Full text: Hessenland (7.1893)

10 
verschleierte Lampe brennt auf dem Tische, und 
das Wasser in der Theemaschine summt seine 
Märchen in den stillen Raum hinein. 
Warzes nicht auch an einem Silvesterabende, 
als ich mit kummerschwerem Herzen hier an 
diesem Platze stand, in meinen zitternden Händen 
ihren letzten Brief? 
Ich hatte ihn schon beim Tagesgrauen empfangen, 
aber doch fand ich erst am Abend den Muth, 
ihn zu lesen. Ahnte ich, was er enthielt und 
was ich in den zwei Jahren, in welchen ihre 
Briefe meiner Seelen Nahrung geworden waren, 
immer gefürchtet hatte? Wie diese feinen Züge 
für mich Leben und Sprache trugen und sich 
meine Augen hinein versenkten! „Verehrter 
Doktor!" Wie kalt und fremd. Das war nicht 
die Anrede, die sie sonst zu brauchen pflegte. 
Oh, ich hatte nicht nöthig den Inhalt erst zu 
lesen, ich wußte alles. Meine Seele trauerte, 
und über die Schwelle des kommenden Jahres 
legten sich dunkle Schatten. 
Mußte ich hinüber, ohne ihre klugen Worte, 
ihr sanftes Plaudern, ihr warmes Empfinden? 
Auch bevor ich Zeile um Zeile ihres Briefes 
gelesen hatte, wußte ich, daß sie nun doch im 
Begriffe stehe, dem Manne ihre Hand zu reichen, 
den sie im Herzen trug, und von dem Charakter 
und Verhältnisse sie bisher geschieden hatten. 
Konnte ich etwas Anderes erwarten? Aus 
meiner verschütteten Jugendwelt waren einmal 
wieder ein paar sanfte, weiche Klänge zu mir 
heraufgestiegen, friedevolle Melodien, das war 
Alles! 
Leoni Dupret — ich durfte dennoch Deinem 
Wunsche, Dir weiter zu schreiben wie bisher, 
nicht willfahren — trotzdem ich die am Schlüsse 
des Briefes mit zitternder Hand gekritzelten 
Worte verstand. Du warst mir dennoch mehr 
geworden, als ich selbst gewußt und daß meine 
Freundschaft auch Dir, in darbender Zeit Glück 
gegeben hatte, das mußte der Trost meiner 
Zukunft bleiben. 
Es ist mir noch heute nach Jahren, als sähe 
ich ihre feine Gestalt in dunklem Gewände, im 
Garten auf dem niederen Stuhle kauern, zu 
dessen Füßen, sanft und geräuschlos, die Wellen 
des Bodensees trieben. 
Der Zufall hatte eine kleine Gesellschaft da 
zusammengewürfelt, aus Nord und Süd, Alle 
— vielleicht die junge Tochter der Baronin Hahne 
ausgenommen — etwas angekränkelt von dem 
Leben. Individualitäten, die dem Schicksale die 
Stirn boten, nicht sonderlich von ihm verhätschelt, 
aber stark genug, sich von ihrem Selbst nichts 
abzwingen zu lassen, 
Wir Alle aber, die wir hier in dem einsamen 
Dorfe zusammen trafen, wir hatten wenigstens 
den gleichen Zweck, wir suchten an den smarag 
denen Wellen des Bodensees Einsamkeit und 
Ruhe. Auch in der Lebensschule bedarf der 
Mensch seine Ferienzeit, um den Kopf zu er 
frischen und die Nerven zu stählen. Wir waren 
uns in der kleinen Gesellschaft dessen Alle bewußt. 
Der liebenswürdige Landgerichtsrath aus Schwa 
ben, der Nestor der Gesellschaft, sprach das 
auch, nachdem wir uns etwas näher getreten 
waren, wiederholt und unverhohlen aus. 
„Es geht im Leben wie in der Schule", sagte 
er gleich in den ersten Tagen einmal zu mir, 
als wir uns in die Weinlaube geflüchtet hatten, 
von wo aus sich der Garten in allen Richtungen 
überblicken ließ, „nian überbürdet uns und die 
Gesundheit leidet darunter; Danipf, Elektrizität, 
Ueberproduktion auf allen Gebieten, der Phono 
graph , der unsterblich macht und dazu die 
Statistik, die Alles in Zahlen peitscht! Da bleibe 
Einer vernünftig und ordne das schadlos in 
seinem armen, abgemüdeten Hirn. Ein wahrer 
Segen, daß unser vernünftiger Wirth dieses 
Familienheim hier eingerichtet hat. Ich glaube, 
mit der jungen Dame dort, die gestern ange 
kommen ist," setzte er hinzu, während er sein 
Glas auf die Nase rückte, „haben wir das letzte 
Zimmer besetzt." „Die Familie wäre demnach 
vollzählig," ergänzte der Professor aus Sachsen, 
der eben hinzutrat und dessen müdes, überarbeite 
tes Gesicht es auch ohne Worte verrieth, wie gut 
ihm Luft und Ruhe thun mußten. 
„Die Dame scheint leidend," sagte der Ge 
richtsrath, „wo kommt sie eigentlich her?" 
„Sie ist eine Belgierin, Madame Leoni Dupret, 
so sagt das Fremdenbuch," anwortete der Pro 
fessor. 
Ich sah nach der Richtung, wo Madame 
Dupret saß. Ich könnte nicht behaupten, daß 
ihr Anblick etwas besonders Fesselndes hatte. 
Sie schien mir eine Dame von etwa dreißig 
Jahren, weder schön noch häßlich, ein bleiches, 
stilles Gesicht, mit reichem gelockten, braunem 
Haar. Jedenfalls sah sie bescheiden aus neben 
der schönen, jungen Frau Besserer, der reichen 
Hamburgerin, die in Begleitung ihrer Mutter 
ihre angegriffene Gesundheit hier stärken wollte. 
In der ersten Zeit sah ich, außer Abends 
oder bei Tisch, die Damen selten. Ich machte 
Vormittags, mochte das Wetter sein wie es 
wollte, große Spaziergänge und kam dann ge 
wöhnlich so müde nach Hause, daß ich mich nach 
Tische in mein Zimmer zurückzog und oft über 
Gebühr lange schlief. Abends vertheilte sich die 
Gesellschaft, Frau Besserer uud die Baronin 
Hahne mit ihrer Tochter zogen es vor, im 
Zimmer zu bleiben, während sich Madame Du 
pret zu allen Zeiten, wenn es das Wetter erlaubte,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.