Full text: Hessenland (7.1893)

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gleichen Namens. Es waren einige schöne Winter 
abende, daß ich's „schuf", und aus den schönen 
Abenden wurden jedesmal häßliche Nächte, ohne 
Schlaf, voll Fieber, und aus den häßlichen Näch 
ten sehr häßliche Morgen, wo ich um sieben Uhr 
bei Licht aufstehen, mich in der Hast in die Kleider 
und den Kaffee in mich stürzen, und Punkt acht, 
sobald der Pedell läutete, auf dem Katheder stehen 
mußte, um Cornelium Nepotem meiner Quarta 
zu exponiren, und mich über die faulen Schlingel 
zu ärgern, die noch mehr Lust hatten denn ich, 
über Miltiades Ciraonis filius Atheniensis wieder 
einzuschlummern. Ich glaube, dies wäre eigentlich 
ein besserer und näherer Stoff für mein Trauer 
spiel gewesen, als derjenige, welchen ich wählte. 
Um jedoch meines Erfolges auf der deutschen 
Bühne ganz sicher zu sein, hatte ich mir einen 
französischen Autor als Muster auserlesen; ich 
wollte, wie die größten Dramatiker aufhören, 
lieber gleich anfangen: „bearbeiten". Der kleine 
Roman von Jakob le Bibliophile „Le marchand 
du Havre“, zufällig in meine Hand gefallen, schien 
mir ein großer Vorwurf. Zu Rathe ziehen konnte 
ich keine Seele bei meinem Unternehmen, denn 
die einzige literarische, welche außer mir in Fulda 
geathmet, mein guter Heinrich Koenig, athmete 
damals noch in Hanau, unstreitig viel freier 
und frischer. So ging ich also ans Werk, »I 
am myself alone“ mit Gloster mir zurufend. 
Der Stoff war alles Ernstes gar nicht übel: 
moderne und frappante Gegensätze, tüchtige 
Leidenschaften, spannende Katastrophen, starke 
Charaktere. Als zum Exempel ein alter Graf 
voll Adelsstolz und sein junger Sohn voll Liebe 
zu einer bürgerlichen Frau; ein Kaufmann voll 
Geldstolz und seine Gattin voll Sentiment, welche 
mit jenem Grasen schon „in Liebe" war; ein Paar 
humoristische Nebenfiguren und einen tüchtigen 
Bankerott nebst obligatem Selbstmord machte ich 
dazu, und die Sache war sertig. 
Das Kindlein erhielt den Namen: 
„Das Gespenst der Ehre". 
Nomen et omen habet. Ja, es ist wie ein 
Gespenst umhergewandert in allen sogenannten 
Bibliothekzimmern oder Archiven der deutschen 
Bühnen, und doch sehr früh zur Ruhe gekommen. 
Ein guter Freund von mir, der aber ein sehr 
schlechter Mensch ist, änderte auf dem Exemplar, 
welches ich ihm gewidmet hatte, den Titel später 
also um: „Das Gespenst ohne Ehre." Mir ge 
fiel aber der erste doch besser. 
Zwei wackere Zöglinge unserer Sekunda, denen 
meine Handschrift aus der Korrektur ihrer deut 
schen Stilübungen geläufig war, thaten mir die 
Liebe, das Konzept zu mundiren. Gott lohn' 
es ihnen an ihren eigenen Werken, wenn sie je 
in den traurigen Fall kommen, deren zu liefern! 
Eigenhändig besorgte ich das rothe Unterstreichen 
der nicht zu sprechenden Stellen im Buche, wie 
ich solches in den zahlreichen Manuskripten im 
Arsenal des Hoftheaters zu Kassel als Bühnen 
praxis kennen gelernt hatte, und darauf ward 
das Gespenst in Halbfranz gebunden. 
Nun mußte sich's begeben, durch eine jener 
wunderbaren Fügungen, welche allzeit große Er 
scheinungen in der Weltgeschichte zu begleiten 
und zu fördern pflegen, daß um jene Zeit die 
reisende Gesellschaft des Schauspieldirektors Friese, 
in Mitteldeutschland rühmlich bekannt, nach Fulda 
kam. Dies schien mir ein Fingerzeig des Himmels. 
Ein kluger General läßt erst auf einem kleinen 
Terrain seine Truppen manöveriren, ehe er sie 
ins offene Feld, vor den Feind, ins Feuer führt. 
Also: Heraus mit dem Gespenst! 
Die Proben huben an. Das Theater war in 
dem Saale einer mir sehr befreundeten Restau 
ration aufgeschlagen*), recht artig und behaglich. 
Ich „leitete" oben das Einstudiren und trank im 
Zwischenakt, — es war grimmig kalt, — mit 
einem Künstler unten ein Glas Bordeaux; da 
mußte ja Feuer in die Sache kommen und Alles 
ging vortrefflich. 
Eines Morgens, am 21. Februar 1840, kleben 
an allen Straßenecken die Zettel mit meinem 
Gespenst. Auch mein Name klebte, in viel größerem 
Drucke als Raupachs oder Töpfers, die ja nicht 
Gymnasiallehrer in tooo waren. Ich hielt mich 
Tags über in ziemlicher Ruhe; von der gewissen 
Spannung und Angst überkam mich keine rechte 
Spur, denn ich bin Zeitlebens ein leichtsinniger 
Mensch gewesen. Bis vier Uhr Nachmittags hatte 
ich in der Schule zu thun, und um sechs begann 
die Vorstellung. Von fünf bis sechs ward meine 
Treppe von Besuchern nicht leer: fast sämmtliche 
Schüler der Quarta, deren Klassenordinarius 
ich war, baten mich vorschriftsmäßig um Erlaub 
niß des Theaterbesuches. Ich war ihnen immer 
ein gütiger Lehrer und gewährte sie Allen, aber 
Allen, auch den etwas schlecht notirten. Auf 
diese Art organisirte ich mir, dachte ich, auf die 
unschuldigste Art ein Publicum und eine Klaque. 
Q, was ein Häkchen werden will krümmt sich 
in Zeiten! 
Erst fünfzehn Minuten vor sechs, da ich ging, 
fiel mir auf dem Zettel der 21. Februar groß 
und „gespenstisch" in die Augen. Ich erinnerte 
mich an Werner, an Müllner, an die Schicksals 
tragödie, für welche der Monat Hornung bekannt 
lich ein Privilegium besitzt, und eine fatalistische 
Gänsehaut rieselte unter meinem Paletot hin. 
An der Thüre entließ mich meine ehrliche Haus- 
*) Es ist das Pult'sche Lokal, dessen Geschichte wir 
demnächst einen besonderen Artikel widmen werden,
	        

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