Full text: Hessenland (7.1893)

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gänzlich auf das linke Rheinufer, dann könnten 
auch Oesterreich und Preußen keine Ent 
schädigungen auf Kosten des Reiches erhalten, 
da dann keine Säkularisationen stattfinden 
würden. -Sollten aber der Kaiser und auch 
der König einige geistliche Länder bekommen, so 
dürfte es nicht sehr schwierig sein, auch für 
einen anderen Fürsten durch Frankreich Ent 
schädigung der Kriegskosten zu erhalten. Wenn 
auch die Zukunft mit einem dichten Schleier 
verhüllt sei, so liege doch die Vermuthung nahe, 
daß das Reich nicht ganz unangetastet bleiben 
dürfte. Unter diesen Umständen sei der große Ein 
fluß des Direktoriums auf die künftige Gestaltung 
unzweifelhaft, und da die Wege, die Gunst dessel 
ben zu erwerben, bekannt seien, so schlage er, 
Jordis, vor, daß baldigst eine Reise des Staats 
ministers Waitz von Eschen in's Auge gefaßt 
werde. Letzterer wäre durch seinen längeren 
Aufenthalt in Basel mit Barthélémy, welcher 
nunmehr Mitglied des Direktoriums sei, eng 
liirt; auch wäre er bereit den Minister mit 
denjenigen Personen bekannt zu machen, welche 
die Kanäle kennten, durch die man zu dem 
richtigen Flecke gelange; ferner bemerkte Jordis, 
daß durch seine Leute schon viel auf diese 
Weise erreicht worden sei, zumal man Personen 
und Wege genau kenne. Damit aber keine 
unnöthigen' Geldausgaben verursacht würden, 
müsse alles nur bedingungsweise geschehen; 
wegen der Auszahlungszeit würde er dann die 
näheren Vorschläge machen können, damit alles 
im größten Geheimnisse bleibe. Sollte aber 
eine derartige Unterhandlung zu spät kommen, 
oder keine Säkularisationen zu Gunsten des 
Kaisers oder des Königs von Preußen statt 
finden, und also auch kein anderer Fürst Anspruch 
auf Vergrößerung haben, so würde doch sicher 
Frankreichs Einfluß beim Reiche so groß bleiben, 
daß durch dessen Vermittelung zum allerwenigsten 
die Kurwürde zu erhalten sein würde. Dies 
koste Frankreich gar nichts; man müsse es nur 
ernstlich wollen, dann geschehe es auch wirklich 
beim Friedenschlusse. Nach seiner Einsicht liege 
es im Interesse Hessens, sich immer inniger und 
fester an das ganz Europa beherrschende Frank 
reich anzuschließen, denn nur hierdurch habe es 
Aussicht, einige Entschädigungen auf die eine 
oder die andere Weise zu erhalten. Von 
Oesterreich hingegen habe es nichts als Chikanen 
zu erwarten. 
So lautete die Denkschrift des hessischen 
Legationsrathes Jordis. Der Landgraf las das 
Schriftstück mit großem Interesse. Anfänglich 
war er unschlüssig, was er thun sollte, als er 
aber im Juni 1797 sich in Wilhelmsbad auf 
hielt und der Legationsrath Jordis dort erschien, 
gelang es diesem durch mehrfache eingehende 
Unterhaltungen den Fürsten vollständig von der 
Richtigkeit seiner Ansichten in Bezug auf die 
auswärtige Politik zu überzeugen. Jordis 
erfreute sich in der Folge der Gunst des Land 
grafen in hohem Maaße, und um derselben 
Ausdruck zu geben, wurde des politischen Agenten 
jüngster Sohn, welcher als Avantageur in ein 
hessisches Regiment eingetreten war, außer der 
Reihe mit einem Fähnrichspatente bedacht. 
Bevor jedoch der entscheidende Schritt geschah, 
beschloß man mit dem preußischen Hofe Rück 
sprache zu nehmen. Die Gelegenheit hierzu war 
günstig, da der schwer erkrankte König Friedrich 
Wilhelm II. Genesung in dem Bade Pyrmont 
suchte, und der Landgraf zur Badekur in dem 
benachbarten Nenndorf weilte. Ein Besuch bei 
dem Könige von Preußen konnte Niemand auf 
fallend erscheinen, im Gegentheil würde die 
Unterlassung eines solchen befremdend gewesen 
sein. Im Monat Juli begrüßten sich denn 
auch die beiden Herrscher in Pyrmont auf's 
herzlichste und die leitenden Minister Hessens 
und Preußens begannen ihre Unterhandlungen, 
welche bald zu einem vollständigen schrift 
lichen Einverständnisse führten. Die Bedeutung, 
welche diese Konvention ans die folgenden 
Ereignisse hatte, bestimmt mich, dieselbe im 
Wortlaute mitzutheilen: 
Nachdem Se. Majestät der König von Preußen 
und Se. Durchlaucht der Landgraf von Hessen 
es für nothwendig erachtet haben über ver 
schiedene Gegenstände, welche Bezug haben auf 
den demnächstigen allgemeinen Frieden und welche 
ihre Interessen ebenso sehr berühren, wie das 
Wohl des deutschen Reiches, in Verbindung zu 
treten, so haben sie zu diesem Zwecke ernannt 
und mit Vollmachten versehen folgende zwei 
Personen, nämlich Se. Maj. der König von 
Preußen seinen Staats- und Kabinetsminister 
Grafen von Haugwitz und Se. Durch!, der 
Landgraf seinen Staatsminister Freiherrn Waitz 
von Eschen, welche nach Austausch ihrer Voll 
machten übereingekommen sind über folgende 
Festsetzungen: 
8 1. 
Se. Maj. der König von Preußen und Se. 
Durchl. der Landgraf zu Hessen halten noch 
immer fest an der Integrität des deutschen 
Reiches, wie dies den Gelübden entspricht, die 
sie bei jeder Gelegenheit kundgegeben haben, 
und werden bestrebt sein, dieselben zur Erfüllung 
zu bringen, so sehr sich dies immer bewerkstelligen 
läßt. 
8 2. 
Wenn indessen der Kaiser und das Reich 
beim künftigen Frieden mit der französischen
	        

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