Full text: Hessenland (7.1893)

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Die Apfellotte meinte, das Gesicht des Pro 
fessors sei nach und nach immer heiterer geworden 
und die ernste Falte, die in seinen jüngeren 
Jahren schwere Gedanken verrathend zwischen 
den dichten Brauen gelegen, sei merkwürdiger 
weise mit dem Alter fast ganz geschwunden. 
Er war eben ein Sonderling, der Herr Pro 
fessor, er arbeitete, machte Entdeckungen, stieg zu 
wissenschaftlichen Ehren und hatte doch keine 
Wünsche für sich selbst. Sein nachmittägiger 
Spaziergang und die zwei Stunden, die er 
nachher im Lesezimmer des Museums und im 
Kolleg verbrachte, waren di; einzige Zeit, in 
welcher er mit Menschen in Berührung kam. 
Der alte Herr stand heute mit merkwürdig 
erregtem Gesichte vor dem großen Tische, der in 
der Mitte seines Laboratoriums stand, desselben 
Zimmers, in welchem vor mehr als vierzig 
Jahren die verschollene gnädige Frau ihre „tbss 
ckansauts" gehalten hatte. 
Er hatte allerlei Versuche glücklich beendet, die 
ihm zur genauen Kenntniß des Edisonlichtes 
verhelfen sollten, welches ihm von allen neuen 
Erfolgen der Elektrizität der glänzendste erschien 
und seine Seele fast mit jugendlicher Begeisterung 
hob. 
Das Bewußtsein, daß sein berühmter Kollege 
alle seine Widersacher, ohne auf weitläufige 
gelehrte Diskussionen einzugehen, gleichsam mit 
Friihtin gsfahrtcn. 
I. 
Wiedersehen. 
Grüß Gott, da ich Dich wiederseh', 
Dich, traute, sanfte Bergeshöh, 
Die Du im Winterbann noch lagst, 
Als meinem Glück Du Zeuge warst! 
Und nun im Lenz steh' wieder ich 
Vor Dir und grüß' — mein Glück - und Dich! 
Das Herze wird mir frei und weit 
Voll Frühlingsgnad' und Seligkeit! 
O Maienzeit, wie reich Du bist 
Wenn's Mai im Herz auch ist! 
Die Worte wohl, sie gehn mir aus, 
Doch jubelnd dringt's zum Herz hinaus: 
Du guter Gott zu Deinem Preis 
Ich nichts als nur zu singen weiß! — 
II. 
Zur Rhön! 
Es kam ein starker Wanderdrang 
Mir in das Herz so wundertief, 
Wohl weil der Lerche Jubelsang 
Wohl weil der Frühling hold mich rief. 
Licht überfluthet hatte, gab ihm heute mehr wie 
je das stolze Bewußtsein, daß er sein langes 
Leben im Dienste einer Wissenschaft verbraucht, 
die wahrhaft glänzende Erfolge erzielt. 
Für ihn, der bei seinem eigengearteten 
Organismus, niemals den Geruch und die Hitze 
des Gases ertragen konnte, schien diese Er 
findung geradezu von eminenter Tragweite 
und er hatte sich vorgenommen, trotz seiner 
Schwerfälligkeit in Entschlüssen, die Reise nach 
München zu unternehmen und sich somit einen 
wissenschaftlichen Genuß zu verschaffen, dessen 
Aussicht allein alle seine Lebensgeister in Auf 
regung brachte. Er hatte freilich im Vertiefen in 
die physikalischen Konstruktionen nicht die Un 
annehmlichkeiten in Erwägung gezogen, die ihm, 
der rüstig mit der Wissenschaft fortgeschritten, 
seine gänzliche Unkenntniß in moderner gesell 
schaftlicher Beziehung auferlegen mußte. Aber 
wie sollte er auch bei dem Anblick der Zeichnungen 
und kleinen Modelle in Zink und Kupfer, die 
da herum lagen und standen und sein volles 
Denken in Anspruch nahmen, solche Nebensachen 
in Erwägung ziehen? Da würde schon Frau 
Schulte, seine langjährige Hauswirthin, Rath 
schaffen, sie kannte ihn ja und wußte was ihm 
in dieser Beziehung noth that. 
(Fortsetzung folgt.) 
Das Bündel war gar bald geschnürt, 
Der Wanderstock gar schnell zur Hand — 
Mein Herz hatt' lang ja schon gespürt 
Des Frühlings leises Weh'n im Land! 
Durch Thäler weit, weit über Höh'n 
Nahm ich den Weg recht frohgemuth. 
Manch' Dörflein traut hab' ich geseh'n, 
Trank manchen Becher Rebeublut! 
Und immer weiter zog ich hin, 
Hinauf des Bächleins muntren Lauf; 
Und immer freier ward der Sinn, 
Und tausend Lieder wachten auf! 
Wie's sorgenlose Jugend tbut, 
Hab ich nach Blumen mich gebückt, 
Sogar vom Rothdornstrauch den Hut 
Mir frühlingsherrlich ausgeschmückt! 
Und hinterm letzten Hügel — da 
Mit eins hab' jubelnd ich's geseh'n, 
Im gold'nen Morgenlicht so nah: 
Mein Ziel, die stolze, schöne Rhön!
	        

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