Full text: Hessenland (7.1893)

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seine Blüthen. Wie wir in deni bereits von 
uns angezogenem Buche „Hessische Zeiten und 
Persönlichkeiten von 1751 bis 1831, heraus 
gegeben voll Karl Fulda und Jakob Hoffmeister" 
lesen, hatte ein reicher Metzger eine riesengroße 
Wurst malen lassen und darunter die Worte 
gesetzt: 
..Was diese Wurst ist unter den Würsten, 
Das ist unser Kurfürst unter den Fürsten!" 
Ein armer Schuhmacher dagegen hatte sein 
kleines Häuschen in der Fischgasse mit nur zwei 
Lampen erleuchtet, die eine oben im Bodenloch 
und die andere unten in der Kelleröffnung, 
während in dem mittleren Stocke ein kleines 
Transparent den Spruch zeigte: 
„Unser Kurfürst lebe hoch, 
Vom Keller bis zum Bodenloch!" 
(Schluß folgt.) 
Ci« Märchen. 
Im tiefen Wald verborgen, 
Auf hoher Felsenwand, 
Ein Blümchen hold und lieblich, 
Die Maienblüthe stand. 
Es war des Jägers Freude, 
Das holde Blumenkind. 
Er sah die Blüthen sprossen 
Im lauen Frühlingswind. 
Und wartet seiner treulich. 
Doch keine Blum' er bricht. 
Für ihn die zarte Pflanze, 
Das fühlt er, blühet nicht. 
Ein And'rer kommt gegangen, 
Und nimmt's mit kecker Hand. 
Der arme, arme Jäger 
Daneben traurig stand. 
Er sieht es nun von Weitem 
In voller Blüthenpracht. — 
O, Gott, das that die Liebe! — 
Hat er bei sich gedacht. 
D'rauf sieht er es verwelken, 
Das zarte Blümelein. 
Sein Herze schreit zum Himmel. 
O, Gott, .es kann nicht sein! 
Er sieht es dann verachtet, 
Verworfen gar zuletzt. 
Da hebt er's auf vom Wege, 
Hat's in den Wald versetzt. 
Und pflegte es, wie früher, 
Getreulich jeden Tag. 
Er will doch seh'n, was Liebe, 
Die echte, wohl vermag. 
Und eines schönen Morgens 
Das Wunder war gescheh'n. 
Er sieht in voller Blüthe 
Die Maienblume steh'n. 
Noch zögert er von ferne, 
Da spricht das Blümelein 
Verschämt: Du magst mich nehmen, 
Ich will Dein eigen sein. 
Kmikie Schees. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Die von dem bekannten Kunstkritiker Karl von 
Lützow in Wien herausgegebene Zeitschrift für 
bildende Kunst enthält in einer ihrer jüngsten 
Nummern unter dem Titel »Eine Napoleons 
statue von Ehaudet" einen uns Hessen ganz 
besonders interessirenden Artikel aus der Feder 
unseres hochgeschätzten Landsmanns Dr. Christian 
Scherer. Es handelt sich hier um das im 
Treppenhause des Museum Fridericianum staub 
bedeckt liegende Marmorbildwerk von geschichtlichem 
wie kunstgeschichtlicheln Werthe, der überlebensgroßen, 
aus karrarischem Marmor gefertigten Statue des 
Kaisers Napoleons I., die lange für eine Arbeit 
Antonio Canova's galt, bis sie schon vor Jahren 
als ein Werk von Antoine Denis Chaudet festgestellt 
! worden ist. Sie verdient wohl der Vergessenheit 
entrissen zu werden, der sie anheimzufallen droht, und 
dies zu verhindern, ist ein Hauptzweck des Verfassers. 
Die Erhaltung des Denkmals ist immer noch eine 
verhältnißmäßig gute, trotz der Beschädigungen, die 
es seiner Zeit zu erdulden hatte, die aber nicht 
derart sind, daß sie das Werk wesentlich entstellten 
oder seinen Gesammteindruck irgendwie schädigten. 
„Der Kaiser Napoleon ist als römischer Imperator 
dargestellt. Ein weiter, am Rande mit Blätter 
ornament besetzter Mantel, der auf der linken 
Schulter durch eine Spange zusammengehalten 
wird, umhüllt in schwerem, aber vornehm ge 
ordneten Faltenwurf die mächtige Gestalt, so- 
daß nur der linke Unterschenkel, der rechte 
Arm und ein Theil der Brust unbedeckt bleiben. 
Die in die Seite gesetzte Linke ist ganz im Gewände 
verborgen, die Rechte hält eine Pergamentrolle als 
Hinweis auf die von ihm verliehene Konstitution 
des Königreichs Westfalen. Im Haar trägt er
	        

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