Full text: Hessenland (7.1893)

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ihres Gatten, unternahm. Sie mögen im Stil 
der alten Chroniken aneinander gereiht werden. 
Im Herbst 1748 hatte der Fabrikant Theodor 
L a n d r e zu Kassel einen Schneider Namens 
Neitz, der wegen seines großspurigen Wesens 
den Beinamen „der Baron" führte, eine Arbeit 
übertragen und ihn, da die Arbeit nicht so schnell 
vorrückte, als er wünschte, gemahnt. Neitz 
entschuldigte sich wegen der langsamen Arbeit 
damit, daß er keinen Gesellen habe; er wolle 
ihm einen schicken, erwiderte ihm Landro. Da 
Neitz dies annahm, sandte ihm Landrs am 
andern Morgen einen schwarzen Ziegenbock und 
ließ ihm dabei sagen, das wäre der Geselle, von 
dem er gesprochen habe. Neitz blieb ganz 
ruhig, bedankte sich für den Bock und sagte, er 
wolle ihn gleich an die Arbeit setzen. Ohne Zeit 
verlust schickte er zu einem Metzger, der dem 
Thier den Hals abschnitt und es vollständig zer 
stückelte. Gegen Abend ließ L a n d r e den Bock 
zurückverlangen, der Schneider erwiderte, der 
Gesell säße an der Arbeit und er könne ihn jetzt 
nicht zurückschicken. L a n d r e drohte und wüthete 
und ließ sagen, der Bock gehöre rhm nicht, er 
habe ihn nur geborgt, um Neitz einen Streich 
zu spielen. Doch alles half nichts, der Bock war 
todt und verscharrt. Land re klagte beider 
Polizei, der Schneider that dasselbe und endlich 
fingen sie einen Prozeß an, wobei L andre alle 
Schneider in Kassel als seine Gegner hatte, die 
sich durch den ihrer ehrsamen Zunft in der Person 
des Reih angethanen Schimpf gekränkt fühlten. 
Um diese Zeit kamen die Sonnenschirme als 
etwas neues von Paris nach Kassel. 
Im Frühjahr 1749 wurde im Kunsthaus ein 
Modell der in der Wüste aufgerichteten Stifts 
hütte gezeigt, ganz genau nach der von Moses 
gegebenen Beschreibung, aber in 17facher Ver 
kleinerung. Die Bundeslade, der Tisch für die 
Opferbrote, der Leuchter und der Rauchopferaltar 
waren ans feinem Gold und sehr zierlich gear 
beitet, die Stiftshütte war mit kleinen Plättchen 
von demselben Metall gedeckt, die so gut ver 
bunden waren, daß man hätte annehmen sollen, 
das Dach bestehe aus einem Stück. Die übrigen 
Gegenstände waren aus denselben Stoffen herge 
stellt, aus denen sie in der Wüste bestanden. 
Eine Anzahl kleiner Figuren von Priestern, 
Opferpriestern und Leviten, war innerhalb und 
außerhalb des Zaunes vertheilt, aber nur, um 
ihre Kleidung zu zeigen; diese Figuren waren 
fingerlang, aber die des Hohenpriesters, die man 
für sich sah, war einen Fuß hoch. Alles war 
auf einer Art Tisch von 14 Fuß Länge und 7 
Fuß Breite aufgestellt. Die Ruthe Aarons, die 
Gesetzestafeln, die 5 Bücher Mosis, die Manna 
krüge, das Opfer der Philister, nichts war ver 
gessen. Auch war die Neugier der Personen, die 
hingingen, um es zu sehen, befriedigt. Der 
Eigenthümer hatte den Göttinger Professoren 
einen Platz angeboten, sie hatten aber dafür ge 
dankt. Er war ein sehr artiger junger Mann, 
dessen Frau sehr liebenswürdig erschien, es sollte 
die Tochter eines französischen Predigers aus 
Holland sein; sie kamen von Hamburg und ge 
dachten nach Vollendung der Reise durch Deutsch 
land nach England zu gehen, wo sie bessere Ge 
schäfte zu machen hofften, wie in Göttingen. 
Am 5. Juni 1749 schlug der Blitz bei einem 
heftigen Gewitter mehrfach auf der Oberneustadt 
und auch zweimal im Bellevueschloß ein. 
Zu Beginn des Jahres 1750 hielt sich ein 
berühmter englischer Augenarzt Namens Taylor 
eine Zeit lang in Kassel auf, der sich berühmte, den 
Blinden das Augenlicht wieder zu geben, und der 
auch verschiedene Leute mit großer Geschicklichkeit 
operirte, ohne daß uns über die Erfolge seiner 
Operationen etwas mitgetheilt wäre Trotz seiner 
großen Gewandtheit, die ihm niemand absprach, 
galt er mehr für einen großen Charlatan und 
hatte sogar den Spitznamen „Hase" bekommen; 
hierzu trug wesentlich bei, daß er an seinem Wagen 
und allen seinen Werkzeugen eine lateinische In 
schrift angebracht hatte, welche besagte, daß der 
jenige, der einem das Augenlicht wiedergiebt, ihm 
das Leben wiedergiebt. Durch sein Auftreten, 
bei dem er viel Geist und eine große Geschicklich 
keit, sich in einem angenehmen Lichte erscheinen 
zu lassen, entwickelte, verschaffte er sich aber einen 
andern Eindruck; er hielt im Kunsthaus einen 
öffentlichen Vortrag, zu dem er auch Damen ein 
lud , von denen aber nur wenige kamen. Auch 
in Privathäusern hielt er private Vorträge. Da 
bei zeigte er seine sänimtlichen Werkzeuge und 
Gebrauchsgegenstände vor; alle Werkzeuge waren 
von Silber und in eleganten Behältern aufbe 
wahrt. Alle Augenkrankheiten, an der Zahl 297, 
zeigte er in Miniatur gemalt in kleinen vier 
eckigen Kästchen unter guten Gläsern, auch führte 
er einen Kasten voll sehr schön gearbeiteter künst 
licher Augen in allen Farben bei sich. Er hatte 
fast alle europäischen Höfe besucht und bereiste 
nun die deutschen. Von Kassel begab er sich zu 
nächst nach Göttingen. 
Im Juni 1750 kam der preußische Feldinar 
schall von S ch m e t t a u in Begleitung des Pro 
fessors Grischow seines Mitglieds der Akademie 
der Wissenschaften zu Berlin) und eines Ingenieurs 
nach Kassel um den Meridian zu ziehen*); sie 
beobachteten dabei in Kassel die Eklipse des Mondes. 
*) Nach Erbauung des Museums wurde der Meridian 
durch einen in den Fußboden des großen Bibliotheksaals 
eingelegten von den Bildern des Thierkreises begleiteten 
Mesfingstreifen bezeichnet.
	        

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