Full text: Hessenland (7.1893)

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irrte, darüber hatte die Alte dach wohl nicht 
nachgedacht.. 
Der alte Herr war ein rüstiger Siebziger und 
wohnte in dem ergrauten Giebelhause seit nahe 
zu 45 Jahren. Freilich hatte er damals, da er 
als außerordentlicher Professor mit spärlichem 
Gehalt an die Universität berufen wurde, nur 
die kleine Giebelwohnung inne gehabt, die über 
dem ersten Stocke mit dem geschnörkelten Erker 
lag. Die Hauptwohnung selbst war im Besitz 
eines älteren Kollegen gewesen, der mit Frau 
und Tochter da ein geselliges Leben geführt 
hatte. 
Die alte Hökerin erinnerte sich dieser Zeit 
noch ganz besonders genau, denn damals war 
sie selbst noch ein junges, blühendes Mädchen, 
und hatte auf blank geputztem Geschirr das 
Fleisch aus ihres Vaters einträglichem Geschäft 
in die herrschaftliche Küche getragen. 
Es war das die Glanzzeit ihres Lebens ge 
wesen und auch die des alten Kastens, wie sie 
in ihren stillosen Gedanken das alterthümliche 
Haus benannte.- Bald nachher aber hatte sich 
nach dem Falle ihrer eigenen Familie auch die 
Herrschaft dort aufgelöst. Die Tochter heirathete, 
der Vater starb und die Frau des Professors, 
die eine stolze Adelige gewesen, zog von dannen 
und blieb verschollen. 
Aber das war ganz gleich, die alte Lotte 
erinnerte sich doch noch ganz genau, wie man 
sie das hübsche Lottchen genannt hatte und wie 
es in dem damals so lustigen Hause zugegangen 
war. 
Der Mann war, ihrer Meinung nach, ein 
guter Tropf gewesen, der nur froh sein mußte, 
wenn er bei den Gesellschaften keine Vorwürfe 
von der Gnädigen erhielt, die ihm, wie die 
Dienstboten versicherten, immer von Neuem un 
gehobelte Manieren und bürgerliche Hartköpfig 
keit vorwarf.' 
Aber trotzd.em trug doch der Mann den Kopf 
beinahe ebenso hoch wie die Gnädige selbst und 
etwas von der Atmosphäre, die sie zu verbreiten 
liebte, war auch in sein bürgerliches Blut über 
gegangen. Er war mit Bewußtsein der Mann 
seiner Frau, der geborenen Freun von Nicht 
hausen und die Ansicht, die sie ihm nach und 
nach beigebracht, daß es für ihn, den bürger 
lichen Professor eine Ehre sei, ihr Mann ge 
worden zu sein, hatte doch mit der Zeit Aus 
druck in seinem Gesichte gewonnen und den 
letzten Rest von gutmüthiger Intelligenz ver 
drängt. Seine Kollegen, die nie eine übertriebene 
Meinung von seiner wissenschaftlichen Potenz 
gehabt, sahen sein Können immer mehr und mehr 
verflachen. 
Und nun die Tochter, die wunderschöne Tochter 
mit dem fremdländischen Namen — sie hieß 
Wanda, nach einer Tante der gnädigen Frau in 
Pole» — wie hatten sich alle jungen Männer 
darum bemüht, unter der Zahl ihrer Verehrer 
genannt zu werden! Wie viele kostbare Blumen 
bouquets, die man ihrer Schönheit gezollt, waren 
wohl in dem alten Giebelhause dort achtlos 
verwelkt! 
Die Leute erzählten sich, sie sei eitel und ge 
fallsüchtig, liebe Luxus und schöne Kleider mehr 
als Alles und wäre der Abgott der gnädigen 
Frau, die alle ihre eigenen gescheiterten Pläne 
an der Tochter verwirklicht sehen wolle. 
Ob sie glücklich geworden war mit dem blassen, 
abgelebten Offizier, mit dem man ihre Hochzeit 
so pomphaft gefeiert hatte? 
Man wußte nichts von ihm, als daß er 
Güter weit ab in Polen an der russischen Grenze 
habe und von eben so altem Adel stamme, wie 
die gnädige Frau selbst. Auch später hörte man 
nie mehr von der schönen Frau, der zu Ehren 
sich damals die halbe Bevölkerung in die Kirche 
gedrängt, als sie in ihrem reichen, mit Spitzen 
und Hermelin verbrämten Atlaskleide, wie eine 
Königin vor den Stufen des Altars gekniet und 
sich dem ältlichen, unschönen Manne, blos weil 
er adelig und reich war, so sagte die böse Welt, 
zu eigen gab. 
Wenige Wochen nach der Hochzeit war ihr 
Vater nach kurzer Krankheit gestorben und die 
gnädige Frau, die immer noch schön und be- 
gehrenswerth war, vermählte sich nach verflossenem 
Trauerjahre mit einem russischen General und 
blieb, wie schon gesagt, verschollen. In soliden 
Kreisen wurde diese unerhörte Heirath eine kurze 
Zeit lang nicht ohne Entrüstung besprochen, aber 
das änderte nichts an der Sache. Die tugend 
haften Mütter wunderten sich vergebens über 
den unbegreiflichen Geschmack der Männer, die 
eine alternde Frau ihren blühenden Töchtern 
vorziehen mochten und beruhigten sich nur mit 
dem Bewußtsein ihrer sittlichen Strenge, für 
welche die heutige Männerwelt nun einmal kein 
Verständniß zu haben schien. 
In die große Wohnung zog dann, nachdem 
sie beinahe ein Jahr leer gestanden, da sie 
ziemlich abgenutzt war, der ernste, gelehrte 
Professor aus dem oberen Erker. Die Nachbarn 
meinten anfänglich, er wolle sich verheirathen, aber 
daraus wurde nichts. Er breitete sich mit seinen 
physikalischen Instrumenten, Präparaten und 
Büchern allein in der geräumigen Wohnung aus, 
und selbst die ehrenvollen Rufe an andere be 
deutendere Universitäten, die an ihn ergingen, 
lehnte er mit dem Bescheide ab, daß er sich hier 
zufrieden fühle und keine weiteren ehrgeizigen 
Wünsche hege.
	        

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