Full text: Hessenland (7.1893)

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im Garten aufhielt und die Schönheiten der 
Sommernächte mit Vorliebe genoß. Sie sprach 
nicht geläufig Deutsch und es schien, als ob sie 
sich deshalb zuweilen von der Gesellschaft ab 
sondere, und da ich selbst keinen Grund fand, 
die ihre zu suchen, so sahen wir uns anfänglich 
nur wenig. 
Ich hatte indessen bei Tische, sie saß mir 
gegenüber, nach und nach die Überzeugung ge 
wonnen , daß sie eine gescheidte Frau sein müsse, 
eine Frau, die viel gedacht habe; ihre Augen 
leuchteten zuweilen seltsam auf und belebten 
dann anziehend das stille, ernste Gesicht. 
Eines Morgens — es hatte die ganze Nacht 
geregnet und erst in der Früh ein kühler Nord 
ost die Wolken verjagt — zog mein Professor, 
der etwas erkältet war, es vor, zu Hause zu 
bleiben. Ich ging indessen gleich nach dem Früh 
stück in die Berge. Die Luft war klar und die 
Sonne, welche jetzt ungehindert die Landschaft 
beherrschte, vergoldete den See zu meinen Füßen. 
Ich war durch verschlungene Pfade bis hinauf auf 
den höchsten Gipfel geklettert, wo ein paar 
alte Mauerreste sich stolz aus dem Gebüsche reckten, 
das sich in üppiger Wucherung um die Berge 
zieht. Der Volksmund hatte diese Ruine mit 
dem Zauber der Sage umsponnen und sie ans 
diese Weise zu einem Wallfahrtsorte für Unglück 
liche geweiht. Ein alter Schäfer, mit dem ich 
einmal des Weges gegangen war, hatte mir ver 
rathe», daß der Mensch, der von schwerem Ge 
schicke verfolgt sei, hier oben auf Erlösung hoffen 
dürfe, falls seine, in dieser Ruine gesprochenen Gebete 
aus gläubigem Herzen kämen. Ich hatte damals 
dem tieferen Sinne der Sage wenig nachgegrübelt, 
heute aber, als ich oben angekommen war, und 
das Landschaftsbild zu meinen Füßen schaute, 
das jetzt von der Morgensonne durchleuchtet, 
keusch den See begrenzte, heute begriff ich, daß 
dieser Anblick die Gedanken zum Höchsten lenken 
Im Hafen non Kan Jose. 
Die Wolke, die sich dort erhebt 
Und über'm Himmelsrand hinschwebt, 
So farbenmatt, 
So wandersatt! .... 
An welcher Firne wird sie hängen bleiben? 
In welchem Thal wird sie zu Boden treiben? 
Die Welle, die auf hohem Meer 
Der wilde Sturm treibt vor sich her, 
Die schaumgekrönt 
So tief aufstöhnt! .... 
Zu welchem Hafen wird sie sich wohl retten? 
An welchem Strande sich zur Ruhe betten? 
müsse, und daß die bedrückte Menschenseele in dieser 
todten Einsamkeit sich ungetheilt erheben könne. 
Ich stand da oben und sah hernieder auf den 
glitzernden See, dessen Wellen sich kosend an die 
grünen Ufer drängten und dachte ergebener, als 
sonst, an schweren Lebensschmerz, an manche ge 
scheiterte Hoffnung, an zerstörten Jugendtraum. 
Und dann wurde es stiller, immer stiller in mir 
und ich streckte mich, um die Luft, die duftig 
über der Erde lag, in vollen Zügen zu schlürfen, 
auf eine Bank zwischen Felsenriffen nieder 
und überließ mich jener reizvollen Gedan 
kenlosigkeit, die der Anblik des Wassers fördert. 
Das stille, gleichmäßige Treiben der Wellen schläfert 
die Sorgen ein und wiegt die Seele in gestalt 
loses Träumen. Unser Sein wird wesenlos und 
wir lösen uns in den Bildern auf, die uns um 
geben. Die Gedanken ziehen mit der Möve, die 
am Ufer kreist, sie einen sich halb wachend, halb 
träumend dem Wasserstaube, der von der Sonne 
durchgoldet zwischen Welle und Welle tanzt — 
sie spinnen mit den Herbstfäden, die über die 
Felder ziehen, und geben sich dem göttlichen 
Rausche hin, der sie weltvergessen in fremde Re 
gionen treibt. 
Welche tiefe und heilige Ruhe umgab mich! 
kein Geräusch der Welt — gar keines — nur hier 
und da hüpfte eine Meise von Ast zu Ast, oder 
ein verspäteter Falter säuselte farbenschillernd 
durch die Luft. 
Ich hatte wohl schon lange gelegen, als ein 
sanfter Schritt mich aus meinen Träumen 
weckte und wie aus der Erde gewachsen, Ma 
dame Dupret vor mir stand. Sie trug ein 
schlichtes graues Kleid und ein gleichfarbiger 
Schleier wehte von ihrem Hute herab. Sie kam 
mir größer und schlanker vor als sonst, und 
während sie neben mir stand, fiel es mir zum 
erstenmale auf, wie edel auch ihre Haltung und 
der Ausdruck ihrer Gestalt sei. (Schluß folgt.; 
Und Du, der wie die Welle geht, 
Den auch der Sturm des Schicksals weht 
Der Ferne zu! ... . 
Wo legst auch Du 
Die bange Sehnsucht zur Erinn'rung schlafen, — 
Wo ist, — o sag' — auch Deiner Seele Hasen ? 
Am Stillen Ocean, Sept. 1892. 
Iiicardo Jordan. 
Meng Krot es wnll krostig. l ) 
(Schwälmer Mundart.) 
Meng Brot es wüll krostig. 
Meng Ärwet 2 ) es schwer,
	        

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