Full text: Hessenland (7.1893)

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Unglück hatte. mich zu verwunden, mich nach 
Vermögen unterstützte. Ich bin nicht einen 
Augenblick ungehalten auf ihn gewesen, aber ich 
habe ihn nie wieder gesehen; denn wir hatten 
beide Schuld, und wer weiß, wie es mit mir in 
der anderen Welt ausgesehen hätte, wenn ich 
gefallen wäre und so, durch mein eigenes Ver 
schulden, den mir von der Vorsehung an 
gewiesenen Posten verloren hätte. Im Anfang 
Juni 1771 war ich wiederhergestellt. Um mein 
zerfetztes Gesicht doch etwas auszuputzen, trug 
ich ein künstliches Auge, welches mich oft genug 
inkommodirte, aber beinahe nicht zu erkennen 
war. Es lag mir aber noch ein Stein auf dem 
Herzen. Der Herr Landgraf hatte, dem Ver 
lauten nach, beschlossen, mich zur Nachkur nach 
der Festung Spangenberg zu schicken. Mit 
diesem Gedanken beschäftigt, meldete ich mich auf 
der Parade bei Sr. Durchlaucht zum Dienste. 
„„Wenn das Pferd aus dem Stall gelaufen, 
macht man die Thüre zu"", waren des Land 
grafen Worte und alle Strafe, die ich erhielt. 
Wer war nun froher als ich; ich vergaß, daß 
ich ein Auge verloren hatte". 
Das lange Krankenlager brachte Ewald aber 
doch einen Gewinn von wesentlicher Bedeutung 
für seine Zukunft. Er beschäftigte sich in dieser 
Zeit auf das Eifrigste mit dem Studium der 
Militärwissenschaft und hatte dabei einen ebenso 
kenntnißreichen wie wohlwollenden Fachmann 
zum Führer, den Kapitän und Professor der 
militärischen Wissenschaften am Karolinum zu 
Kassel Jakob Mauvillon. Auf seinen Rath 
verfaßte Ewald seine erste militärische Schrift: 
Gedanken eines Hessischen Offiziers über das, 
was man bei Führung eines Detachements 
im Felde zu thun hat. Kassel 1774 8° 
(86 Seiten mit 3 Plänen). 
Diese Schrift widmete Ewald dem Landgrafen, 
der sie annahm und dem Verfasser seine Zu 
friedenheit mit derselben durch ein eigenhändiges 
huldvolles Schreiben zu erkennen gab. Und 
nicht lange sollte es währen, daß der Sekonde- 
lieutenant Ewald zum Kapitän der Leibjäger 
ernannt wurde. Diese außerordentliche Be 
förderung erfolgte schon im März 1774. Nun 
befand sich Ewald auf einem Posten, auf dem er 
mit der Zeit Vorzügliches leisten sollte. 
«Fortsetzunfl folgt.) 
Aus alter und neuer Zeit. 
Ein Besuch am landgräflich hessischen 
Hofe zu Philipps ruhe im Jahre 1 7 73. 
Bekanntlich wurde die Grafschaft Hanau seit ihrem 
Anfall an Hessen-Kassel selbstständig verwaltet und erst 
1785 mit dem Regierungsantritt des Landgrafen 
Wilhelm IX. vollständig mit Hessen vereinigt. Als der 
Erbprinz Friedrich (später Landgraf Friedrich II.) 
zum Katholizismus übertrat, trennte sich dessen Gemahlin 
Marie, geb. Prinzessin von Großbritannien, von 
ihm und zog nach Hanau, wo sie die Regierung 
übernahm, in welcher ihr später ihr genannter Sohn, 
der damalige Erbprinz Wilhelm, folgte. An dem 
Hofe Wilhelms zu Philippsruhe stattete im Jahre 
1773 Jeannette Philippine Le Clerc, 
Schwester Simon Louis Du Ry's mit ihrem 
Gatten einen Besuch ab, über den sie ihrem Bruder 
genauen Bericht erstattete, der wohl werth ist, hier 
mitgetheilt zu werden. 
,Gestern (am 7. Juli 1773) sind wir in Hanau 
und von da in Kesselstadt oder Philippsruhe gewesen. 
Wir reisten von hier (Frankfurt) um 9 Uhr 
morgens ab und kamen um 11 1 / 2 zu Hanau an, 
wo wir im Kaltenbad abstiegen. Le Clerc ließ sich 
durch einen Mann zum Herrn Geheimrath von 
Berlepsch führen, von da begab er sich zum Herrn 
Geheimrath von der Malsburg, den er im Bette 
traf, der aber, obgleich er sehr unwohl war, aufstand, 
um einen kleinen Brief an den . Herrn Marschall 
von Gall zu schreiben und diesen zu bitten, Le 
Clerc Seiner Durchlaucht, dem Herrn Erbprinzen 
vorzustellen. Der Brief wurde durch einen reitenden 
Boten abgeschickt, der nach 1*/, Stunden zurückkam, 
um uns die Antwort des Herrn von Gall ins 
Kaltenbad zu bringen. Er bemerkte, daß er Le Clerc 
mit größtem Vergnügen vorstellen würde, Seine 
Durchlaucht habe die Audienz auf 3 l / 2 Uhr befohlen. 
Auf die Minute waren wir in Kesselstadt, Le Clerc 
wurde Seiner Durchlaucht vorgestellt, ich war bei den 
Durchlauchtigen Kindern. Man kann nichts liebens 
würdigeres sehen, als die beiden Prinzessinnen und 
den kleinen Prinzen?) Sie haben Figuren, daß sie 
Malern als Modelle für einen Amor dienen könnten. 
Die älteste, noch nicht fünf Jahre alt,**) ist von 
einer Lebhaftigkeit und Leichtigkeit, daß es eine Freude 
ist, sie zu sehen. Sie vergnügten sich mit einer 
jungen Schwalbe, die durch den Rauchfang herunter 
gefallen und wie die jüngere Prinzessin***) mir ver 
sicherte, ganz allein gekommen war. Als man ihr 
sagte, ich käme von Kassel und hätte die Ehre, ihren 
»Schönen Großpapa", wie sie ihn nennen, zu kennen, 
hörte sie aufmerksam auf das, was ich ihr von ihm 
*) Den späteren Kurfürsten Wilhelm II. 
**) Die spätere Herzogin von Anhalt-Bernburg. 
***) Spätere Gemahlin des Herzogs Ernst von Sachsen- 
Gotha-Altenburg.
	        

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