Full text: Hessenland (7.1893)

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indem er das Objekt auch ohne Geldzahlung zu 
erlangen hoffe. 
Um diese Zeit kam eine Störung in die Ver 
handlung durch eine Person, an welche Niemand 
gedacht hatte. Dies verhielt sich wie folgt. 
Der Landgraf Friedrich, Vater des regierenden 
Herrn, war ein galanter Fürst gewesen. Unter 
den Damen, denen er gehuldigt, befand sich auch 
eine Französin, Catherine Felme. Es scheint, 
daß dieselbe in Geschäftsangelegenheiten nicht 
ganz unerfahren gewesen ist. Sie hatte ihr 
Verhältniß zu dem Landgrafen durch einen 
Vertrag geordnet und sich eine Pension aus 
bedungen, falls ihre gegenseitigen Beziehungen 
erkalten sollten. Solange Landgraf Friedrich 
lebte, scheint kein Grund zur Klage vorhanden 
gewesen zu sein, mit seinem Tode aber hörten 
alle Zahlungen auf, und die Sache selbst war 
in Kassel gänzlich vergessen. Nachdem aber 
durch die französische Revolution die Ansprüche 
französischer Bürger eine ganz andere Bedeutung 
erhielten, trat die Dame mit ihrer Forderung 
wieder hervor. Sie hatte sich unterdessen ver 
heiratet, war die Gattin eines einflußreichen 
Mannes geworden, und durch ihre vielfachen 
guten Verbindungen gelang es ihr, die diplo 
matischen Verhandlungen gänzlich ins Stocken 
zu bringen. Auf die Erklärung des hessischen 
Gesandten, daß es sich hier mehr um einen 
Roman, als um eine Geldforderung handle, 
erwiderte ein Mitglied des Direktoriums in 
boshafter Weise, er wünsche, daß sein ganzes 
Vermögen so sicher angelegt wäre wie dies 
mit der Forderung, der Klägerin der Fall 
sei. Wollte man alles bisher Erreichte 
wieder verlieren, so blieb nichts anderes 
übrig, als nachzugeben, und, nachdem ein vor 
geschlagener Vergleich abgelehnt war, wurde die 
gesammte rückständige Pension im Betrage von 
60000 L. durch ein Pariser Bankhaus an die 
Bürgerin Felm«, verehelichte Bruot, ausgezahlt. 
Kaum war dies Hinderniß beseitigt, als ein 
anderer Zwischenfall eintrat, welcher weit be 
denklichere Folgen hätte haben können. Der 
Landgraf hatte schon lange mit großem Miß 
fallen bemerkt, daß die französischen Truppen 
sich in der Wetterau mehr und mehr ausbreiteten. 
Er wurde für seine isolirt liegende Grafschaft 
Hanau, welche nur zwei Regimenter zur Be 
satzung hatte, besorgt, und, ohne die Sache im 
Ministerium zu besprechen, sandte er zwei weitere 
Regimenter dorthin. Er hatte aber die Rechnung 
ohne den französischen Divisionsgeneral Hatrh 
gemacht. Als dieser nämlich von dem Marsche 
erfuhr, ließ er die Thore der Städte verschließen 
und sandte verstärkte Piquets aus, welche die 
hessischen Truppen arü Weitermarsche auf den 
gewohnten Etappenstraßen in der Wetterau 
hindern sollten. Außer der Beschimpfung, welche 
hierin lag, war auch zu fürchten, daß dieses 
unangenehme Vorkommniß den Pariser Ver 
handlungen schaden würde. Der Landgraf wandte 
sich deshalb an die französische Gesandtschaft in 
Kassel und bat, den ärgerlichen Vorfall an die 
französische Regierungnicht zu berichten. Leider war 
der Gesandte Rivals verreist und ein junger 
Sekretär Simon führte die Geschäfte. Dieser 
gab nur ausweichende Antworten, und bald 
sollte es sich herausstellen, daß er einen laugen 
und gehässigen Bericht nach Paris geschickt hatte. 
Der hessische Botschafter wandte sich alsbald an 
das französische Gouvernement und stellte die 
Sache so harmlos als möglich dar: es hätten 
nur die beiden in Hanau stehenden Regimenter 
abgelöst werden sollen; daß der Garnisons 
wechsel früher als herkömmlich habe stattfinden 
sollen, habe seinen Grund in den hohen Preisen 
der Lebensmittel in Althessen. Anfänglich stellte 
sich die französische Regierung erzürnt und erst 
nach der Rückkehr des Gesandten Rivals, welcher 
die ganze Angelegenheit als auf einem bloßen 
Mißverständniß beruhend hinstellte, besserte sich 
die Stimmung wieder. 
Alle diese Umstände hemmten den Gang der 
Verhandlungen und als gar Talleyrand durch 
seine Mittelsperson verlangte, daß die zur that 
sächlichen Ausführung der Pyrmvnter Konvention 
beanspruchten zwei Millionen Livres bei einem 
Pariser Bankhause effektiv deponirt- würden, 
erkannte man die Nutzlosigkeit weiterer Negv- 
ciationen auf der bisherigen Grundlage. Mein 
Großvater reiste daher Ende Januar 1798 wieder 
nach Rastadt zurück. Auch hier waren die Ge 
schäfte nicht so lebhaft, daß es sich gelohnt hätte, 
zu bleiben, er begab sich daher bald nach Kassel, 
um dem Landgrafen mündlich Bericht abzustatten. 
Die dortige Besprechung führte zu der Erkenntniß, 
daß nunmehr in Berlin weiter operirt werden 
müsse. Mit möglichstem Nachdrucke sollte auf 
der Durchführung der Pyrnionter Konvention 
bestanden werden. Mein Großvater war bereit, 
auch diese Mission zu übernehmen, und schon 
Ende Februar befand er sich in Berlin. Er 
hatte dem Könige Vorschläge des Landgrafen zu 
überbringen, die im Wesentlichen darin bestanden, 
daß die norddeutschen Fürsten unter Preußens 
Leitung zu einem Bunde zusammentreten sollten, 
dessen Mitglieder die Erklärung abgäben, jedem 
weltlichen deutschen Reichsstande auf dem rechten 
Rheinufer solle sein Eigenthum garantirt werden, 
dagegen müßten alle geistlichen Staaten grund 
sätzlich verschwinden. Der Landgraf ging von 
der Ansicht aus, daß ein Mediatisiren der 
Kleinen eine sehr gefährliche Sache sei, indem
	        

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