Full text: Hessenland (7.1893)

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Der alte Ritter jagte einst Wild im nahm Wald, 
Indeß die Gegend plagte ein Volk von Mißgestalt. 
Ein Haufe der Gesellen schlug auf allda sein Zelt, 
Die raubend, mordend stellen nach fremdem Gut und Geld. 
Die sehn den Ritter schweifen ganz arglos kühn daher. 
Sie nahen, sie ergreifen ihn trotz der Gegenwehr. 
Doch da er war gefangen, stieß laut er in sein Horn, 
Daß weit die Töne klangen bis zu dem Wieftnborn, 
Wo Hermann iüst verweilte und schlürfte küblen Trank, 
Er hö-t den Schall, er eilte, als schon die Hoffnung sank 
Dem Alten, daß ein Retter ihm noch erscheinen werd, 
Da kam wie Blitz im Wetter der jüngere Gefährt. 
Von seinen Schwertesslreichen zur Erde sinken drei, 
Die Anderen entweichen, der alte Herr ist frei! 
Die Räuber in , dem Blute, die rmgen mit dem Tod, 
Dem Retter nun der Gute die Hand voll Dankes bot. 
Sie gehn und angelanget in Schlosses Rittersaal 
Wie ward Hermann gedanket? Mit goldenem Pokal? 
D nein! Selbst zugeführet hat Vater ihm die Maid! 
,Der Preis Dir jetzt gebühret, Du Held im 
schweren Streit! 
O welch ein Glück kür Beide! den Arm er um sie schlang, 
Die Freude blüht aus Leide, manch süßes Wort erklang. 
„Sie sei Dir angetrauet", der alte Herr es spricht. 
Das Schloß, das Du gebauet, der Feind erstürmt es nicht! 
Der Alte hat's gesprochen, der Zunge macht es wahr, 
Ob Feinde kühn auch pochen, er trotzet der Gefahr. 
Er hat sie wohl gehalten, die Hausfrau als Juwel. 
Ihr Thun ist stilles Walten und Liebe ohne Fehl. 
Wer dieses Paar gewesen von Stamm und von Geburt? 
Der Junge hieß Riedesel, der Alte Röhrenfurt. 
Das gold'ne Band geschlungen, es währte viele Jahr, 
Und Nachwuchs ist entsprungen, ein reicher diesem Paar. 
Der Siegreiche ward Ahne von edelem Geschlecht. 
Das hoch einst trug die Fahne im Kampf für Ehr' und Recht. 
Sie waren feste Wälle, Schutz ihrem Vaterland, 
In Hessen die Marschälle, dem Fürsten treu zur Hand. 
Marburg. H. Hh. Atthrrrar. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Johann Konrad Engelbronner. Wer 
ist Johann Konrad Engelbronnet? hören wir unsere 
Leser fragen. In der That, diese Frage ist keine 
unberechtigte. Mehr als 100 Jahre sind verflossen, 
seit Engelbronner in der Stadt Kassel gelebt und 
gewirkt hat, der Familienname existirt hier nicht 
mehr und wer sich nicht zufällig mit der Kultur- und 
Kunstgeschichte zur Zeit des Landgrafen Friedrich II. 
beschäftigt hat, dem wird zweifellos der Name ,Engel- 
bronner" vollständig unbekannt sein. Und doch hat 
sich Engelbronner ein sehr großes Verdienst um 
unsere Vaterstadt Kassel erworben, das heute noch 
die vollste Anerkennung und Würdigung verdient. 
Es dürfte wohl wenige Städte in unserem großen 
deutschen Vaterlande geben , in welchen mit solch' 
großer Vorliebe die edle ,Musika" gepflegt wird, 
wie gerade in Kassel. Hier herrscht in allen Kreisen 
der Gesellschaft wirklicher, nicht erkünstelter Sinn 
und wahrhaftes Verständniß für Musik, und dieser 
j Sinn und dieses Verständniß werden wesentlich ge- 
- fördert nicht nur durch das vorzügliche Orchester des 
königlichen Theaters, die trefflichen Militärkapellen 
der hiesigen Garnison, es besteht hier auch eine sehr 
große Anzahl von Vereinen, deren ausgesprochener 
Zweck die musikalische Ausbildung ihrer Mitglieder 
ist, und deren musikalische Leistungen zumeist sehr hoch 
zu schätzen sind. Es war in Kassel ein bedeutsames, 
für die Zukunft der musikalischen Volksbildung sehr 
wesentliches Ereigniß, als im Jahre 1766, haupt 
sächlich für die Meisterwerke der deutschen Komponisten, 
eine musikalische Gesellschaft in der Stadt 
entstand, durch welche die Kunst neben dem Hof, und 
unabhängig von dessen Geschmack eingebürgert wurde. 
Wer aber war der Stifter dieser ersten 
bürgerlichen musikalischen Gesellschaft 
in Kassel? Kein Anderer als Johann 
Konrad Engelbronner. Es wird gewiß nicht 
ohne Interesse für unsere Leser sein, wenn wir den 
selben nachstehend einige Hauptmomente aus dem 
Leben dieses um die musikalische Bildung in Kassel 
hochverdienten Mannes vorführen. 
Johann Konrad Engelbronner ist aus dem Cle- 
vischen gebürtig, wohin seine Vorfahren aus dem 
Elsaß übergesiedelt waren. Seine Eltern verlor er 
frühzeitig. Besondere Vorliebe für unser Hessenland 
ließ ihn Marburg zu der Universitätsstadt Kassel's 
ausersehen, in der er seine Studien absolvirte. Auch 
wählte er Heften zu seinem neuen Vaterlande, weil 
er, wie Strieder erwähnt, in dem allgemeinen 
Charakter der Heften stets etwas gefunden zu haben 
glaubte, was er bei ihren Vorfahren immer als 
ausgezeichnete Züge, der Liebe und Bewunderung 
werth, beobachtet; er nannte diese Züge »Kattismus* 
oder »Hessismus*. In Marburg war Engelbronner 
mit dem Oberappellationsgerichtsrath Gabriel Otto 
von der Malsburg bekannt geworden. Dieser zog 
ihn nach Kassel und hier wurde er, wie er selbst 
sagt, völlig zum »Hessen". Einen Ruf nach Preußen 
schlug er aus, um im Juli 1753 die Stelle eines 
Lehrers der Edelknaben am Kassel'schen Hofe an 
zunehmen. Nach dem Abgänge seines Freundes 
Reifstem, wurde er im August 1759 zum Hofmeister 
der Edelknaben befördert und 1764 ernannte ihn 
Landgraf Friedrich II. zum Professor des bürgerlichen 
und des Naturrechts am Collegium Carolinum. 
Zum Antritt dieser neuen Stelle schrieb er die Ab 
handlung: Do fictitio fundamento consensus ficti 
vel praesumti in quasi contractibus, Cass. 1764. 
Im Jahre 1768 erhielt er auf sein Ansuchen die 
Entlassung aus dem Hof- und Staatsdienst, blieb 
aber in Kassel wohnen, bis ihn 1772 der Landgraf 
von Hessen-Philippsthal zum Hosrath ernannte und 
ihn zum Hofmeister seines ältesten Prinzen Karl 
berief. Mit diesem machte er eine Reise durch die 
Niederlande, um die, dortigen Plätze und Festungen 
in Augenschein zu nehmen. Im Jahre 1781 trat
	        

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