Full text: Hessenland (7.1893)

12 
O doch seng ich lostig, 
Bie's Feschche im Meer: 
Meng Ässe wärzt Honger, 
Ö die Walt es voll Wonger. 
Die Rose ö Nälke, 
Stäurände, 5 ) die blich, 
Doch alle verwalke. 
Bos bleiwt da noch grie, 
Bleiwt schie fer sich immer? — 
Die Liew verwalkt nimmer. 
In Jüchzer züm Himmel 
Machts Ärweln') so licht; 
In Tronk aus dem Schimmel^) 
Baßt doch zur Geschicht. 
In Monz^), ha! net frostig, 
Vom Schatz macht mich lostig. 
Kurt Wuhn. 
') Mein Brot ist wohl krustig — hart. s ) Arbeit. 
3 ) würzt Hunger. 4 ) Wunder. s ) Studenten (= Nar- 
cissus poeticus). 6 ) grün. ’) das Arbeiten. 8 ) Krug. 
9 ) Kuß. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Eine Patriotische That. Es war im 
Spät-Herbste des Jahres 1806, da langten in dem 
Dorfe Niederdünzebach, eine Stunde von Eschwege 
gelegen, mehrere Wagen an, welche mit vierpfündigen 
Kanonenkugeln beladen waren und von einer kleinen 
Anzahl von französischen Soldaten escortirt wurden. 
Diese Kugeln waren dem Kurfürstlichen Zeughause 
zu Kassel von den Franzosen entnommen und 
sollten auf höhern Befehl nach Eisenach gebracht 
werden. Es brach bereits die Nacht herein, als die 
Wagen auf einem Hofe der Pfarre gegenüber, auf 
fuhren und man die Gäule ausspannte. Der da 
malige Pfarrer, Wilhelm Quentel, hatte nicht sobald 
Kenntniß erhalten, welcher Art die Ladung der Wagen 
sei, als er auch schon den Entschluß faßte, den Herren 
Franzosen einen Streich zu spielen, um dem Vater 
lande das geraubte Gut zu erhalten. Zu diesem 
Zwecke wußte er den Fuhrleuten und der Mannschaft 
ein Füßchen Branntwein in die Hände zu spielen, 
das die erhoffte Wirkung auch bald hatte; denn 
es währte nicht lange, so lagen Fuhrleute wie Wachen 
im festesten Schlafe und schnarchten um die Wette. 
Nun ging es ohne Säumen an die Ausführung des 
Vorhabens. Zwei zuverlässige Maurer waren bereits 
beschickt, dieselben mußten den Taufstein, welcher sich, 
wenn auch außer Gebrauch, immer noch in der 
Kapelle der Kirche befand, von seinem Platze rücken 
und, wo er gestanden, eine Grube ausheben, in 
welche der Pfarrer mit seinen Mägden die Kugeln 
trugen. Bereits waren die letzten in die Grube ver 
senkt, als sich die nächtlichen Arbeiter verlegen fragten; 
aber wohin mit der ausgeschachteten Erde? Doch 
da galt kein langes Besinnen und: „Auf die Wagen!“ 
rieth der Pastor. Gesagt, gethan. Bald nahm die 
Erde die Stelle der Kugeln und der Taufstein den 
alten Platz wieder ein und, nachdem der Besen noch 
die letzte Spur der Hantierung vertilgt hatte, war 
das Versteck schlechterdings nicht zu entdecken. 
Wer malt den Schreck und das Erstaunen der 
Bedeckungsmannschaft, als am andern Morgen die 
Fahrt weiter gehen sollte und auf den Wagen sich 
Erde statt der Kanonenkugeln vorfand, wer ihre 
Rathlosigkeit, die sich zum Grauen steigerte, als der 
Herr Pfarrer geschickt die Meinung zu wecken wußte, 
daß hier der leibhaftige Gottseibeiuns wahrscheinlich 
die Hand im Spiele haben müsse, welche die eisernen 
Kugeln in Dreck verwandelt habe. Ohne sich deshalb 
auf weitere Nachforschungen einzulassen trat die 
Mannschaft den Rückweg an, zur Freude der Fuhr 
leute, die in diesen Kriegsläuften wohl wußten, wann 
sie zu Kriegsfuhren die Heimath verließen, aber nicht, 
wann sie in dieselbe zurückkehren würden, und der 
noch größern des biedern Pastors. 
Einige Zeit schien es, als sei höheren Orts kein 
Vermerk über das Geschehene genommen worden, 
dann aber erschien plötzlich eines Tages ein Deta- 
schement Franzosen, das im Dorfe Nachforschungen 
nach dem Verbleib der Kanonenkugeln anstellen 
sollte. Dasselbe zog jedoch unverrichteter Sache wieder 
ab und seine Drohung, das Dorf einzuäschern wenn 
sich die Kugeln nicht fänden und die Thäter nicht 
entdeckt würden, blieb eben blos eine Drohung. 
Nach Rückkehr des Kurfürsten Wilhelm I. in sein 
Land ließ der patriotische Pastor die Kugeln aus 
graben und führte vierhundert und achtunddreißig 
Stück dem Kasseler Arsenale kostenfrei zu. Viele 
Kugeln aber sind in dem Dorfe verblieben, dienen 
noch heute den Webern als Gewichte zur Spannung 
des Tuches, oder den Dörflerinnen zum Zerreiben 
des Kaffees; auch sieht man hin und wieder die 
Kinder mit „Franzosenkugeln" spielen. 
Als Anerkennung seines bewiesenen Patriotismus 
ward Herrn Pfarrer Quentel vom Kurfürsten das 
erledigte Vikariat Frieda und in seinem Auftrag das 
nachfolgende Schreiben: 
„Wir haben Ihren und Ihrer Gemeinde patri 
otischen Eyffer, den Sie bey Verbergung der 
anherogesandten Kanonenkugeln bewiesen haben, 
unserem gnädigsten Landesfürsten unterthänigst 
angezeigt und von seiner Kurfürstlichen Durch 
laucht den höchsten Befehl erhalten, Ihnen und 
Ihrer Gemeinde die höchste Zufriedenheit zu 
bezeigen, mit dem Beyfügen, daß Ihr und Ihrer 
Gemeinde Benehmen zu höchstem Wohlgefallen 
gereiche. 
K. H. Kriegs Collegium, 2. Depart. 
von Starkloff.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.