Full text: Hessenland (7.1893)

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auswärtige Mächte zu führen und Verträge mit 
ihnen zu schließen, wie es ihm gutdünkte. Gerade 
die Kasseler Landgrafen haben bekanntlich von 
diesen Rechten einen ausgiebigen Gebrauch 
gemacht. 
Trotz der entschiedenen Warnungen des Wiener 
und Berliner Hofes, welche beide fürchteten, der 
Landgraf werde die Franzosen durch sein ver 
einzeltes Vorgehen nur zu leicht zu einem Ein 
falle in Deutschland reizen, ließ er sich nicht 
zurückschrecken. Er erreichte auch, daß die rhei 
nischen Kurfürsten vorläufig geschützt blieben und 
daß der Feind nur an der äußersten Spitze des 
Reiches, bei Basel, das deutsche Gebiet zu ver 
letzen wagte. 
Bei den sich dann rasch entwickelnden Kriegs 
begebenheiten nahm der Landgraf als Alliirter 
Preußens Theil an dem nichts weniger als er 
folgreichen Feldzug in die Champagne. Später 
erfolgte die ruhmvolle Eroberung von Frankfurt 
und Mainz, welche bekanntlich durch einen Hand 
streich in den Besitz der Franzosen gekommen 
waren, seitens der hessischen Truppen. Nach 
letzterer Waffenthat trennte sich der Landgraf 
von dem preußischen Heere mit welchem er bisher 
gemeinschaftlich gekämpft hatte und schloß mit 
England einen Subsidienvertrag. Man hat diese 
Verträge vielfach abfällig beurtheilt und nicht 
mit Unrecht, da sie sich nach unseren Begriffen 
vom Standpunkte der Moral nicht rechtfertigen 
lassen. Anders verhält es sich aber, wenn man 
sie vom Standpunkte der Politik aus betrachtet. 
Und von diesem aus werden wir den vom Land 
grafen mit Lord Darmouth abgeschlossenen Vertrag 
ausschließlich betrachten. Der Landgraf befand sich 
im erbitterten Kampfe mit Frankreich, er mußte 
bestrebt sein, dem Feinde soviel als möglich zu 
schaden. Operirte er in der bisherigen Weise 
weiter, so mußte er nach der Einnahme von 
Mainz westwärts, nach Frankreich hin, vorzu 
dringen versuchen. Das Terrain am linken 
Ufer des Mittelrheins ist aber für militärische 
Aktionen äußerst ungünstig, und die Verpflegung 
der Truppen, über welche schon bei der Be 
lagerung von Mainz viele Klagen laut wurden, 
hätte in dem unwegsamen Eebirgslande nur 
sehr schwierig bewerkstelligt werden können. Der 
Eintritt in die Allianz mit England bedingte 
nun die Aufstellung des hessischen Truppenkorps 
in Flandern, und hier in den großen Ebenen 
war das günstigste Terrain, um die taktische 
Ueberlegenheit des landgräflichen Heeres zur 
vollen Geltung zu bringen. Von hier aus ließ 
sich im Falle eines größeren Sieges ein rascher 
Vorstoß nach Paris ohne besondere Schwierig 
keiten bewerkstelligen, auch war in dem von 
Chausseen und Kanälen durchschnittenen Lande 
eine vorzügliche Verpflegung gesichert. 
Der Landgraf handelte sonach in diesem be 
stimmten Falle durchaus im Interesse seines 
Landes und des Reiches, indem er den Subsidien 
vertrag abschloß, den neunten und letzten, den 
ein hessischer Fürst mit der englischen Krone 
einging. 
Aber wenn auch anfänglich der Kampf einen 
günstigen Verlauf zu nehmen schien, so erwies 
sich allmählich doch die Ueberzahl der Franzosen 
zu stark, um weitere Erfolge erringen zu 
können, und schließlich wurden sogar die hessischen 
Truppen mit den verbündeten Korps aus den 
Niederlanden heraus auf das rechte Ufer der 
Ems gedrängt. 
Während sich diese Ereignisse auf dem Krieg 
schauplatze zutrugen, ging in der großen Politik 
eine Veränderung vor. Preußen war über die 
Theilung von Polen mit Rußland in Meinungs 
verschiedenheit gerathen und mußte von letzterem 
Staate Feindseligkeiten befürchten; um aber 
gleichzeitig an der Weichsel und am Rhein 
erfolgreich zu kämpfen, dazu war der preußische 
Staat damals zu schwach. In Folge dieser 
Umstände trat Preußen, welches überhaupt den 
Krieg gegen Frankreich mehr auf den persönlichen 
Wunsch des Königs hin, als aus Gründen der 
Staatsraison begonnen hatte, mit Frankreich in 
Unterhandlungen. Bei der guten diplomatischen 
Vertretung, welche Hessen damals in Berlin 
hatte, erfuhr man dies in Kassel natürlich bald. 
Der Landgraf setzte alle Hebel in Bewegung, in 
den Frieden mit Frankreich eingeschlossen zu 
werden. Anfänglich wurde sein Bestreben nicht 
gut aufgenommen; man warf ihm geradezu vor, 
daß er sich nach der Einnahme von Mainz von 
der engeren Verbindung mit dem preußischen 
Heere getrennt und mit England den Subsidien 
vertrag abgeschlossen habe. Allein die hessische 
Staatskunst wandte die Mittel an, mit deren 
Hülfe sie schon häufig gute Erfolge erzielt hatte. 
Der Landgraf betheiligte sich nämlich bei dem 
großen Kriegsanlehen, welches die preußische 
Regierung ausgeschrieben hatte, mit einer er 
heblichen Summe, auch erhielt der langjährige 
preußische Gesandte in Kassel, Graf Wittgenstein, 
ein bedeutendes Kapital zu einem mäßigen 
Zinsfüße, und Graf Lucchesini, zu jener Zeit 
der einflußreichste Minister in Preußen, wurde 
mit vier Paar auserlesen schönen Beberbecker 
Pferden von lichtbrauner Farbe bedacht. Unter 
diesen Umständen verschwand die etwas gereizte 
Stimmung gegen Hessen in Berlin bald voll 
ständig. 
Der Landgraf säumte nicht die ihm durch 
Preußen nunmehr gebotene Gelegenheit seinen
	        

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