Full text: Hessenland (7.1893)

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>er alle Kerr Wrofessor 
von H. Keller-Jordan. 
s war ein alterthümliches Giebelhaus, mit 
stilvollen Erkern und geschwärzten Balken, 
welches sich in der breiten Straße, zwischen 
den modernen Bauten, beinahe greisenhaft aus 
nahm. Seine Nachbarhäuser waren mit der 
Zeit fortgeschritten und hatten, wo sie nicht 
gänzlich umgebaut waren, wenigstens neue Ge 
wänder über die morschen Gebeine geworfen. 
Auch die kleinen Fenster hatten nach und nach 
größeren, mit modernen Scheiben Platz gemacht 
und sie sahen nun ganz zeitgemäß, ja beinahe 
stolz auf das trotzige, alte Gemäuer, welches so 
ohne Scheu seine Gebrechen preisgab. 
Aber es giebt Augen, die Verständniß für 
solche Bauten haben und die mit weit größerem 
Interesse die stilvollen Bogenfenster und vor 
springenden geschwärzten Erker betrachten, als 
die Reihe geschliffener Scheiben in den glatt 
getünchten Mauern ihrer modernen Nachbarn. 
Jedenfalls konnte das Haus seine Geschichte 
haben; schon sein Alter berechtigte es dazu, denn 
es mußten wohl schon Geschlechter um Geschlechter 
auf den einsamen breiten Gängen gewandelt sein. 
Nennenswerth allein blieb schon die heute so 
seltene Begebenheit, daß seine Insassen seit 
Menschengedenken nicht gewechselt hatten, und 
daß, seitdem man im vorigen Jahre den alten 
ehrwürdigen Schulmeister aus der uiedrigen 
Parterrewohnung zu Grabe getragen, sein Sohn, 
um nicht fremde Elemente in die alten Mauern 
zu bringen, dieselbe für sich allein übernommen 
hatte. 
Im Volksmnnde erzählte man sich, daß der 
alte Herr Professor, der schon über vierzig Jahre 
den oberen Stock bewohnte, ein Sonderling sei, 
daß er keine Neuerungen dulde und sich selbst 
nicht mehr an fremde Tritte und Stimmen 
gewöhnen könne. Jedenfalls aber sah der kleine 
alte Herr freundlich und harmlos aus, wenn er 
regelmäßig Nachmittags, beinahe mit der 
Pünktlichkeit des Königsberger Philosophen, 
durch die etwas winklige Straße schritt. Die 
Kinder, die dann aus der Schule kamen, kannten 
ihn alle genau, aber sie fürchteten sich nicht vor 
ihm und wichen nicht aus, sondern sahen ihm 
freundlich in das Gesicht und das „Guten Tag, 
Herr Professor" war das Wenigste, was sie ihm 
boten. Er blieb daun wohl bei der einen oder 
anderen der kleinen Mädchen stehen, fragte nach 
ihren Schulerlebnissen und kaufte ihnen, wenn 
er besonders guter Laune war, „Obst nach der 
Jahreszeit," bei der dicken alten Apfellotte, die 
da an der Straßenecke ergraut war und die den 
Herrn Professor schon gekannt hatte, als er noch 
ein junger Herr gewesen war, und die Mütter 
erwachsener Töchter ihn auf der Liste der 
Heirathskandidaten obenan gehabt. Die alte 
Lotte war redselig und hatte ein gutes Gedächt 
niß, und wer ihr Gehör schenken wollte, der 
konnte mancherlei Interessantes von ihr erfahren 
aus der Chronik der Hubertusgasse, Dinge, die 
dem Hörer, der nur nach dem äußeren Leben 
urtheilte, unglaublich erschienen, aber die die 
Apsellotte doch ganz genau zu wissen vorgab. 
Es war ihr ja bei ihrem Strickstrumpf Muße 
geblieben, zu beobachten, hier und da hatte sie 
wohl auch von den Vorübergehenden ein achtlos 
gesprochenes Wort erhascht, oder auch mit den 
Kindern und Mägden, die bei ihr Obst holten, 
kleine Unterhaltungen angeknüpft. Sie war nicht 
unverständig, die Alte, sie hatte sich aus dem 
Allen heraus ihre Geschichten zusammengesetzt 
und wenn sie auch manchmal, je nachdem ihre 
Sympathien und Antipathien ins Spiel kamen, 
etwas ab und zu that, im Ganzen wichen ihre 
Zusammenstellungen nicht weit von der Wahr 
heit ab. 
Nur von dem alten Herrn Professor, wie er, 
da er der Einzige seiner Kollegen war, der noch 
in dieser etwas aus der Mode gekommenen 
Straße wohnte, genannt wurde, nur von dem 
alten Herrn da wußte sie nichts. Der hatte 
schon in der Jugend gerade so einsam gelebt wie 
jetzt, nie Augen gehabt für die schöne Damen 
welt und der Apfellotte keine Veranlassung ge 
geben , ihre Phantasie mit ihm zu beschäftigen. 
Aber um die Ehre ihres Geschlechtes zu retten, 
sagte sie doch gewöhnlich, wenn die Rede auf 
ihn kam und man sich bekreuzigte, warum er nie 
um ein Mädchen gefreit habe, „ach was, der 
hatte nie Courage dazu, gern gesehen hat er sie 
auch." 
Diese letzte Ueberzeugung ließ sich die Apfel 
lotte nun einmal nicht nehmen. 
Ob sie das nun blos so unüberlegt hinsprach, 
oder ob ihr diese Gedanken gekommen waren, 
wenn sie von ihrem Platze an der Ecke aus, wo 
sie ihr Obst verkaufte, den Erker beobachtete, in 
welchem der damals noch junge Herr seine 
physikalischen Präparate hatte und mit den 
Augen Dinge beobachtete und studirte, die nach 
der Ansicht der Alten doch eigentlich ganz un- 
nöthig und werthlos waren. Ob er in damaliger 
Zeit, wenn er abends über die Gebühr lange 
regnungslos zum Himmel sah, blos die Sterne 
beobachtete oder sich in andere Labyrinthe ver-
	        

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