Full text: Hessenland (7.1893)

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frau,*) bei Gott die beste Seele von der Welt, die 
an mir gehandelt hat wie an einem Sohne, und 
an die ich niemals ohne herzliche Rührung denke, 
mit Segenswünschen, mit Thränen sogar. Sie 
hat mir erst später den Grund dieser Thränen 
gestanden, und auch warum sie nicht ging; ihr 
Mann, der geschickteste Bäckermeister in Fulda, 
war mit allen Gesellen und seinem holden Töch 
terlein schon um vier Uhr ausgezogen, um noch 
Platz zu finden. 
Das Herz pochte doch gewaltig, als ich die 
Hühnerstiege ans der Garderobe auf die Bretter 
hinaufkletterte. Alles war schon versammelt, 
Publikum und Schauspieler, das Theater zum 
ersten Akt gestellt, die Darsteller angezogen und 
geschminkt, die Geigen im Orchester gestimmt. 
Der Direktor, mein gemüthlicher Friese, — wir 
nannten ihn scherzhaft, obwohl er noch ganz gut 
Chevaliers spielte, den „ehrbedürftigen Greis", 
als Führer der kleinen Schaar, — er selbst führte 
mich, schmunzelnd und zufrieden, schon im Kostüm 
seiner Rolle und nur noch mit einigen Wickeln 
im Haar, an das verhängnißvolle Loch in der 
Gardine. Himmel, welch ein Haus! Ich habe 
deren viel volle, überfüllte gesehen, zu Paris, 
da Scribe's ,17ns eds-ine" zum ersten Male ge 
geben ward, zu London, wie die Grisi zu ihrem 
Benefice sang, zu Wien, da die Fanny ihren 
Landsleuten das Lebewohl tanzte, aber jene „Kette", 
und die Grisi und die Elster, zogen lange nicht 
so stark, wie mein Gespenst! Kopf an Kopf, daß 
keine Nuß mehr zur Erde fallen konnte! Es war 
der einzige frohe Moment, den mir auf der Bühne 
mein undankbares Gespenst machte: dieser Moment 
an dem Gucklöchelchen. 
Der Souffleur stieg in seinen Kasten; ich selbst 
ergriff die Klingel, die Ouvertüre begann. Noch 
ein Blick hinaus: ich suche bekannte und befreundete 
Häupter, aber die Menge schwimmt mir vor den 
Augen, die unbeschreibliche Hitze im Saale steigt 
mir zu Kopfe. Ich trat rasch hinter die erste 
Koulisse, wo ein Stuhl für mich stand, winke 
lächelnd den Schauspielern, welche mit ihren 
Rollen in der Hand umhersteigen, wenigstens 
ebenso befangen als ich, Muth und Ruhe zu, 
nenne, da der letzte Takt unten tönt, in den 
lauten Paukenwirbel leise einen geliebten Namen, 
und — 
das Gespenst erscheint! 
Geneigter Leser, noch geneigtere Leserin 
Ich schreibe keine Selbstkritik, so sehr das auch 
Mode sein soll in der neueren Literatur, wenn 
man den alten Literaten glaubt, die es selbst 
nicht anders getrieben haben als wir. Ich weiß 
obendrein, daß mein Stück, wenn auch nicht 
*) Frau Hofbäcker E- Gräuel, geb. Arnd. 
unter aller Kritik, so doch herzlich roh. voll 
Härten und Blößen, oft verletzend, nie befriedigend 
ist: das hab' ich seitdem gelernt, und noch manches 
Andere dazu. Aber wie es dem armen Gespenst 
in Fulda ging, nein, das war doch wahrhaftig 
ärger als in der Hölle, wohin es meinetwegen 
gehörte. Daß man ein Stück auspfeift, weil es 
schlecht ist, mag dem Autor die Ohren lang genug 
ziehen. Daß man ein Stück austrommelt, weil 
man den Autor haßt, mag ihm die Zähne knir 
schend an einander schlagen, wie Karlos sagt. 
Aber daß man ein Stück nicht auspfeift und 
nicht austrommelt, sondern mit ruhiger, berech 
neter, spielender Bosheit zerreißt, seine Wirkungen 
koupirt, seine Glanzstellen übersudelt, das mag 
dem Autor Thränen entpressen, so bitter, wie 
sie selten geweint werden von menschlichen 
Augen. Dieser Autor war ich, dies Stück mein 
Gespenst. Bei der Liebeserklärung im zweiten 
Akt (der erste zog so ziemlich still vorbei), miaut 
eine Katze unten im Hause, eine menschliche 
nämlich, und eine andere gegenüber antwortet. 
Als der Sohn seinen Vater verfluchte, schrie 
uuten im Hause, mitten in die starke, effektvolle 
Rede ein Kuckuck, jenes niedliche, allen Kindern 
wohlbekannte Spielwerk. Es waren Rasseln mit 
gebracht, kleine Trompetchen, Knallerbsen, Mund 
harmonikas, — o über das kindliche Publikum! 
Ich darf es wohl gestehen, daß zum ersten Male 
an jenem Abende fest und klar der Entschluß vor 
meine Seele trat: „Fort von hier, um jeden 
Preis, zu jedem Ziel, für jede Zeit!" Und so 
rufe ich mit Joseph ihnen zu: „Ihr gedachtet es 
böse mit mir zu machen, aber ein Anderer machte 
es anders!" 
Es ist Gras über meinen Groll gewachsen, stören 
wir ihn nicht auf! Nein, ich will vielmehr dankbar 
erkennen, daß eine Menge freundlicher Ohren 
drunten lauschten, denen jene Mordinstrumente 
vielleicht nicht viel minder weh' thaten, als mir, 
und eine Menge freundliche Hände, welche sie 
klatschend zu übertäuben suchten. Besonders die 
„Loge", wo die Damen, ein Theil der Angestellten 
und namentlich die wackern Officiere des zweiten 
Regiments ihren Platz hatten, suchte soviel als 
irgend möglich für mich zu kämpfen. Auch meine 
Schüler, — sie haben mich immer lieb gehabt, 
in Kassel wie in Fulda, — standen auf meiner 
Seite, mit Ausnahme der Wenigen, welche eine 
ungünstige Zensur oder eine nicht verschmerzte 
Disciplinarstrase an mir zu rächen hatten. Allein 
ich erkannte nur zu bald, daß hier ein Schauspiel 
im Schauspiel aufgeführt wurde, dessen, Goethe's 
Vorschrift getreu, leidender Held ich war. 
Jenes Charivari galt nicht meinem Gespenst, son 
dern meiner Person, und hätte ich meinem Ge 
fühle folgen dürfen, so wäre ich hinaus an die
	        

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