Full text: Hessenland (7.1893)

141 
komponirt. Das Haus war in allen Logenreihen 
glänzend erleuchtet. 
Der Kurfürst wurde bei seinem Eintritte von 
dem gesummten Publikum mit einem dreinialigen 
Vivat empfangen. Der Inhalt des Stückes war 
angeblich der Geschichte der Katten entnommen 
und mit altdeutscher Mythologie verwebt. Am 
Schlüsse sah man in Walhalla die Bildsäulen 
sämmtlicher Ahnherren des fürstlich hessischen 
Hauses nebst der Chiffre des nunmehrigen 
Kurfürsten, welche Wodan dem Helden des Stückes 
auf prophetische Weise darstellte. Eine herbei 
sliegende Göttin des Ruhmes krönte den kurfürst 
lichen Namen mit einem Lorbeerkranz unter 
Pauken- und Trompetenscball, wobei das Publikum 
sein Vivat wiederholte. 
Am dritten Tage war wieder Cour und große 
Tafel. Abends 6 Uhr versammelte sich der Hof 
in der Orangerie zu einem bal pars sn masgns, 
zu welchem sich über 50 Damen und gegen 140 
Kavaliere einfanden. „Die Eleganz der Kostüme, 
die Grazie der Tänzerinnen und der allgemein 
herrschende Frohsinn zeichneten diesen Ball vor 
vielen anderen aus und machten ihn zu einem 
sehr unterhaltenden Schauspiel. Die Erfrischungen 
während des Tanzes wurden in Uebersluß und 
ausgesuchtester Delikatesse gereicht." Um 9 Uhr 
begab sich der Hof zum Souper. 
Für die bürgerliche Gesellschaft war das große 
Treibhaus der Orangerie zur Tanzbelustigung 
eingerichtet worden, welcher sich denn auch die 
zahlreich Erschienenen mit großem Vergnügen 
Hingaben. 
Das Orangeriebäude sowohl als der ganze Garten 
waren prachtvoll beleuchtet und aus dem großen 
Bowlinggreen wurde nach aufgehobener Tafel ein 
großartiges Feuerwerk abgebrannt, welches von 
dem in Kassel anwesenden königl. preußischen 
Kammerherrn von Hahn veranstaltet worden war. 
Besondere Bedeutung erhielt noch dieser Tag 
durch die Anwesenheit des Bruders des Kurfürsten, 
des Prinzen Karl von Hessen-Kassel, des königl. 
dänischen Statthalters von Schleswig und Hol 
stein. Schon während der Tafel befand sich der 
Prinz incognito unter den Zuschauern und gab 
sich nicht eher zu erkennen, bis sein Bruder der 
Kurfürst sich zu entfernen im Begriffe stand. 
Der unvermuthete Anblick dieses allgemein be 
liebten Fürsten, der seit vierzehn Jahren seine 
Vaterstadt nicht mit seinem Besuche beehrt hatte, 
erregte nicht nur bei dem kurfürstlichen Hofe, 
sondern auch bei allen Anwesenden die größte 
Freude und erhöhte das Interesse dieses frohen 
Tages, mit dem die Feierlichkeiten beschlossen 
wurden. — Der Verfasser der Schrift über die 
Feierlichkeiten bei der Erhebung Hessen-Kassels 
zum Kurfürstenthume schließt seinen Bericht mit 
den weniger poetischen als gut gemeinten über 
schwenglichen Versen: 
In des Ruhms Annalen schreibt, o Hessen! 
Klio selbst den Namen Wilhelm ein; 
Nie wird Er, und sie dies Fest vergessen, 
Ewig, wie des Phöbus gold'ner Schein, 
Wird der Glanz des Fürsten-Hauses sein. — 
Man ersieht aus der Großartigkeit dieser 
Festlichkeiten, welchen Werth der Fürst und das 
hessische Volk auf die Erhebung des Landes 
zum Kurfürstenthum legten. War doch die 
Erwerbung der Kurwürde für den Fürsten mit 
nicht geringen Unkosten verbunden und von 
Geldausgaben war bekanntlich der Kurfürst 
Wilhelm I. kein Freund. Nach altem Herkommen 
wurde, wie R. Waitz Freiherr von Eschen in 
seiner Schrift „die Verhandlungen, welche der 
Errichtung der hessischen Kurwürde voraus 
gingen" mittheilt, ein neuer Kurfürst in das 
Kurfürsten-Kolleg feierlich eingeführt, man wollte 
noch an diesem Brauche bei dem Landgrafen 
Wilhelm IX. festhalten und zwar mit gutem 
Grunde. Denn dem Gebrauche nach mußte der 
neueintretende Kurfürst jedem Reichstagsgesandten 
der anderen Kurhöfe ein Geschenk von 12000 Gulden 
machen. Auch der Wiener Hof machte in einem 
solchen Falle Ansprüche auf Sporteln, Taxen 
u. s. w. im Betrage von etwa 160000 Gulden. 
Nun war der Beschluß der Erhebung Hessen- 
Kassels zum Kurfürstenthum bereits in der 
Sitzung der Reichsdeputation vom 23. November 
1802 gefaßt worden, man zog aber selbst nach 
Erlaß des Reichsdeputationshauptschlusses vom 
25. Februar 1803 die Ratifikation des Friedens 
in die Länge, um die nach den neuen Titeln 
begierigen Fürsten mürbe zu machen und zur 
Zahlung der erheblichen Summen zu veranlassen. 
Doch dem Landgrafen dauerte die Sache zu 
lange und ohne die Beendigung der weitläufigen 
Formalitäten in Regensburg abzuwarten, nahm 
er am 15. Mai die Kurwürde an. Ob durch 
dieses rasche Vorgehen wohl auch die Zahlung 
jener Gratifikationen hinfällig geworden ist? 
Eine wirkliche Bedeutung hatte die Kurwürde, 
die freilich in der Proklamation als der könig 
lichen Würde am nächsten komniende bezeichnet 
wird, in jener Zeit nicht mehr, höchstens, daß 
sie Anlaß zu Raugstreitigkeiten gab, die denn 
auch nicht ausbleiben sollten. 
Nur wenige Jahre befand sich der Kurfürst 
im ungestörten Genusse seiner neuen Würde. 
Es folgte die französische Fremdherrschaft und 
erst nach sieben Jahren konnte Wilhelm I. in 
sein angestammtes Land zurückkehren. Als nach 
dem Sturze des Kaisers Napoleon vom 20. Sept. 
1814 ab der Wiener Kongreß folgte, auf welchem
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.