Full text: Hessenland (7.1893)

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die politischen Verhältnisse Europas neu regulirt 
werden sollten, begab sich auch der Kurfürst 
Wilhelm im Oktober des genannten Jahres 
dorthin, verweilte aber nur kurze Zeit daselbst. 
Daß er dort gleich dem Kurfürsten von Hannover 
nach dem Königstitel und zwar als „König 
der Kalten" getrachtet, aber keine Will 
fährigkeit bei dem Kongresse gefunden habe, 
wurde zwar erzählt, fand aber von Kassel aus 
lebhaften Widerspruch in öffentlichen Blättern. 
Wippermann ist in seinem Werke „Kurhessen 
seit dem Freiheitskriege" der Ansicht, daß auf 
eine Hinneigung zur Erwerbung der Königs 
würde seitens des Kurfürsten Wilhelm vielleicht 
die Verhandlung mit Preußen im August 1806 
wegen Errichtung einer Konföderation des nörd 
lichen Deutschlands deuten könne, nach welcher 
die Annahme höherer Titel und Würden einer 
weiteren Berathung vorbehalten bleiben sollte. 
Ob nun das geringe Entgegenkommen der 
Kongreß-Mächte, ob ein anderes Vorkommniß, 
das was Friedrich Müller in seinem trefflichen 
Werke „Kassel seit siebzig Jahren" mittheilt, 
den Grund abgegeben hat, daß Kurfürst Wilhelm 
nur so kurze Zeit in Wien verweilte, wissen wir 
freilich nicht, jedenfalls ist aber, die Erzählung 
Friedrich Müller's interessant genug, um hier 
wiederholt zu werden. Müller schreibt: 
„Der Kurfürst hatte seinem Gesandten an 
empfohlen, bei der für ihn in Wien zu miethenden 
Wohnung auf einen bescheidenen Preis für 
dieselbe zu sehen. Für einen solchen war indessen 
eine dem Kurfürsten und dessen großem Gefolge 
angemessene nicht anders zu bekommen, als wenn 
sich mit der zweiten Etage in einem großen 
Hause begnügt wurde, und das war geschehen. 
Welchem besonderen Umstande aber noch die 
Wohlfeilheit zu verdanken war, das sollte der 
Kurfürst erst durch den König von Bayern, den 
jovialen König Max Joseph, erfahren. Als 
dieser ihm seinen Gegenbesuch machte, geschah es 
mit dem Ausrufe: „aber Herr Vetter Liebden, 
in welches Haus sind Sie denn gerathen?" und 
es stellte sich heraus, daß die erste Etage von 
mehreren der elegantesten, ein offenes Haus 
haltenden Damen occupirt war, von welcher 
Entdeckung der alte Herr nicht sehr erbaut 
gewesen sein soll". 
Am 28. April 1815 ließ der Kurfürst Wilhelm 
aus dem Wiener Kongresse erklären, daß er, 
jedes Andenken der alten Verfassung des großen 
deutschen Vaterlandes schätzend, entschlossen sei, 
den kurfürstlichen Titel beizubehalten, 
er wolle aber mit demselben das Prädikat 
„Königliche Hoheit" verbinden, um jeder 
Mißdeutung zuvorzukommen, welche den bis 
herigen königlichen Ehren des Kurhauses nach 
theilig sein könne und in der Kongreßakte 
(Art. 41) ward dieses von dem Kurfürsten 
angenommene Prädikat stillschweigend anerkannt. 
Als der Kurfürst dann den von ihm ein 
getauschten preußischen Antheil des ehemaligen 
Fürstenthums Fulda in Besitz nahm, erklärte 
er. durch das Patent vom 31. Januar 1816, 
daß er jenen Antheil unter dem Titel und 
Namen des Großherzogthums Fulda mit 
seinen Staaten vereinige. In seinem Staats 
titel nannte er sich von nun an: „Kurfürst 
und souveräner Landgraf von Hessen, 
Großherzog von Fulda". 
lohann Kwalö in hessischen Künsten. 
Von F. Iw eng er. 
cji m Tage nach dem Treffen von Sanders- 
J-k Hausen (23. Juli 1758), jenem für die Hessen 
Ovso ruhmreichen, wenn auch unglücklichen 
Kampfe mit den Franzosen, führte ein älterer Herr 
einen vierzehnjährigen Knaben zur Wahlstatt, 
um denselben durch persönliche Anschauung der 
Greuel des Krieges von seiner leidenschaft 
lichen Neigung für den Soldatenstand abzubringen. 
Vergebliche Mühe. Der Anblick der zahllosen 
Schlachtopfer, welche der blutige Kampf verlangt 
hatte, schreckte ihn nicht ab, er befestigte ihn nur 
noch mehr in seinem Vorhaben und begeistert 
rief er aus: „Wie beneidenswerth, wer so sür's 
Vaterland gefallen ist!" Da gab denn auch die 
Familie nach, und gestattete dem jugendlichen 
Enthusiasten, daß er sich dem Militärstande 
widmen durfte. Und er hatte das Richtige ge 
troffen. Aus ihm ist ein Krieger geworden, der 
zu den hervorragendsten unter den an vortreff 
lichen Offizieren so reichen hessischen Armee zu 
Ende des vorigen Jahrhunderts gehörte und der 
überall, wo er thätig gewesen, sich durch hohe 
Bravour, verbunden mit klarem Verstände und 
militärischer Einsicht, und durch seinen höchst 
ehrenwerthen soldatischen Charakter auf das 
Vortheilhafteste ausgezeichnet und seinem hessischen 
Vaterlande Ehre gemacht hat. Es ist Johann 
Ewald. Von 1760 an hat er als Kadet und
	        

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