Full text: Hessenland (7.1893)

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worden war, und daß man das Verhalten des Land 
grafen bei der Hinrichtung allgemein sehr übel 
deutete, daß man ihn hartherzig und rachsüchtig, 
jeder Regung menschlichen Mitgefühls fremd nannte 
und ihn als einen grausamen Tyrannen bezeichnete, 
wen kann das Wunder nehmen? 
Wie wenig aber die damalige Verschärfung der 
Strafen zur Verminderung der Vergehen und Ver 
brechen beitrug, geht aus einem skandalösen Vorfalle 
hervor, der drei Jahre später sich gleichfalls in der 
Familie des ermordeten Hofmarschalls von Hertings 
hausen zutrug. Die Wittwe desselben hatte sich in 
einen sträflichen Umgang mit einen Hofjunker 
von Lindenau eingelassen. Um die Folgen zu ver 
bergen, reiste sie mit der kurz vorher vermählten 
Tochter des Landgrafen, Elisabeth, Herzogin von 
Mecklenburg, als deren Hofmeisterin nach Güstrow. 
Als sie ihrer Niederkunft nahe war, mußte sie 
wieder nach Kassel zurückkehren, wo sie, verstoßen 
von ihrer Mutter, heimlich einen Knaben gebar. 
Auch über sie brach die Strafe des Landgrafen, der 
schon einen Bruder derselben sammt einer Hof- 
jungser wegen eines ähnlichen Vergehens verjagt 
hatte, herein. Er stellte ihr die Wahl, ob sie sich 
mit dem noch ungetauften Kinde lebendig einmauern 
lassen, oder den Adel abschwören, oder auf ewig das 
Hessenland meiden wollte. Sie wählte das letztere 
und heirathete in Herborn einen Lieutenant. Ihr 
Buhle entging der vom Landgrafen über ihn ver 
hängten harten Strafe durch Selbstmord. Er hatte 
Gift genommen. 
Und solches geschah in der sogenannten guten alten 
Zeit, von der man heute noch zu fabeln pflegt. 
Ein Beitrag zur fuldischen Rechts 
geschichte. Es liegt uns eine sehr seltene Druck 
schrift aus dem Jahre 1683 vor, die den Titel führt: 
Bericht vnd Anweisung deß Fürstlichen 
Gerichts int Altenhoffe zu Fulda, durch 
Frag und Antwort zur Nachrichtung ver 
fertigt. 
Psalm 57. 
Ihr Menschen Kinder solt auch warlich reden das 
recht ist, Vrtheilets recht. 
MDCLXXXIII. 
Durch Veröffentlichung des Inhalts dieser Schrift 
im „Hessenlande- glauben wir einen nicht un 
interessanten Beitrag zu der verhältnißmäßig sehr 
wenig bekannten fuldischen Rechtsgeschichte zu liefern. 
Wir schicken voraus, daß nach der, wenn wir nicht 
irren, vom Fürstabte von Fulda, Kardinal Bernhard 
Gustav, Markgraf von Baden-Durlach verliehenen 
Justizordnung vom 10. November 1674 für das 
Hochstift Fulda, in der Stadt Fulda selbst das Ober- 
amt Centfuld und das Amt Altenhof bestanden. 
Beide Aemter hatten gleiche Gerichtsbarkeit auszu 
üben, die sich ebenso auf bürgerliche wie auf pein 
liche, auf Polizei- wie auf Privatsachen rc. erstreckte. 
Mit diesen Aemtern sind die uralten Rügegerichte*) 
verbunden, die auch als „Centhegungsgerichte“ be 
zeichnet werden, in welchen nicht nur peinliche Sachen 
verhandelt wurden, sondern die auch zu der summa 
rischen Verkündigung der Landesordnung und zur 
Leistung des Huldigungseides neuer Unterthanen 
dienten. Eugen Thomas in seinem „Entwurf der 
fuldischen Gerichtsverfassung, Frankfurt a. M 1784“, 
schildert uns die Formalitäten, wie solche bei dem 
fuldischen Rügegericht der Cent Fuld herrschten, und 
ganz ähnlich verhielt es sich auch bei dem Rügegericht 
des fuldischen Amtes Altenhof, dessen Sprengel sich 
nur auf einen Theil der Stadt, auf die für sich be 
stehende Altenhöfer Gemeinde erstreckte, welche in die 
Altenhöfer Ober-, Mittel- und Unter- oder Tränker- 
gemeinde zerfiel, und den äußeren oder langen Graben 
(die jetzige Köuigsstraße), die Lengsfelder Gasse, die 
Tränke rc. umfaßte. Nach der Mittheilung von 
Eugen Thomas wurden „alle Centunterthanen jähr 
lich um die Walpurgis- oder Micheltagszeit von dem 
Centamt zusammenberufen. Diese, welche in ihre 
Kompagnien eingetheilet, erscheinen von Offizieren 
geführt, bewaffnet und mit Fahnen an dem be 
stimmten Tage in der Residenzstadt Fuld in mili 
tärischer Ordnung. Sie ziehen zum offenen Markte, 
und nun nimmt das Gericht seinen Anfang. Der 
älteste Centschultheis stehet erhoben auf einem Stuhle 
und ruft die zwölf Centschöpfen zum Gerichte. Sie 
treten vor und setzen sich ringsum an einem Tische 
nieder, an dessen Ober heile der Oberamtmann und 
Amtmann als Centrichter mit dem Gerichtsschreiber 
schon zu Gerichte sitzen. Der erste Centrichter er 
öffnet das Gericht im Namen des höchsten Regenten, 
fragt: ob es an der rechten Tageszeit sei, dies Ge 
richt zu hegen? u. s. f. Die Schöpfen antworten 
auf verschiedene Fragen. Nach dieser Feierlichkeit 
wird ein Auszug der Landesordnungen zur Erinnerung 
für alle gegenwärtigen Unterthanen durch den Ge 
richtschreiber öffentlich vorgelesen, worauf die im 
Jahre neu hinzugekommenen Unterthanen vortreten 
müssen, der Unterthanenpflichten summarisch belehret 
und mit dem Huldigungseide beleget werden. Das 
Gericht wird endlich mit einer kurzen Schlußrede des 
Centrichters geendigt, worauf sämmtliche Unterthanen 
in mililärischer Ordnung abziehen.“ Analog wie bei 
dem Centgerichte vollzogen sich auch die Verhand 
lungen vor dem Altenhöfer Gerichte, nur daß hier 
nicht der Oberamtmann u. s. w, sondern der Ver 
walter der Altenhöfer Gemeinde, der Hofmeister, wie 
*) Ueber die „Centgerichte" und „Rügegerichte" ver 
breitet sich ausführlicher Adolf Stölzel in seinem vor 
trefflichen Werke „Die Entwickelung des gelehrten Richter- 
thum in deutschen Territorien", Stuttgart 1872, worauf 
wir hier verweisen wollen.
	        

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