Full text: Hessenland (7.1893)

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ganzen Lande, so namentlich auch in der Haupt 
stadt Kassel, aus das Glänzendste gefeiert werden. 
Auf Sonntag den 15. Mai 1803 war die 
Hauptfeier anberaumt. Zur Entwerfung der Pro 
gramme für die dreitägigen Festlichkeiten war eine 
besondere Hofkommission niedergesetzt worden, 
und die gcsammte Bürgerschaft Kassels war auf 
das Eifrigste bestrebt und geradezu erfinderisch 
in der Auffindung von Mitteln, um die Feier 
zu einer wahrhaft großartigen zu gestalten. 
Es sind jetzt neunzig Jahre verflossen, seit diese 
Festlichkeiten stattgefunden haben, es dürfte wohl 
schwerlich noch ein Theilnehmer an denselben 
vorhanden sein, das Kurfürstenthum Hessen 
existirt als solches nicht mehr, aber die alten 
Erinnerungen an jene Zeit sind in unserem 
engeren Vaterlande noch lange nicht ausgestvrben 
und wohl dürfte es am Platze sein, sie hier 
wieder aufzufrischen. 
Es ist uns hauptsächlich darum zu thun, eine 
Schilderung der Feier selbst zu entwerfen, der 
wir die Schrift „Beschreibung der Feyerlichkeiten, 
welche auf Befehl Sr. Kurfürstlichen Durchlaucht 
Wilhelm I. Kurfürsten zu Hessen bey Antritt 
Höchst Dero Kurwürde begangen worden sind, 
Kassel 1803" zu Grunde legen, doch möge es 
uns gestattet sein, einige kurze geschichtliche 
Bemerkungen über die Kurfürstenwürde selbst, 
sowie über die Verhandlungen, die über die Er 
werbung derselben durch dieLandgrafen Friedrich II. 
und Wilhelm IX. gepflogen worden sind, voraus 
zuschicken. 
Die Zahl der Kurfürsten betrug nach der 
„goldenen Bulle", dem vom Kaiser Karl IV. 
im Jahre 1356 erlassenen Reichsgrundgesetze, 
sieben. Es waren die drei geistlichen Kurfürsten 
von Mainz, Trier und Köln, und die vier weltlichen 
von Böhmen, Brandenburg, Sachsen-Wittenberg 
und Rheinpfalz. Die goldene Bulle begründete 
feste Regeln über die Wahl und Krönung des 
deutschen Königs, über das Wahlrecht und den 
Rang der Kurfürsten, sowie über deren Be 
theiligung an der Reichsregierung. Diesem 
Reichsgesetze zufolge sollte innerhalb eines 
Monats nach Erledigung des deutschen Thrones 
der Kurfürst von Mainz die anderen Kurfürsten 
nach Frankfurt zur Königswahl einladen; die 
Kurfürsten, welche sich binnen drei Monaten zu 
versammeln hatten, durften Frankfurt nicht eher 
verlassen, bis sich für die Wahl eines Königs 
eine Mehrheit gebildet hatte; die Reihenfolge 
der Wahlstimmen war folgende: Mainz, Trier, 
Köln, Böhmen, Pfalzgrafschaft zu Rhein, Sachsen- 
Wittenberg, Brandenburg. Die Kurländer sollten 
untheilbar, unveräußerlich und für die weltlichen 
Fürsten erblich sein, die Kurfürsten die höchste 
Gerichtsbarkeit im eigenen Lande, ohne Berufung 
an die kaiserlichen Gerichte, sowie die sog. 
Regalien ausüben und jährlich nach Ostern in 
einer Reichsstadt zur Berathung über Reichs 
angelegenheiten zusammen kommen. Während 
einer Thronerledigung sollte das Reichsvikariat 
zwischen Kurpfalz und Kursachsen getheilt sein. 
Der Kurfürst von Mainz hatte als Erzkanzler 
die Leitung der Geschäfte, das Direktorium des 
Reichstags und des Kurfürstenrathes, die Leitung 
der Königswahl, die Aufsicht über alle Reichs 
kanzleien und Archive, später (seit 1656) auch 
das Recht der Kaiserkrönung, falls diese in 
seinem Sprengel stattfand, u. s. w. Man sieht, 
die Macht der Kurfürsten war eine große, sie 
wurde aber noch mehr verstärkt durch die seit 
der Wahl von 1519 üblichen Wahlkapitulationen, 
welche mit den Bevollmächtigten des künftigen 
Kaisers vor der Wahl abgeschlossen wurden und 
einer Willkürherrschaft und Verletzung der Reichs 
verfassung seitens des Kaisers vorbeugen sollten. 
Auf dem Regensburger Reichstage, wo seit 
1663 nicht mehr die Fürsten persönlich, sondern 
ihre Gesandten erschienen, stand den Kollegien 
der Reichssürsten und Reichsstädte das kurfürstliche 
Kollegium gegenüber, welches das Vorrecht hatte, 
jeden kaiserlichen Vorschlag zuerst prüfen zu 
dürfen und seinem höheren Rang nach durch 
Aeußerlichkeiten, die zum Theil bis ins Lächerliche 
gingen, geltend zu machen suchte. 
Die Zahl der Kurfürsten blieb bis zum 
Westfälischen Frieden die gleiche, doch übte 
Böhmen von 1400—1648 seine kurfürstlichen 
Rechte nicht mehr aus. Während des dreißig 
jährigen Krieges wurde 1623 die pfälzische 
Kurwürde an Bayern übertragen, aber im 
Westfälischen Frieden erhielt die Pfalz die ihr 
entzogene Kur wieder zurück und für Bayern 
wurde eine achte Kur geschaffen. Im Jahre 
16^2 kam die neunte hinzu, da Kaiser Leopold I. 
Braunschweig - Lüneburg zum Kurfürstenthum 
erhob. Als 1777 das bayerische Fürstenhaus 
ausstarb und das bayerische Gebiet an die in 
der Kurpfalz regierende Wittelsbacher Linie 
fiel, erlosch die bayerische Kur und es gab jetzt 
nur wieder acht Kurfürsten. Durch den Frieden 
von Luneville von 1801, wodurch das linke 
Rheinufer an Frankreich überlassen wurde, und 
durch den Reichsdeputationshauptschluß von 1803, 
durch den fast sämmtliche geistlichen Reichsstände 
ihre Selbstständigkeit und ihre weltlichen Be 
sitzungen verloren, wurden Köln und Trier 
ihrer Kurwürde beraubt und nur das geistliche 
Kurfürstenthum Mainz blieb übrig, dessen Inhaber 
den Titel Reichserzkanzler und Fürst-Primas 
führte. Somit hatte das Deutsche Reich nur 
noch sechs Kurfürsten. Diese Zahl wurde aber 
durch die Ernennung des Herzogs von Württem-
	        

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