Full text: Hessenland (7.1893)

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berg, des Markgrafen von Baden, des Land 
grafen von Hessen-Kassel und des Großherzogs 
von Toscana (für das Erzstift Salzburg) auf 
zehn erhöht. Nur noch kurze Zeit bestanden 
diese zehn Kurfürstenthümer, löste sich doch am 
6. August 1806 nach der am 12. Juli desselben 
Jahres erfolgten Gründung des Rheinbundes 
von Napoleons Gnaden, dem die Mehrzahl der 
seitherigen Kurfürsten beitrat, auf, und hatte 
sonach die Kurfürstenwürde keinen Sinn mehr. 
Wenn trotzdem Hessen-Kassel auch nach dem 
Sturze Napoleons als Kurfürstenthum fort 
bestand, so hatte dies in Verhältnissen seinen 
Grund, deren Schilderung wir uns für später 
vorbehalten. Erwähnen wollen wir hier nur 
noch, daß die Tracht der Kurfürsten aus einem 
bis auf den Boden herabreichenden Kurmantel 
und aus dem Kurhut bestand. Der Mantel 
war bei den geistlichen Kurfürsten aus scharlach- 
rothem Tuche, bei den weltlichen aus rothem 
Sammet verfertigt und mit einem Hermelin 
kragen und Hermelinbesätzen versehen. — 
Der Plan, für die Landgrafschaft Hessen-Kassel 
die Kurwürde zu erwerben, tauchte zuerst unter 
dem Landgrafen Friedrich II. um das Jahr 1770 
auf. Zu dieser Zeit wurde dem hessen-kasselschen 
Geschäftsträger bei dem Kurfürsten von Mainz, 
Herrn von Hagen, im Vertrauen eröffnet, daß 
das Haus Hesien-Darmstadt im Geheimen die 
Kurwürde erstrebe und durch den preußischen 
und Wiener Hof unterstützt werde. Herrn von 
Hagen war nahe gelegt worden, den Landgrafen 
Friedrich zu veranlassen, doch selbst die Er 
werbung dieser Würde für sein Haus nachzu 
suchen. Näher eingezogene Erkundigungen er 
gaben jedoch, daß die Nachricht nicht zutreffend 
sei, da an eine Vermehrung der Mitgliederzahl 
des Kurfürstenkollegiums zur Zeit nicht gedacht 
werde und der mögliche Fall der Errichtung 
eines neuen Kurfürstenthums erst bei Erlöschung 
des kurbayerischen Mannesstammes in Betracht 
kommen könne. Der Gedanke hatte nun einmal 
Wurzel geschlagen und wurde vom Landgrafen 
Friedrich II. weiter verfolgt. Alle seine Be 
mühungen waren aber vergeblich. Leere Zusagen 
von maßgebenden Fürsten und Staatsmännern 
waren ihm allerdings gegeben worden, die Unter 
handlungen kamen aber immer wieder ins 
Stocken, und als der Landgraf am 31. Oktober 
1785 starb. war in dieser Angelegenheit noch 
nicht das Mindeste erreicht worden. Sein Nach 
folger, Landgraf Wilhelm IX. richtete vom 
Frühjahre 1789 an, bis zu welcher Zeit die 
Unterhandlungen geruht hatten, seine Thätigkeit 
ganz vorherrschend wieder auf die Erwerbung 
der Kurwürde; er glaubte, durch die Erlangung 
derselben seinem Hause den größten Dienst zu 
erweisen. Kein Mittel ließ er unversucht, um 
zu seinem Ziele zu gelangen. Er trat zu diesem 
Zwecke in Unterhandlungen mit Oesterreich, 
Preußen, den geistlichen und den weltlichen 
Kurfürsten, ja selbst mit Rußland, und schließ 
lich ließ er sogar über diese Angelegenheit mit 
dem französischen Minister des Auswärtigen, 
dem Grafen TalleyLand, im Jahre 1797 ver 
handeln. Man kann wohl sagen, daß der Land 
graf seine Politik nur zu häufig abhängig 
machte von den Aussichten, die sich ihm zur Er 
werbung der Kurwürde darboten. 
Im Einzelnen auf diese Verhandlungen hier 
einzugehen, 'würde zu weit führen, doch wollen 
wir nicht verfehlen, alle diejenigen, welche sich 
dafür interessiren und die sich darüber näher 
unterrichten wollen, auf die vortreffliche Schrift 
„Die Verhandlungen, welche der Er 
richtung der hessischen Kurwürde vor 
ausgingen, ein Vortrag, gehalten am 26. 
Januar 1880 im Verein für hessische Geschichte 
und Landeskunde zu Kassel, von R. Waitz 
von Eschen", Kassel 1880, Verlag von Th. Kay, 
hinzuweisen. 
Seltsam, was der Landgraf Wilhelm IX., der, 
wie kein anderer Fürst eines deutschen Mittel 
staates, die größten Opfer im Kampfe gegen 
Frankreich gebracht hatte, mühsam doch vergeblich 
erstrebt hatte, das fiel ihm in Folge der allgemeinen 
Weltereignisse von selbst in den Schooß. Und 
wie eine Ironie des Schicksals ist es anzusehen, 
daß gerade zur Zeit, als des Landgrafen leb 
haftester Wunsch in Erfüllung ging, die Kur 
würde fast jede Bedeutung verloren hatte. 
Wenden wir uns nun zu der Schilderung der 
dreitägigen Feier der Annahme der Kurwürde 
durch den Landgrafen Wilhelm IX.. 'der von da 
an den Namen Kurfürst Wilhelm I. führte. 
Am Haupttage, Sonntag den 15. Mai 1803, 
wurde das Fest früh sieben Uhr durch das 
Geläute aller Glocken der Residenz, sowie 
durch den Donner einer Batterie von zwölf 
Kanonen, welche auf dem sogenannten Zeug 
mantel bei dem Friedrichsthore (Auethore) 
aufgestellt war, eine Stunde lang eingeleitet. 
In der ersten und dritten Viertelstunde ertönte 
das Geläute, in der zweiten und vierten Viertel 
stunde wurden jedesmal fünfzig Kanonenschüsse 
gelöst. Um 8 Uhr verließ ein Herold zu Pferde 
das Schloß. Ein Detachement des Gens d'Armes- 
Regiments*) umgab ihn, die Pauken und Trompeten 
des Hofstaates tönten vor ihnen her und mehrere 
Mitglieder der hessischen Ritterschaft begleiteten 
ihn. Der kurfürstliche Landes-Herold, Regierungs- 
*) Damals nächst der Garde du Corps die angesehenste 
und vornehmste Waffengattung zu Pferd.
	        

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