Full text: Hessenland (7.1893)

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der konservativen Partei an. Ein Freund der 
Einfachheit hat es der Jubilar vorgezogen, seinen 
Ehrentag in Stille und Zurückgezogenheit im engsten 
Kreise zu Wilhelmshöhe bei Kassel zu feiern. Von 
Sr. Majestät dem Kaiser wurde ihm der rothe 
Adlerorden dritter Klasse mit der Schleife verliehen. 
Man muß dem Jubilar nachrühmen, daß er von 
Jugend an ein Mann von festen Grundsätzen ge 
wesen ist, ausrichtig und bieder, ohne Falsch und 
Hinterlist, der, wie er denkt, auch spricht, und auf 
dessen Wort man sich unbedingt verlassen kann. 
Diese Eigenschaften haben auch bei allen, die ihn 
kennen zu lernen Gelegenheit hatten, selbst bei seinen 
Gegnern, die verdiente Anerkennung gefunden. Möge 
es dem Herrn Geheimen Regierungsrath von Gehren 
noch recht lange vergönnt sein, sich der gleichen 
Rüstigkeit des Körpers und Frische des Geistes wie 
seither, zu erfreuen. 
Aus Leipzig geht uns folgende Mittheilung 
zu: Die hiesige ev.-reformirte Gemeinde hat heute 
(25. Juni) zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit 
eine Pfarrcrwahl vorgenommen. Nachdem Herr 
Lic. Ed. Simons (aus Elberfeld) im Oktober vorigen 
Jahres ausgeschieden war, um sich dem akademischen 
Lehrfache zu widmen, hatte man an seine Stelle den 
Heidelberger Professor Herr Lic. Dr. P. Mchlhorn 
(aus Altenburg) berufen. Am 1. April k. I. wünscht 
nun auch Herr Dr. theol. I. G. Dreydorff (aus 
Ziegenhain) auszuscheiden, um nach 27jähriger 
segensreicher Amtsführung in den Ruhestand zu treten. 
Der heute infolge dessen neu gewählte Pfarrer Herr 
Karl Bonhoff (geb. 3. Okt. 1863 in Königshof), 
entstammt einer a l t e n h e s s i s ch e n F a m i l i e; er 
ist der Sohn eines früheren Kasseler Arztes und 
war zuletzt Erzieher im fürstlich Wiedschen Hause. 
Justizrath Dr. Karl Grimm f. Am 23. 
Juni verschied der Justizrath Dr. Karl G r i m m 
von Marburg zu Neuwied, wohin ihn sein Beruf 
geführt hatte, in Folge einer Lungenentzündung im 
68. Lebensjahre. Geboren am 16. Mai 1826 zu 
Kassel als Sohn des Oberschulraths und Professors 
Grimm, besuchte er das Gymnasium zu Hanau und 
widmete sich von Ostern 1844 bis Herbst 1847 
auf den Universitäten Marburg und Bonn dem Studium 
der Rechtswissenschaft. Mit trefflichen Gaben des Geistes 
ausgestattet, war es dem Verblichenen beschieden, im 
öffentlichen Leben eine hervorragende Rolle zu spielen. 
In seiner Jngend liberalen Anschauungen huldigend, trat 
er später zu der konservativen Partei über und wurde der 
Führer derselben in Marburg. Seit 1851 wirkte er 
daselbst als Rechtsanwalt, nachdem er zuvor als Referen 
dar an dem Obergerichte zu Hanau den juristischen 
Vorbereitungsdienst absolvirt und als Vertheidiger in 
dem bekannten Lichnowsky-Prozesse sich den Ruf eines 
tüchtigen forensischen Redners erworben hatte. Die 
»Oberhessische Zeitung" widmet den Dahingeschiedenen 
einen warmen Nachruf, dem wir folgende Stellen 
entnehmen: 
,Mit Justizrath Grimm ist ein Mann aus dem 
Leben geschieden, der weit über die Grenzen unseres 
engeren Vaterlandes hinaus Bedeutung erlangt und 
ungelheilte Anerkennung gefunden hat. Mit einer 
nimmer versagenden Arbeitskraft ausgerüstet, unter 
stützt durch eine ausgezeichnete juristische Beanlagung 
hat er seit nahezu dreiundvierzig Jahren in unserer 
Stadt der Ausübung der anwaltlichen Praxis obgelegen, 
in welcher er der großen Zahl seiner Klienten ein 
stets hoch geschätzter und treuer Berather gewesen ist. 
Er genügte aber nicht nur den Ansprüchen, welche 
seine Thätigkeit als vielbeschäftigter Anwalt an ihn 
stellte, sondern er fand daneben stets Zeit, seiner 
politischen Richtung Ausdruck und Geltung zu ver 
schaffen. Bereits im Jahre 1872 wurde er als 
Abgeordneter des Marburger Wahlkreises in den 
ersten Reichstag des neugegründeten deutschen Reiches 
gesandt und hat seit dieser Zeit bis zum Ende der 
achtziger Jahre nahezu immer einer parlamentarischen 
Körperschaft, sei es dem preußischen Landtag, in 
welchem er den Kreis Kirchhain-Frankenberg wiederholt 
als Abgeordneter vertreten hat, oder dem deutschen 
Reichstag als Mitglied angehört und sich auch in dieser 
Eigenschaft durch seine parlamentarische Tüchtigkeit nicht 
nur Achtung und Anerkennung auch bei seinen politischen 
Gegnern erworben, sondern auch die Interessen 
seiner Wähler aufs wirksamste zur Geltung gebracht. 
Wir wollen nur hervorheben, daß er im Abgeord 
netenhaus zum Vorsitzenden der Justizkommission ge 
wählt und im Reichstage als Referent zu dem Börsen- 
stcuergesetz bestimmt wurde. Auch an der Verwaltung 
des Kreises Marburg hat er, nachdem ihn das Ver 
trauen der Kreiseingesessenen in den Kreisausschuß be 
rufen hatte, thätigen und erfolgreichen Antheil ge 
nommen. 
Die vielseitige Thätigkeit, die der Verstorbene 
stets an den Tag gelegt hat, fand auch von Aller 
höchster Seite mehrfach Anerkennung. Vielfach war 
cs ihm vergönnt, sich des sichtlichen Erfolges seiner 
Wirksamkeit zu erfreuen." 
Ueber die Leichenfeier berichtet die „Oberh. Zeitung": 
„Ein großartiger Leichen-Kondukt bewegte sich am 
26. Juni nachmittags um 4 Uhr durch die Straßen 
der Stadt Marburg, man trug die irdische Hülle eines 
der hervorragendsten Mitbürger, des so plötzlich aus 
dem Leben geschiedenen Justizraths Dr. Grimm zu 
Grabe. Eröffnet wurde der Zug durch ein Musik 
korps, dem die Geistlichkeit und dann der mit Blumen 
und Kränzen reichgeschmückte Sarg folgte. Hieran 
schlossen sich die Familienangehörigen und eine un 
gewöhnlich große Menge Leidtragender an, denn von 
nah und fern waren die Freunde und Verehrer des 
Verblichenen herbeigeeilt, um demselben die letzten 
Ehren zu erweisen. Den Schluß des Zuges bildete
	        

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