Full text: Hessenland (7.1893)

Frieden von Kasel und seine Uolgen sür Hessen- 
Massel. 
(Schluß.) 
s war die Zeit, zu welcher in Rastadt ein 
Friedenskongreß zusammen treten sollte, 
und von Rastadt aus sollten von hessischer 
Selte die direkten Unterhandlungen mit der fran 
zösischen Republik eingeleitet werden. Der Geheime 
Staatsminister Freiherr Waitz von Eschen, welcher 
damals mit der Führung der auswärtigen An 
gelegenheiten Hessen-Kassels betraut war, erhielt, 
um die Aufmerksamkeit von seiner Reise nach 
Paris abzulenken, zunächst einen kurzen Urlaub, 
den er bei Verwandten in Hanau zubrachte, und 
wurde von dort als Gesandter nach Rastadt ge 
schickt. Man konnte wohl voraussehen, daß bei 
der Langsamkeit, mit welcher alles, was auf Reichs 
angelegenheiten Bezug hatte, betrieben wurde, 
auch der Rastadter Kongreß nicht zum festgesetzten 
Termine beginnen, und daß nach seiner Eröffnung 
noch eine geraume Zeit vergehen würde, bis man 
über die weitläufigen zeremoniellen Einleitungen 
zu den eigentlichen Verhandlungen übergehen 
konnte. In dieser Annahme fand man sich nicht 
getäuscht. Als der hessische Bevollmächtigte in 
Rastadt eintraf, waren die österreichischen Gesandten 
noch nicht erschienen und der Tag ihrer Ankunft 
war noch ungewiß. Sobald dies in Kassel be 
kannt wurde, ertheilte der Landgraf seinem Ge 
sandten den Befehl, sofort nach Paris abzureisen, 
um dort das Entschüdigungsgeschäft energisch zu 
betreiben. In den letzten Tagen des Novembers 
1797 begab sich dann auch mein Großvater nach 
der Seinestadt und nach sechstägiger außerordentlich 
beschwerlicher Fahrt gelangte er an seinem Ziele 
an. Seit seiner Abreise von Kassel war indessen 
eine große Veränderung in den politischen Ver 
hältnissen eingetreten. König Friedrich Wilhelm II. 
von Preußen war seinen Leiden erlegen, und 
sein Sohn Friedrich Wilhelm III. hatte den Thron 
bestiegen. Für die Pariser Verhandlungen war 
dies insofern von großem politischen Nachtheile, 
als alle politischen Vereinbarungen mit dem Vor 
gänger abgeschlossen worden waren, und in Preußen 
mit jedem Regierungswechsel auch ein System 
wechsel verbunden zu sein pflegte. Der preußische 
Gesandte in Paris, Herr von Sandos, welcher 
dies wohl wußte, war unschlüssig, was er thun 
sollte, und dies um so mehr, als man ihn im 
Drange der Geschäfte in Berlin längere Zeit 
gänzlich ohne Instruktion ließ, so daß er fürchten 
mußte, seine Stelle zu verlieren. Von dem starken 
Nachdruck seitens der preußischen Gesandtschaft, 
auf welchen man in Kassel fest gerechnet hatte 
und der auch sicher vorhanden gewesen wäre, 
wenn der König Friedrich Wilhelm II. am Leben 
blieb, konnte daher keine Rede mehr sein. Anstatt 
daß Herr von Sandos den hessischen Minister 
in Paris mit Rath und That unterstützte, wandte 
sich jener vielmehr an seinen eben aus Deutschland 
angelangten Kollegen, um von diesem Auskunft 
über die dort herrschenden Ansichten zu erhalten. 
Indessen blieb der Vertreter des Landgrafen von 
Hessen nicht lange unthätig. Bereits am 8. 
Dezember meldete er sich bei dem Bürger Talley- 
rand, welcher seit kurzem die auswärtigen An 
gelegenheiten leitete, als Abgesandter Hessens bei 
dem Rastadter Kongresse. Am 11. Dezember 
wurde er schon zu einer Konferenz eingeladen. 
Talleyrand wollte alle bezüglichen Gegenstände 
zur Verhandlung auf dem allgemeinen Kongreß 
verweisen. Der hessische Gesandte erklärte dagegen, 
daß gerade die Befürchtung einer summarischen 
Behandlung den Grund abgegeben hätte, weshalb 
er nach Paris gekommen sei. Der Kongreß 
würde ein Meer von Schwierigkeiten bringen, 
und der Landgraf habe es deshalb für nothwendig 
erachtet, über diejenigen Gegenstände, welche ihn 
selbst beträfen, vorher mit dem französischen 
Gouvernement eine Uebereinkunft zu treffen, da 
Hessen-Kassel begründete Ansprüche habe, von 
Frankreich bei der jetzigen Gelegenheit reelle Be 
weise seiner Freundschaft zu erhalten. Der fran 
zösische Minister versicherte hierauf, daß Hessen 
sich auf die wohlwollende Gesinnung der Republik 
verlassen könne, daß ferner die französischen 
Bevollmächtigten zu Rastadt auf das Vortheil 
hasteste für Hessen eintreten würden, daß man 
aber in Paris nichts Bestimmtes festsetzen könne.
	        

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