Full text: Hessenland (7.1893)

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somit stillschweigend und als auf seine noch übrige 
traktatmäßige Zeitdauer in Kraft bleibend, 
anerkannt worden war. Diese Unbestimmtheit 
erregte in hohem Grade das Mißtrauen des 
höchst kommandirenden österreichischen Generals 
von Wallmoden, welcher sehr deutlich zu er 
kennen gab, wie er den Argwohn hege, daß der 
General von Dalwigk in Folge eines etwaigen 
geheimen Artikels den Befehl haben möchte, mit 
dem hessischen Korps zwar noch vorläufig bei 
der kombinirten Armee zu verweilen, um hier 
durch der englischen Subsidien theilhaftig zu 
bleiben, jedoch im Falle stattfindender Feind 
seligkeiten jede Mitwirkung zu versagen. 
Am 27. Oktober kündigte indessen England 
den Subsidienvertrag mit dem Landgrafen und 
die kombinirte Armee löste sich aus. Die von 
Preußen mit der französischen Republik fest 
gesetzte Demarkationslinie schützte ganz Nord 
deutschland , und es fiel in Folge dessen der 
Grund weg, ein Heer ferner hier aufzustellen. 
Der Landgraf rief nun seine Truppen von der 
Ems ab, und nachdem von den englischen 
Kommissaren die erforderlichen Inspektionen 
und Revisionen vorgenommen waren, zog die 
Armee langsam in ihre Heimath zurück. In 
den letzten Tagen des November trafen die 
hessischen Regimenter, welche über Paderborn 
und Marburg heimkehrten, in ihren Friedens- 
garnisoncn ein. Leider wurden sie nicht festlich 
empfangen, wie es ein so tapferes Korps wohl 
verdient hätte; unmittelbar nachdem sie die 
Grenze überschritten hatten, erfolgten umfassende 
Beurlaubungen und in aller Stille nahmen sie 
ihre alten Standquartiere wieder ein. 
Der Friedenszustand war nunmehr hergestellt, 
aber die Verwirrung war überall noch sehr 
groß. Der Landgraf rief daher seinen Gesandten 
nach Abschluß des Vertrages von Basel nicht 
zurück, derselbe mußte noch mehrere Wochen 
dort verweilen, um gemeinschaftlich mit dem 
Minister von Hardenberg über die Ausführung 
der Bedingungen mit der französischen Republik 
zu unterhandeln. In Kassel mißfiel namentlich 
der Z 4 des Vertrages, nach welchem trotz 
der Neutralität der Durchmarsch, sowohl der 
französischen, als Reichs- und österreichischen 
Truppen auf vier verschiedenen Routen frei 
gestellt war. Diese Routen berührten entweder 
hessisches Gebiet, oder lagen doch unmittelbar 
an der Grenze. Es war leicht vorauszusehen, 
daß dieser Paragraph zu großen Mißhelligkeiten 
Anlaß geben würde. Der Gesandte erhielt 
daher den Auftrag alles aufzubieten, um die 
mißliche Klausel unwirksam zu machen. So 
bemühte sich der Landgraf durchzusetzen, daß 
die Demarkationslinie von preußischen und 
hessischen Truppen stark besetzt würde, um auf 
diese Weise eine größere Sicherung der dahinter 
liegenden Gegenden zu bewirken. Indessen ging 
es nicht so, wie man in Kassel wünschte, vor 
allem hatte man sich geirrt, als man annahm, 
sämmtliche oder doch die meisten Reichsstände 
würden dem Beispiele des Landgrafen folgen, 
und dem Baseler Frieden würde sich der Reichs 
frieden sofort anschließen. Die kriegerischen 
Ereignisse nahmen vielmehr wieder einen größeren 
Umfang an, und im Herbste wurde das französische 
Korps unter General Jourdan in wilder Flucht 
in den Rhcingau getrieben. Bei dieser Gelegen 
heit zeigte es sich, wie wenig Schutz die 
Demarkationslinie ohne effektive Besetzung bot. 
Die aufgelösten fränkischen Schaaren über 
schwemmten die an beiden Rheinufern gelegene 
hessische Grafschaft Katzenelnbogen und hausten, 
trotz des eben abgeschlossenen Friedens- und 
und Freundschaftsvertrages, während der Tage 
vom 13. bis 15. Oktober schlimmer als in 
Feindesland. Auf die ausführlichen Berichte 
des Hauptmanns Scheffer, welcher mit 100 Mann 
in der Grafschaft stand, und des Kommissars 
Zipf hin, wurde Beschwerde von dem noch in 
Basel befindlichen hessischen Minister bei dem 
französichen Gesandten Bartholemy erhoben und 
Vergütung des auf 37 639 Gulden eingeschätzten 
Schadens verlangt. Allein es blieb bei Ent 
schuldigungen von Seiten des französischen 
Vertreters. Da man nun in Basel nichts mehr 
zu erreichen vermochte, so kehrte der hessische 
Gesandte im Spätherbste nach Deutschland 
zurück. 
Am Hofe des Landgrafen war man ziemlich 
rathlos; in dieser Stimmung hielt man es für 
das Beste, abzuwarten, was die Ereignisse 
bringen würden. Es ging das Jahr 1796 hin, 
ohne daß man weiter gekommen wäre. Da 
erlaubte sich der hessische Geschäftsträger in 
Frankfurt, Jordis, dem Landgrafen eine längere 
Denkschrift zu überreichen. — Jordis war seines 
Zeichens Banquier und wurde anfänglich zu 
Geldgeschäften benutzt; da er aber ein äußerst 
gewandter Mann war und an allen größeren 
Plätzen Verbindungen hatte, so war er im 
Stande, dem Landgrafen die wichtigsten 
politischen Nachrichten aus Frankreich zu liefern. 
Namentlich seine Pariser Berichte waren vor 
züglich, dort hatte sich sein ältester Sohn etablirt. 
In der erwähnten Denkschrift hob Jordis hervor: 
Es sei außer allem Zweifel, daß Frankreich 
die Bestimmungen zum künftigen Frieden vor 
schreiben werde, daher sei anzunehmen, daß 
durch die Protektion des Direktoriums denjenigen 
Fürsten, welchen es wohlwolle, noch manches 
zugewendet werden könne. Verzichte Frankreich
	        

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