Full text: Hessenland (7.1893)

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Es ward hierauf erwidert, daß vor der Rückreise 
des hessischen Gesandten nach Rastadt alle Haupt 
punkte des Arrangements mit Hessen geordnet 
werden müßten, da sonst die größte Verwirrung 
in Rastadt entstehen würde, wenn sich das Direk 
torium mit Preußen und dessen Alliirten Hessen 
nicht vorher verständigt habe. Talleyrand ent 
gegnet«, daß die Krankheit des Königs von Preußen 
in der letzten Zeit den Gang der politischen Ne 
gotiationen größtentheils paralysirt habe und 
daß nichts festgesetzt wäre. Er fragte hiernach, 
was Hessen eigentlich haben wolle. Der hessische 
Gesandte antwortete: die Kurfürstenwürde und 
einige Bisthümer nebst drei Mainzischen Aemtern, 
indem solche in dem Frieden mit Hessen bereits 
zugesagt und in der mit Preußen im vorigen 
Jahre geschlossenen geheimen Konvention von 
neuem bestimmt worden wären. Hierbei zog der 
Gesandte die Pyrmonter Konvention aus der 
Tasche und las die Artikel vor. Talleyrand 
nahm das Schriftstück alsdann und studierte den 
Inhalt desselben, wobei er die Worte Fulda und 
Paderborn ausdrücklich hervorhob. Er sagte 
hierauf, daß sich der Punkt wegen Erlangung der 
Kurwürde hier schlechterdings nicht besprechen 
ließe, weil darüber mit dem deutschen Kaiser 
noch weitere Rücksprache genommen werden müßte, 
der dem Projekte sehr entgegen zu sein scheine. 
Mit den Mainzischen Aemtern würde es keine 
Schwierigkeiten haben und auch für ein Stück 
von einem geistlichen Lande als Entschädigung 
für das, was Hessen am linken Ufer des 
Rheines verlöre, würde man sorgen, aber Pader 
born scheine zu anderem Behufe unumgänglich 
nöthig. Hierauf wurde erwidert, daß diese Aus 
sichten keineswegs mit dem übereinstimme, wozu 
man sich berechtigt glaube, namentlich wenn man 
die Loyalität in Betracht ziehe, mit welcher der 
Landgraf zu seinem größten Nachtheile England 
gegenüber den fraglichen Frieden beobachtet hätte. 
Es wurde hierauf französischerseits im allgemeinen 
das Wohlwollen hervorgehoben, welches Frankreich 
für den Landgrafen habe und zugesagt, daß man 
zu weiteren Verhandlungen bereit sei, wenn eine 
gute Karte vorgelegt werde. So endigte die 
erste Konferenz in der Entschädigungsangelegenheit. 
Sehr bald erkannte man, daß ohne Geld in 
Paris nichts auszurichten sei. Es wurden daher 
Erkundigungen eingezogen, durch welche Kanäle 
man Gold in die entscheidenden Kreise einfließen 
lassen könne, und es ergab sich, daß ein junger 
Deutscher diese Angelegenheit besorgte, welcher 
durch seine Beziehungen zum Direktorium in 
kurzer Zeit sich ein großes Vermögen erworben 
hatte. Der Landgraf bestimmte daher eine er 
hebliche Summe, um für ihn eine günstige 
Stimmung hervorzurufen. Leider mußte ihm 
aber sein Gesandter bald mittheilen, daß die 
bewilligten Beträge nicht entfernt hinreichten. 
Die Konkurrenz der Reichsstände war eben groß, 
der einflußreichen Beamten waren viele und Be 
scheidenheit schien nicht zu ihren hervorragenden 
Eigenschaften zu gehören. 
Um diese Zeit tauchte das Projekt auf, daß 
Hessen-Kassel die Grafschaft Hanau an Hessen- 
Darmstadt und die Grafschaft Schaumburg an 
Preußen abtreten und dafür das Bisthum Fulda 
als Entschädigung erhalten solle. Der hessische 
Gesandte in Paris befürwortete dieses Tausch 
geschäft. Als praktischer Staatsmann wußte er, 
welche Schwierigkeiten es bietet, entlegene Landes 
theile zu verwalten und wie viel vortheilhafter es 
ist, wenn ein Staat ein zusammenhängendes 
Ganze bildet. Doch sein Herr wies diesen Vorschlag 
mit Entrüstung zurück. „Was meine Staaten 
an Breite gewännen, würden sie an Länge ver 
lieren" , schrieb der Landgraf. „lieber will ich 
jeder sonstigen Vergrößerung entsagen, als außer 
der Grafschaft Katzenelnbogen noch den Verlust 
mehrer Provinzen meiner Erblande ertragen, 
namentlich solcher, welche so ergiebig wie die 
letztgenannten sind". — 
So mußte das große Tauschprojekt, welches für 
Hessen viel für sich hatte, aufgegeben werden. 
Unterdessen brachten Vermittler die Nachricht, 
daß unter zwei Millionen Livres, oder 500 000 
Thaler nichts in der Entschädigungsfrage in 
Paris zu machen sei. Wende der Landgraf 
aber diese Summe und noch einige größere 
Douceurs an, dann sei es sehr wahrscheinlich, 
daß er hierfür das Bisthum Paderborn eigen 
thümlich erhielte. Uebrigens würden Garantien 
dadurch geboten, daß das Geld deponirt werde 
und nur dann zur Auszahlung gelange, wenn 
das große Geschäft auch wirklich zu Stande 
komme. Ohne Anwendung dieser Summe und 
noch etwa 500 Karolinen an die Subalternbeamten 
sei aber an die Ausführung der Pyrmonter Kon 
vention nicht zu denken. Dem Landgrafen ver 
ursachte diese Nachricht großes Mißbehagen; er 
war ein genauer Rechner und der Betrag dünkte 
ihm zu hoch. Während sein Ministerium zum 
Abschlüsse des Geschäftes drängte, stellte Land 
graf Wilhelm die in Folge langjähriger Miß 
verwaltung vorläufig nur geringe Rente des 
Bisthums Paderborn in den Vordergrund seiner 
Betrachtung. Er mochte außerdem ahnen, wie 
unsicher aller landesherrlicher Besitz in der 
damaligen revolutionären Zeit war und wie 
leicht er das erkaufte Objekt später wieder ver 
lieren könne. Er befahl daher, von dem ge 
forderten Betrage abzuhandeln und die An 
gelegenheit überhaupt dilatorisch zu betreiben/
	        

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