Full text: Hessenland (7.1893)

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Engelbroyner als Geheimer Legationsrath in sachsen- 
gothaische Dienste. 
Im Jahre 1766 stiftete Engelbronner, wie bereits 
oben bemerkt, hier in Kassel die erste bürgerliche 
musikalische Gesellschaft, nachdem er bereits ver 
schiedene Jahre hindurch wöchentlich Konzerte in 
seinem Hause hatte aufführen lassen. Er selbst läßt 
sich über die musikalische Gesellschaft (wir citiren hier 
nach Strieder) wie folgt vernehmen: 
,Der Geschmack zur Musik war in Hessen seit 
200 Jahren schon dreimal gefallen. Zur Zeit 
Philipp des Großmüthigen wollten die Reformatoren 
alles sinnliche Gefühl und sogar die Orgel abschaffen. 
Es blieb in der Kirche endlich bei der halben Be 
gleitung eines Psalms oder Liedes. Landgraf Moritz 
war ein großer Kenner und selbst Kompositeur. 
Der 30jährige Krieg erstickte aber die Kunst und 
der Mangel der Choralschüler verminderte im Lande 
den Geschmack, wozu sonst der muntere Hesse geboren 
ist. Endlich erhob der große Karl die Kunst wieder, 
und seine Oper und Orchester machten Ruhm in 
Deutschland. Der folgende König Friedrich war 
entfernt, und hatte seinen Hürlebusch und Birkenstock 
in Stockholm. In Kassel blieb von Landgraf Karls 
Kapelle nichts übrig als die großen Hautboisten Sus 
und Scherer. Abermals fiel hier also die Musik. 
Aber das Ohr Friedrichs hatte schon etwas von 
der Wirkung der großväterlichen Musik vernommen, 
und führte sie nach einem fast 30jährigen gänzlichen 
Stillschweigen durch Herbeirufung großer Tonkünstler 
desto herrlicher wieder ein. Damit diese Kunst nicht 
wieder verscheucht werde, so müssen Liebhaber und 
junge Künstler sich bilden — dies war der End- 
zweckder musikalischen Gesellschaft. Eine 
unter höherem Ansehen stehende Akademie der 
Musik, und daß die Chorgesänge wieder eingeführt 
würden, wäre das Wünschenswertheste". 
Die musikalische Gesellschaft hielt, wie Strieder 
1783 schreibt, in dem sog. Neuen Bau ihre Ver 
sammlungen ab. Zur Erhaltung der nothwendigen 
gesellschaftlichen Ordnung wurden im Jahre 1774 
Gesetze abgefaßt, die auf einen Oktavbogen gedruckt 
sind. Es hatte die Gesellschaft ihre eigen gehörigen 
Instrumente und Musikalien. Letztere wurden mit 
Wahl theils auf gesellschaftliche Kosten angeschafft, 
theils war auch jedes neu zugegangene Mitglied 
verbunden, die Gesellschaft mit drei musikalischen 
Stücken, welche in Sinfonien, Konzerten oder Arien 
bestehen konnten, zu bereichern. Die Anzahl der 
Personen beiderlei Geschlechts war ziemlich stark. 
Reisende Virtuosen und Musici fanden da die 
bequemste Gelegenheit, zum Gehör zugelassen zu 
werden. — 
Aus Anmuth, und Fremde. 
In der Monatsversammlung des Kasseler Ver 
eins für hessische Geschichte und Landes 
kunde vom 27. März theilte der Vorsitzende, 
Bibliothekar vr. H. Brunner, mit,' daß die dies 
jährige Hauptversammlung am 24., 25. 
und 26. Juli zu Hofgeismar stattfinden wrde. 
Am 29. März unternahm der Verein seinen 
ersten diesjährigen Ausflug nach Burghasungen 
Ueber den hochinteressant» Vortrag, welchen dortselbst 
Herr vr. Brunner hielt, berichtet die »Kasseler 
Allgemeine Zeitung" wie folgt: 
»Die Gründung des Klosters Hasungen wurde 
durch den emem schwäbischen Geschlechte entsprossenen 
Mönch Heimerad veranlaßt, der durch eine Pilger 
fahrt nach Rom und Jerusalem in den Ruf großer 
Heiligkeit gekommen war. Im Kloster Hersfeld 
war Heimerad mit dem Abt in Konflikt gerathen und 
wurde von dort verjagt. " Sodann versah er in 
Kirchberg den Gottesdienst. Auch hier wurde er 
verjagt, als man eines Tages den Gotteskasten er 
brochen und beraubt fand und Heimerad jede Aus 
kunft verweigerte. Nunmehr wandte sich der Mönch 
nach Dietmelle, wo sich eine alte und eine neue 
Kapelle befanden. Ja ersterer las Heimerad Messe 
und predigte, und viel Volk strömte ihm zu. Infolge 
Streites mit der Frau eines Vikars wurde Heimerad 
mit Hunden aus dem Dorfe gejagt. Da er auch 
beim Bischof von Paderborn keine Aufnahme ge 
funden, ging er nach Hasungen und erhielt die Er 
laubniß, sich hier ansiedeln zu dürfen (1010). Er 
starb 1019 und hatte vorher geweissagt, daß sich 
später über seinem Grabe ein Gotteshaus erheben 
werde. 1071 ward der Berg durch Herzog Otto 
von Nordheim besetzt und befestigt im Krüge gegen 
Heinrich IV. Das Kloster wurde vom Erzbischof 
Siegfried von Mainz erbaut. Die erste Nachricht 
über dasselbe findet sich aus dem Jahre 1074. Es 
gab damals 12 Mönche dort. Mit der Zeit wurde 
Hasungen eines der reichsten Klöster Hessens. 1330 
wurde es von Zierenberger Bürgern plötzlich über 
fallen, geplündert und zum Theil in Brand ge 
steckt. Zur Sühne mußten die Zierenberger 4 Jahre 
lang 400 Fuder Zimmerholz aus dem Rheinhardts 
und Kaufungerwald nach Hasungen fahren, ferner an 
einem bestimmten Tage in jedem Jahre 300 Mann, 
jeder mit einer '/ 2 Pfund schweren Wachskerze in der 
Hand, nach dem Kloster wallfahrten und die Kerze 
am Altar niederlegen. Allmählich gerieth aber die 
Klosterzucht in Verfall und nach Einführung der 
Reformation wurde das Kloster 1527 durch Philipp 
den Großmüthigen aufgehoben. Das Klostergut 
wurde, nachdem man den Abt und die Mönche ab 
gefunden, zur Gründung der Universität in Marburg 
verwandt. 1528 trat der Abt mit 21 Mönchen zum 
Protestantismus über und nahm im alten Dechanei
	        

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