erhielt. 
Auch in finanzieller Beziehung war das Re 
sultat des Krieges besser, als man anfänglich 
hatte hoffen können. Maximilian von Ditfurth, 
bekanntlich ein hervorragender hessischer Militär- 
schriftsteller , berechnet den von Seiten Hessens 
gemachten Kostenaufwand für das im Solde der 
Krone England während des Feldzugs in Flan 
dern gestellte Korps auf etwa drei Millionen 
Thaler, dagegen hatte der Landgraf ca. 
1,584,000 Pfd. St., oder nach dem damaligen 
Kurse 9,242,000 Thlr. erhalten, so daß ein 
Ueberschuß von 6,242,000 Thlr. verblieb. Hier 
von ist indessen die zur inneren Landesverthei 
digung verwandte Summe von 100,000 Thlr. ab 
zuziehen, sowie etwa noch der Aufwand für den 
Feldzug in der Champagne mit 2,235,000 Thlr. 
Geschieht dies, so bleibt als Geldgewinn in den 
Revolutionskriegen immer noch eine Summe von 
über drei ein halb Millionen Thaler übrig, ein er 
heblicher Betrag, namentlich wenn man in 
Anschlag bringt, daß der Werth des Geldes 
damals ein weit höherer war als jetzt, und daß 
die Landgrafschast Hessen noch keine halbe Million 
Seelen zählte. 
Selbst in politischer Beziehung war die Lage 
des Landgrafen beim Ende des Krieges mit 
Frankreich im Ganzen eine günstige. Durch 
den überraschend schnellen Abschluß des Friedens 
war seine Stellung zu dieser Macht eine sehr 
gute geworden, und gestützt auf seine alten 
Alliirten England-Hannover und Preußen, vor 
allem aber vertrauend auf sein verhältnißmäßig 
starkes Heer und seine übervollen Kaffen konnte 
der Landgraf der Entwickelung der Dinge 
ruhiger entgegensehen, als jeder andere deutsche 
Fürst. Als indessen die britische Macht aus 
Norddeutschland verschwand, wurde seine Lage 
schwieriger, und als Preußens Heeresmacht bei 
Jena zusammenbrach, ward es unmöglich, daß 
ein selbstständiger Militärstaat in Mitteldeutsch 
land fortbestand. Aber den Baseler Frieden 
dürfen wir dafür nicht direkt verantwortlich 
machen. Wir wissen, daß das alte deutsche 
Reich unrettbar verloren war, daß es durch 
keine Opfer an Blut und Geld erhalten werden 
konnte, weil ihm der innere Zusammenhang 
vollständig verloren gegangen war. Und was 
wir wissen, das sahen die klugen Staatsmänner 
der damaligen Zeit deutlich voraus; sie handel 
ten in ihrem Sinne auch nur folgerichtig, wenn 
sie für ihre Staaten retteten, was zu retten war. 
Ich finde in den mir vorliegenden zahlreichen 
Dokumenten keine Andeutung, daß irgend eine 
Partei, oder auch nur einzelne Personen in Hessen 
den raschen Abschluß mißbilligt hätten; im 
Gegentheil, überall herrschte Jubel und Freude, 
überall war man der Ansicht, daß der Landgraf, 
welcher den Degen als der allererste gezogen 
hatte, ihn auch unbeschadet seiner Ehre als einer 
der ersten wieder in die Scheide stecken konnte.
	        

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