Full text: Hessenland (7.1893)

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Sekretär Rath Rüppell, trug altdeutsches Kostüm, 
hellblau und roth mit Silber gestickt, Wappen 
rock und Barett, er war mit Stab und den 
Attributes! seines Amtes versehen, ritt auf einem 
eigens geschmückten und ritterlich aufgezäumten, 
schneeweißen großen Zelter und verkündigte an 
den öffentlichen Plätzen dem versammelten Volke 
die kaiserliche Proklamation der Erhebung zur 
Kurwürde. Dreimal erschallte jedesmal das Vivat 
Kurfürst Wilhelm I., der Herold und sein Gefolge 
entblößten ihr Haupt und das begleitende De 
tachement des Schützen-Bataillons präsentirte das 
Gewehr. Um neun Uhr kehrte der Herold in 
das Schloß zurück. 
Inzwischen hatte sich der kurfürstliche Hofstaat, 
das geheime Ministerium, die Ritterschaft, das 
Offizier-Korps, die Räthe aller Kasseler Kollegien, 
nebst den Deputaten von auswärts k. in den 
fürstlichen Vorgemüchern des Schlosses versammelt. 
Um neun Uhr öffneten sich die Flügelthüren des 
Audienzsaales und die genannten Korps wurden 
durch den Ceremonienmeister, Kammerherrn von 
Canstein der Reihe nach zur Huldigung in 
folgender Ordnung vorgestellt: das Offizierkorps; 
der Erbmarschall mit den Deputirten der Land 
stünde; die Inhaber der hessischen Erbämter, die 
Obervorsteher, die Obereinnehmer und die übrige 
Ritterschaft; die Deputirten der Grafschaft Schaum 
burg; das Ober-Appellations-Gericht; die Re 
gierung; das Kriegs-Kollegium; die Ober-Rent- 
kammer; das Steuer-Kollegium; die Deputirten 
der beiden Universitäten Marburg und Rinteln; 
das Collegium medicum; der Magistrat der 
Stadt Kassel nebst der französischen Kanzlei. 
Während dieser feierlichen Audienz saß der 
Kurfürst unter dem Thronhimmel und hatte den 
Kurhut neben sich auf einem karmoisinsammtnen 
mit Gold reich verbrämten Kiffen liegen. Zu 
feiner Rechten standen die geheimen Staatsminister 
und zu seiner Linken die Inhaber der Ober-Hof- 
ämter. Nachdem gegen 10 Uhr die Audienz be 
endet war, begann unter dem ständigen Läuten 
sännntlicher Glocken, der große feierliche Aufzug 
Sr. kurfürstl. Durchlaucht Wilhelms I. mit seinem 
Kur-Hause, dem Hofstaate, dem Ministerium 
und der ganzen Dienerschaft, aus dem Schlosse 
nach der Stifts-Kirche St. Martin. Es dürfte 
nicht so ganz uninteressant sein, noch hier die 
Reihenfolge der Theilnehmer an dem Zuge anzu 
führen, ersieht man doch daraus, wie umfangreich 
derselbe und wie groß die Zahl der Hof-, Staats 
und sonstigen Beamten in der damaligenZeit gewesen 
ist. Den Zug eröffnete ein Hof-Fourier, dann 
folgten sämmtliche Hof-Livree-Bediensteten; hier 
nach die Dienerschaft der beiden geheimen Kanz 
leien; sodann sämmtliche Livrse-Pagen mit ihren 
Hofmeistern; ihnen reihten sich an ein Theil des 
kurfürstlichen Jagd-Etats, bestehend aus 16 
Förstern, 8 Oberförstern, aus 6 Oberforstmeistern 
nebst dem Ober-Jägermeister von Witzleben; die 
Magistrate der Altstädte und der Ober-Neustadt; 
das Collegium rnedieurn; die Deputirten der 
beiden Universitäten; das kurfürstl. Steuer- 
Kollegium; die kurfürstl. Ober-Rentkammer; das 
Kriegs-Kollegium; das Ober-Appellationsgericht; 
der kurfürstl. Hofstaat, bestehend in sämmtlichen 
nicht anderwärts angestellten Hofjunkern, Kammer- 
junkern, Kammerherren, dem Hofmarschall Graf 
von Bohlen und dem Oberschenk von Stockhausen; 
alle Ritter des goldenen Löwen- Ordens, welche 
nicht anderwärts angestellt waren; die geheimen 
Staatsminister; die Deputirten der verschiedenen 
Provinzen; die Deputirten der hessischen Ritter 
schaft und der Landstände; der Herold; der Erb- 
Marschall von Riedesel, den Kurhut tragend, von 
den Inhabern der hessischen Erb-Aemter umgeben; 
ein Stallmeister zu Pferde; der kurfürstl. General- 
Adjutant, General von Motz, zu Pferde. Dann 
folgte der Durchlauchtigste Kurfürst 
Wilhelm I. in einer äußerst prächtigen mit 
acht reich geschmückten Schimmeln bespannten 
Staats-Karosse, mit dem Kronprinzen zur Seite. 
Im Wagentritte rechts und links standen zwei 
Leib-Pagen und neben dem Schlage auf der 
einen Seite ritt der Ober-Stallmeister von Gilsa, 
auf der anderen der Kammerherr von Lepel. Vier 
Läufer begleiteten den Wagen und die Schweizer- 
Garde umgab denselben unter Anführung ihrer 
Offiziere. In dem folgenden, mit acht hellbraunen 
Pferden bespannten Staatswagen, befand sich die 
Kurfürstin mit der Kurprinzessin. Dann kamen 
in je sechsspännigen Staatskutschen der Fürst und 
die Fürstin von Anhalt-Bernburg nebst der Land 
gräfin von Barchfeld und dem Prinzen Friedrich 
von Heffen-Kafsel; Prinz Wilhelm von Hessen- 
Kassel, Prinz Adolf von Barchfeld und Prinz 
Ernst von Hessen-Philippsthal; die Prinzen 
Friedrich und Ernst von Barchfeld; die Hofdamen 
der königl. Hohheiten der Kurfürstin und der 
Kurprinzessin und schließlich die Suite der 
fremden Herrschaften. 
Der feierliche Zug bewegte sich aus dem Schlosse 
durch die Elisabethstraße (Steinweg), bei dem 
Museum vorbei, über den Königsplatz und den 
Gouvernementsplatz. Diese Straßen und Plätze 
waren in doppelter Reihe von der Leibgarde zu 
Fuß und dem Garde-Grenadier-Regiment besetzt. 
An dem Hauptportale der Stifts-Kirche wurde 
der Kurfürst von der gesammten Geistlichkeit der 
Residenz, einschließlich der lutherischen und 
katholischen Geistlichen und einiger Deputirten 
der Stifte Fritzlar und Amoeneburg,*) empfangen. 
*) Durch den Reichsdeputationshauptschluß waren diese 
früher kurmainzischen Aemter an Hessen-Kassel gefallen.
	        

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