Full text: Hessenland (7.1893)

135 
reich verlieh ihm das Reiterregiment „Koyal- 
Allemand", das in Marseille seinen Standort hatte. 
Hier lebte er in vertrautem Umgänge mit dem Abbe 
Raynal, dem Verfasser der „Geschichte der europäischen 
Niederlassungen in beiden Indien", einem der Haupt 
vertreter der neueren philosophischen Richtung, der Auf 
klärungsphilosophie, wie sie auch genannt wurde. 
In Raynal's Umgebung wurde die sich vorbereitende 
staatliche Umwälzung besprochen und erörtert. Der 
Prinz Karl Konstantin nahm an diesen Besprechungen 
regen Antheil, er wurde ein eifriger, selbstbewußter 
und zuverlässiger Anhänger der neuen Weltanschauung, 
so daß der alte Philosoph über ihn das Urtheil fällte: 
„Er ist ein thatkräftiger Idealist, aber, was noch mehr 
sagen will, er ist kein Fürst, sondern ein fürstlicher 
Mensch.- Prinz Karl Konstantin war bei dem 
Ausbruche der Revolution im Jahre 1789 Marechal 
de Camp, 1792 wurde er Kommandant von Per- 
pignan, und noch in demselben Jahre wurde ihm die 
Stelle eines Divisionsgenerals mit dem Haupt 
quartier in Besan^on übertragen. Durch seine ehren 
hafte Gesinnung erwarb er sich das allgemeine Ver 
trauen, und dieses konnte auch nicht durch den Um 
stand erschüttert werden, daß einer der gegen Frank 
reich verbündeten „reis conjures“, der König Viktor 
Amadeus von Savoyen, sein Vetter und persönlicher 
Freund war. Die Bürger von Besan^on hingen an 
ihrem Kommandanten mit begeisterter Verehrung 
und nannten ihn den citoyen-general-philosophe. 
Immer mehr drängte es den fürstlichen Demokraten, 
seinem Stande zu entsagen und seine Gesinnung 
durch eine öffentliche Handlung auf das Klarste zu 
bethätigen. Am 30. September 1792, am neunten 
Tage der Republik, trat er in den Iakobiner klub 
zu Bcsanxon und nannte sich von da an Charles 
Hesse. 
Der neue Befehlshaber von Besannen hatte seinen 
Generalstab demokratisch eingerichtet, aber auch die 
Festung in den besten Stand gesetzt. Das veranlaßte 
den Gemeinderath der Stadt, dem Kommandanten 
den Dank durch ein Schreiben besonders auszudrücken. 
Die Antwort Charles Hessens lautete: „Verwalter der 
Stadt! Mit Thränen in den Augen lese ich das 
Zeugniß des Bürgersinns, das ihr mir ertheilt. 
Neben einer solchen Wohlthat haben alle Kronen des 
Weltalls für mich keinen Werth. In welchem Theile 
der Republik ich auch verweilen mag, nie werde ich 
die Beweise der Güte vergeffen, die ihr mir während 
meines Oberbefehls in Besan^on täglich gegeben 
habt.« 
Seine Thätigkeit in Besannen sollte jedoch nicht 
lange währen. Im Anfang des Jahres 1793 wurde 
durch ein Gesetz verfügt, daß alle adelig Geborenen 
aus den Heeren der Republik austreten müßten. 
Nun begab sich Charles Hesse nach Paris. Hier 
beginnt die traurigste Periode seines Lebens. 
Das Auftreten des Prinzen war auch in Deutsch 
land nicht unbemerkt und unbesprochen geblieben. 
Nicht nur entfremdete es ihn mit seinen Brüdern, 
in einem rheinischen Flugblatte von 1793 findet sich 
auch folgendes Epigramm: 
„An die Jakobiner Salm und Hesse. 
Die Ahnherrn knieten einst vor Ludwig dem Großen, 
Die Enkel knieen auch, doch vor den Ohnehosen! 
O, hätten jene einst vor Gott zu knie'n gelernt, 
Hätt' euer Knie sich nicht vom rechten Platz entfernt.« 
Der Jakobiner Hesse ist zweifellos unser Prinz 
Karl Konstantin von Hessen - Rotenburg - Rheinfels, 
der frühere Kommandant von Besancon, und unter 
dem Jakobiner Salm ist der Fürst von Salm-Kyr- 
burg zu verstehen, der 1792 sein kleines Ländchen 
freiwillig republikanisirt hatte und nach Paris ge 
gangen war. Er wurde später unter Robespierre's 
Herrschaft verdächtigt, gefangen genommen und einen 
Tag vor dem Sturze des fürchterlichen Schreckens 
mannes guillotinirt. 
An Charles Hesse traten nun Tage bitterer Noth 
heran. Seines Kommandos beraubt, halte er auch 
noch den Verlust seiner Apanage zu beklagen, die ihm 
sein ältester Bruder, der regierende Landgraf Karl 
Emanuel, entzog, um ihn von seinen Ansichten zurück 
zulenken. Charles Hesse blieb aber seinem Politischen 
Glaubensbekenntnisse treu, wenn er auch mit Schmerzen 
gewahr werden mußte, daß die Entwickelung der Re 
volution in den 90er Jahren nicht mehr den Freiheits 
ideen entsprach, die ihn einst begeistert hatten. 
Im Jahre 1795 kam Charles Hesse auf kurze 
Zeit nach Kassel, hier wurde ein Vertrag mit ihm 
abgeschlossen, nach welchem er auf die Regierungs 
nachfolge seines Hauses (Hessen-Rotenburg-Rheinfels) 
für immer Verzicht leistete. Der Landgraf von 
Hessen-Kassel, Wilhelm IX., ließ seinen Namen aus 
der Genealogie des Hauses Hessen einfach auslöschen. 
In Paris entwickelte Charles Hesse eine emsige 
journalistische Thätigkeit. Er war betheiligt an dem 
von Charles Duval herausgegebenen „Journal der 
freien Männer«, und als am 11. Juli 1799 der 
bekannte Postmeister Drouet von St. Menehould den 
Club der Manège gründete, trat er mit anderen 
Getreuen des Jahres 1793: dem Maler David, dem 
Korsen Arena, dem Negerbefreier Santhonax rc. rc. 
in denselben ein. Am 18. Brumaire des Jahres VIII 
der Republik (9. November 1799) stürzte Bonaparte 
die Verfassung vom Jahre III und begründete die 
Konsularregierung. Da wurde denn dem Jakobiner 
Charles Hesse und seinen Gesinnungsgenossen der 
Aufenthalt in Paris untersagt. Er lebte nun in 
St. Denis. 
Am 24. Dezember 1800 fand in der Rue 
St. Nicaise zu Paris jene Explosion der Höllen 
maschine statt, welche Bonaparte die Veranlassung 
geben sollte, gegen die Jakobiner, die er fälschlich als 
die Urheber bezeichnete, vorzugehen. Durch Urtheils
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.