Full text: Hessenland (7.1893)

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sagte, und machte uns mehr. als 10 oder 12 Ver 
beugungen, indem sie uns bis an die Thür hinaus 
begleitete, weil sie glaubte, daß wir nach Kassel zurück 
reisten und ich mit ihrem „schönen Großpapa- von 
ihr reden würde. Ich fand dort Fräulein R e nner, 
die Tochter des Bauschreibers, und sieben oder acht 
Damen der königlichen Hohheit*), auch die Französin 
der Durchlauchtigen Kinder; alle Augenblicke kam 
jemand, um mich zu sehen und Neuigkeiten zu erfahren. 
Man fragte mich viel nach der Schönheit der Frau 
Landgräfin,**) von der ich ihnen sagen konnte, daß 
ich gerade vor vierzehn Tagen die Ehre gehabt hätte, 
sie aus nächster Nähe zu sehen. Le Clerc seinerseits 
harte eine sehr gnädige Audienz beim Herrn Erb 
prinzen, der mit ihm viel über Landstraßen***) sprach 
und mir die Ehre erwies, sich nach mir zu erkundigen, 
indem er sich sehr wohl meines Familiennamens er 
innerte , bei dem er mich nannte. Wir kamen um 
sieben Uhr abends sehr zufrieden mit unserm Abstecher 
in Frankfurt an. Kesselstadt ist ein reizender Ort. 
Man arbeitet mit Eifer an den Landstraßen, zu 
denen Seine Durchlaucht die Steine weither zu Wasser 
hat kommen lassen. Du wirst Dich zweifellos wundern, 
daß wir am Hof erschienen, ohne entsprechende Kleidung 
zuj haben. Es fand sich aber, daß Herr B. 
einen ganz neuen Anzug besaß, der Le Clerc wie 
angegossen saß, diesen lieh er ihm, um unsere Abreise 
nicht zu verzögern. Da ich nur die Durchlauchtigen 
Kinder sehen sollte, so zog ich ein weißes Kleid an, 
das ich glücklicherweise bei mir hatte. Ich darf nicht 
vergessen, daß als Le Clerc von Seiner Durchlaucht 
dem Prinzen zu den Durchlauchtigen Kindern eintrat, 
ich auch die königliche Prinzessin auf der Thürschwelle 
gegenüber gesehen habe, und als wir uns wieder zu 
unserm Wagen begaben, stieg sie mit Fräulein von 
Gall und dem kleinen Prinzen zum Garten hinab, 
obgleich es stark genug regnete. Sie machte uns 
eine sehr gnädige Verbeugung. In diesem Lande 
genügtes, von Kassel zu sein, um wohl aufgenommen 
zu werden.- 
Hlto Hertand. 
Bestimmung des Landgrafen Ludwig I. 
von Hessen über die Eheschließung und den 
Gebrauch bei Hochzeiten. 1423. Im Jahre 
1423 erließ Landgraf Ludwig von Hessen ein Schreiben 
*) Die Erbprinzessin Karoline, geborene königliche 
Prinzessin von Dänemark. 
**) Philippine, geborene Prinzessin von Brandenburg- 
Schwedt. 
***) Um jene Zeiten wurden überall in Hessen vie Land 
straßen, die sehr vernachlässigt gewesen waren, verbessert 
oder neue gebaut. Da in Frankreich der Straßenbau sehr 
weit vorgeschritten war, so hatte Landgraf Friedrich II. 
Le Clerc als Sachverständigen kommen lassen. Der sich 
in Hessen allmählich aber kräftig entwickelnde Gegendruck 
gegen die Fremden trieb 1773 auch Le Clerc aus dem 
hessischen Staatsdienst. 
an seine »lieben getrewen- Bürger, Bürgerinnen und 
Einwohner der Stadt Kassel, in welchem er „der 
Ordnung willen- einige Bestimmungen über Ehe 
schließungen, Taufen, Hochzeiten erließ. Was nun 
die Bestimmungen über die Eheschließungen anlangt, 
so finden sich in dem Schreiben folgende. Niemand 
darf mit Kindern, die er unter seiner Gewalt hat, 
es mögen dieselben mündig oder unmündig sein, hinter 
dem Rücken und ohne Wissen der Eltern oder Vor 
münder eine Ehe eingehen. Wer gegen diese Be 
stimmung handelte, der sollte mit einer Strafe belegt 
werden, die in einer Geldstrafe bestand — Bezahlung von 
»dreyen Lottingen Marken Silbers- — und außerdem 
mußte gelobt und ein Eid geschworen werden, während 
drei Jahren nicht in die Stadt Kassel zu kommen. 
Hai sich ein mündiges Kind ohne Wissen und Willen 
seiner Eltern oder des Vormundes verehelicht, so hat 
es dieselbe Strafe zu gewärtigen und außerdem sind 
die Eltern eines solchen Kindes nicht schuldig ihm 
ein Erbtheil zukommen zu lassen, noch ihm etwas, 
solange sie leben, zu geben, freiwillig aber können sie 
ihm immerhin geben. Wollen sich zwei verehelichen, 
die unter elterlicher oder vormundschaftlicher Gewalt 
nicht stehen, die sollen die Ehe in Gegenwart ihrer 
nächsten Verwandten und ihrer Freunde schließen, 
damit die Ehe bewiesen werden kann. Diejenigen, 
welche gegen diese Bestimmung handeln, haben .die 
bereits genannte Geldstrafe und Ausweisung aus der 
Stadt zu gewärtigen. 
Bei einer Kindtaufe sollen nicht mehr als zwölf 
Frauen zur Kirche mitgehen und wieder zurück in's 
Haus. 
Wer mehr Frauen einladet, der soll für jede Frau 
die die bestimmte Zahl übersteigt, eine Buße von 
zehn Schilling Pfennige hessischer Währung bezahlen. 
Wer ein Kind aus der Taufe hebt, der soll dem 
Kind nicht mehr geben als „zehn Schillinge Pfenge," 
und der Hebamme achtzehn Pfennige und zu Trinkgelde 
zwei Schillinge, alles Geld in hessischer Währung. 
Der gegen diese Bestimmung handelnde soll eine 
Buße bezahlen in der Höhe eines Pfundes Pfennige 
in hessischer Währung. 
Wer eine Hochzeit in der Stadt Kassel halten will, 
für den gelten nachstehende Bestimmungen: Nicht 
mehr denn sechs Frauen mit einer Magd sollen 
Hochzeitsbitter sein; wenn der Priester oder 
Bräutigam danach umgehet und bittet, dann 
sollen es nicht mehr sein wie zwölfe. Geht die 
Braut zur Kirche, dann sollen nicht mehr als zwölf 
Jungfrauen und Mägde mitgehen. 
Bei dem Hochzeilsmahle selbst dürfen am ersten 
Abend fünfzehn Schüsseln, also wohl Gerichte, und am 
anderen Tage auch fünfzehn Schüsseln aufgetragen 
werden. Bei dem rechten Hochzeitsmahle dürfen es 
fünfzig Schüsseln sein und für die Diener zehn 
Schüsseln, am Hochzeilsabend dürfen es wiederum
	        

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